Parallele Mütter Madres Paralelas
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Parallele Mütter

Parallele Mütter
„Parallele Mütter“ // Deutschland-Start: 10. März 2022 (Kino)

Inhalt / Kritik

Bei einem Shooting lernt Fotografin Janis (Penélope Cruz) den Archäologen Arturo (Israel Elejalde) kennen. Sie will mit ihm über das Massaker der spanischen Franco-Faschisten an ihrem Urgroßvater sprechen, der zusammen mit neun anderen Männern nahe seines Heimatdorfes verscharrt wurde. Ob Arturo helfen könne, die Leichen zu bergen und ihnen eine würdevolle Ruhestätte zu geben? Der attraktive Intellektuelle verspricht Unterstützung – aus dem gemeinsamen Engagement wird eine Affäre, die nicht folgenlos bleibt. Janis freut sich riesig, so sehr hatte sie sich immer ein Baby gewünscht, auch wenn Arturo die Vaterrolle nicht übernehmen wird. Recht unsicher über ihre bevorstehende Mutterschaft ist dagegen die minderjährige Ana (Milena Smit), mit der sich Janis das Krankenhauszimmer teilt. Beide bekommen zur gleichen Zeit die ersten Wehen, beide gebären synchron und beide müssen ihre Töchter wegen kleiner Komplikationen auf die Beobachtungsstation geben. Nach dem Ende des Klinikaufenthalts scheinen sich die Wege der parallelen Mütter zu trennen. Doch das Schicksal hat noch etwas mit ihnen vor.

Der Frauenversteher

Alles wie gehabt bei Pedro Almodóvar, dem Spezialisten für ebenso unkonventionelle wie starke Mutterfiguren? Das wäre ein wenig dünn für einen Autorenfilmer, der seinen Themen zwar treu bleibt, ihnen aber ähnlich wie Ingmar Bergman oder Woody Allen immer neue Facetten abgewinnt. Tatsächlich bleibt der Spanier bei seiner tiefen Verehrung für die Frauen im Allgemeinen und die Leben Spendenden im Besonderen nicht stehen. Etwas ist neu im Versuch, das Wunder zu durchdringen, das mit Begriffen wie Mutterliebe oder Instinkt, mit Güte, Hingabe oder Bindung nur unzureichend umschrieben wird.

In die Verehrung mischt sich ein dunklerer Ton. Wäre es möglich, dass die Sehnsucht nach dem Kind auch eine Kehrseite birgt, eine Art Obsession, die ins Unmoralische, vielleicht sogar Böse umschlagen könnte? Tatsächlich hält der Frauenversteher auf dem Regiestuhl das für denkbar. Er schickt seine enge Vertraute und Muse, die von ihm entdeckte Penélope Cruz, in ein emotionales Labyrinth. Und den Film ein Stück weit in Richtung Krimi. Wie weit wird Janis gehen, um ihr Baby zu behalten?

Etwas anderes ist ebenfalls neu. Schon lange nicht mehr hat sich Almodóvar so explizit politisch geäußert. Wenn es um Spanien geht, um die Schatten der Vergangenheit unter Diktator Franco, funkeln die Augen von Janis, ihr Körper bebt vor Spannung und in der Stimme vibriert Wut. Noch Hunderttausend Vermisste aus der Zeit des Bürgerkrieges (1936 bis 1939) liegen wie ihr Urgroßvater irgendwo verscharrt unter der Erde, schleudert sie der politisch unbeleckten Ana entgegen. Solange sich das Land weigere, jede einzelne dieser Leichen auszugraben und deren Schicksal zu dokumentieren, werde es keine gesunde Zukunft geben, sondern nur Lügen, Verdrängung und Spaltung.

Auf den ersten Blick läuft diese politische Erzählung recht unverbunden, quasi parallel, neben den privaten Dramen der Mutterschaft her. Sie scheint den Film zu rahmen, Anfang und Ende zu bilden, um zwischendrin komplett zu verschwinden. Das täuscht natürlich. Privates und Politisches sind bei Almodóvar nicht zu trennen. Wer die Leichen im Keller des Landes ausgraben will, darf im eigenen Haus keine vergraben.

Schreie und Flüstern

Es gibt lange nachhallende Szenen in diesem Film, der ästhetisch ins gewohnte Universum des Regisseurs eintaucht, mit satter Farbsymbolik, sanft bewegter Kamera und hell ausgeleuchteten Innenräumen. Etwa, wenn Janis mit der jungen Ana alte Fotos anschaut, von ihrer Hippie-Mutter erzählt und dass sie nach Janis Joplin benannt ist, der früh verstorbenen Rockikone aus den 1960ern, von der Ana noch nie gehört hat. „Summertime“ erklingt, der Song, in dem das Leben leicht ist, interpretiert von eben dieser Janis Joplin in deren unvergleichlich herzzerreißender Art, zwischen Flüstern und Schreien. Es ist ein magischer Moment, die Zeit scheint still zu stehen, weil sich Ana und Janis einander so nah fühlen, dass beiden Tränen in die Augen treten.

Immer wieder legt der Film Spuren wie diese. Es ist, als würde er eine bestimmte Richtung einschlagen, zum Beispiel auch, wenn Janis ein T-Shirt mit der Aufschrift „we should all be feminists“ trägt. Aber das sind falsche Fährten. Die Geschichte schlägt Haken und hält so die Spannung hoch. Zwischen Drama, Thrill und Politik schlängelt sie sich hindurch, um zu einer Wahrheit durchzudringen, die Almodóvar in jedem seiner gelungenen Werke seit Alles über meine Mutter (1999) aufgespürt hat: Das Leben ist zu meistern, wenn man sich verdrängten Traumata stellt. In die Reihe dieser Arbeiten über komplexe und schwierige Familien- und Geschlechtermodelle reiht sich Parallele Mütter ein – ohne daraus besonders hervorzustechen, aber auch ohne die hohen Erwartungen zu enttäuschen, die man an jeden neuen Film von Pedro Almodóvar hat.

Credits

OT: „Madres Paralelas“
Land: Spanien
Jahr: 2020
Regie: Pedro Almodóvar
Drehbuch: Pedro Almodóvar
Musik: Alberto Iglesias
Kamera: José Luis Alcaine
Besetzung: Penélope Cruz, Milena Smit, Aitana Sánchez-Gijón, Israel Elejalde

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 2022 Beste Hauptdarstellerin Penélope Cruz Nominierung
Beste Musik Alberto Iglesias Nominierung
BAFTA 2022 Bester fremdsprachiger Film Nominierung
César 2022 Bester ausländischer Film Nominierung
Film Independent Spirit Awards 2022 Bester internationaler Film Nominierung
Golden Globes 2022 Bester fremdsprachiger Film Nominierung
Beste Musik Alberto Iglesias Nominierung
Venedig 2021 Goldener Löwe Nominierung
Beste Schauspielerin Penélope Cruz Sieg

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Parallele Mütter
Fazit
Pedro Almodóvar erzählt in seinem neuen Film erneut vom Wunder der Mütterlichkeit, aber mit neuen Akzenten und verwoben mit einer selten so deutlichen politischen Dimension. Penélope Cruz, die langjährige Muse des Regisseurs, darf neben ihrer liebevoll-fürsorglichen auch ihre abgründige Seite ausloten. Für ihre schauspielerische Leistung bekam sie bei den Filmfestspielen in Venedig den Preis als beste Hauptdarstellerin.
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