Le Havre
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Le Havre
„Le Havre“ // Deutschland-Start: 8. September 2011 (Kino) // 30. März 2012 (DVD/Blu-ray)

Inhalt / Kritik

Der Durchbruch als Autor war Marcel Marx (André Wilms) nie wirklich vergönnt. Und so verdient sich der mittlerweile 60-Jährige seinen Lebensunterhalt als Schuhputzer. Sein Leben ist einfach aber glücklich, auch dank seiner Ehefrau Arletty (Kati Outinen), die sich um ihn kümmert und die eigentlich viel zu gut für ihn ist. Sein beschaulicher Alltag wird jedoch eines Tages empfindlich getrübt. Nicht nur dass Arletty ins Krankenhaus muss, wo sie für mindestens zwei Wochen bleiben soll. Das bedeutet, dass er sich in der Zwischenzeit um alles selbst kümmern muss. Darüber hinaus macht er die Bekanntschaft des afrikanischen Flüchtlingsjungen Idrissa (Blondin Miguel), der eigentlich nach London will, aber erst einmal in der französischen Hafenstadt Le Havre gefangen ist. Für Marcel ist klar, dass er sich des Jungen annehmen muss – umso mehr, da Kommissar Monet (Jean-Pierre Darroussin) diesem dicht auf den Fersen ist …

Das Leben auf der Flucht

Im Zuge der großen Flüchtlingskrise, welche vor einigen Jahren ganz Europa beschäftigte, fühlten sich auch viele Filmschaffende dazu berufen, das Thema aufzugreifen. Vor allem im Dokumentarbereich gab es unzählige Titel. Aber auch fiktionale Geschichten, die sich der Problematik annahmen, fanden sich eine ganze Reihe. Ein Beispiel hierfür ist das wunderbare Die andere Seite der Hoffnung von Aki Kaurismäki über einen Syrer, den es nach Helsinki verschlägt. Dass dem finnischen Regisseur und Drehbuchautor das Thema am Herzen liegt, demonstrierte er jedoch schon früher: Le Havre handelte bereits 2011 von einem Flüchtling und dessen Odyssee auf dem Weg in die neue Heimat, also einige Jahre, bevor es zu einem derartigen Massenphänomen geworden war.

Interessant dabei ist, wie der gefeierte europäische Filmemacher dieses Thema aufgreift. Eigentlich bringt man seinen Namen mit Melancholie in Verbindung, die von skurrilem Humor durchbrochen wird. Das ist bei Le Havre zwar grundsätzlich ähnlich. Er beschreibt die französische Hafenstadt als einen Ort ohne echte Perspektive, in der alles ein wenig heruntergekommen und schäbig ist. Dass die Flüchtlinge hier landen, geschieht nicht so ganz aus freiem Willen. Sie sind mehr zufällig da gelandet und wollen eigentlich schnell wieder weiter. Die Bilder sind oft von Grau- und Blautönen geprägt. Eine zentrale Rolle in der Handlung spielt ein einstmals gefeierter Sänger, der Trübsal bläst, weil ihn seine Frau verlassen hat. Der Schwung ist raus, es bleibt den Leuten nur zu trinken und zu rauchen und dabei die Münzen zu zählen, die ihnen geblieben sind.

Ernstes Thema als Märchen

Und doch ist Le Havre, das bei den Filmfestspielen von Cannes 2011 um die Goldene Palme wetteiferte, kein düsteres Sozialdrama, obwohl es das Thema hergeben würde. Stattdessen entschied sich Kaurismäki seinerzeit, in Zukunft doch etwas nettere und freundlichere Filme drehen zu wollen. Und ein solcher ist die Geschichte um Marcel und Idrissa geworden, was einige damals überrascht haben dürfte. Das zeigt sich bereits visuell, wenn die angesprochene Optik in kühlen Farben durch freundlichere Tupfer ergänzt wird. Da ist beispielsweise das gelbe Kleid, welches Arletty trägt und das sie an die frühe Begegnung mit Marcel erinnert. Ein Symbol der Hoffnung, der Gemeinschaftlichkeit, verbunden mit einer leichten Wehmut, wenn an frühere, einfachere Zeiten gedacht wird.

Aber auch die Gegenwart hält einige schöne Erfahrungen bereit. So lässt Kaurismäki nicht nur Marcel, sondern auch andere Leute des Viertels zusammenrücken, um dem Jungen zu helfen. Le Havre ist ein Film über Elend und Verlust, aber vor allem auch ein Film über Solidarität und Hilfsbereitschaft. Das ist dann nicht unbedingt realistisch, soll es aber auch gar nicht sein. Vielmehr hat die Tragikomödie deutlich märchenhafte Züge, entwickelt Wohlfühlqualitäten, die man von dem Finnen so nicht unbedingt erwartet hat. Das Publikum wird auf Missstände hingewiesen, gleichzeitig aber auch ermuntert, sich diesen nicht einfach zu ergeben. Der Glaube daran, dass sich für alles eine Möglichkeit findet, so unwahrscheinlich diese auch sein mag, ist natürlich idealisierend. Aber manchmal braucht es solche Aufmunterungen, zumal diese hier ohne den Kitsch auskommt, den man sonst bei solchen Filmen findet. Statt eines oberflächlichen Ernstes gibt es hier Augenzwinkern, schräge Figuren und eine Ananas.

Credits

OT: „Le Havre“
Land: Finnland, Frankreich, Deutschland
Jahr: 2011
Regie: Aki Kaurismäki
Drehbuch: Aki Kaurismäki
Kamera: Timo Salminen
Besetzung: André Wilms, Kati Outinen, Jean-Pierre Darroussin, Blondin Miguel, Elina Salo, Evelyne Didi, Quoc Dung Nguyen

Bilder

Trailer

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Le Havre
Fazit
„Le Havre“ behandelt ein an und für sich ernstes Thema, wenn ein Flüchtlingsjunge in der gleichnamigen französischen Hafenstadt landet und wieder abgeschoben werden soll. Der notorische Melancholiker Aki Kaurismäki macht aus dem Stoff aber ein überraschend wohltuendes Märchen voll schräger wie hilfsbereiter Figuren.
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