Hollywoodtürke
© 20th Century Fox

Hollywoodtürke

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Hollywoodtuerke
„Hollywoodtürke“ // Deutschland-Start: 13. Juni 2019 (Kino)

Der türkischstämmige Alper (Murat Ünal) ist Schauspieler, schafft es aber nicht einmal, für türkische Rollen gecastet zu werden, da er in den Augen der Verantwortlichen nicht authentisch genug für lebende Klischees ist. Als die aspirierende Filmstudentin Sophie (Jennifer Bischof) einen Italiener sucht, welchen sie für ihren Bewerbungsfilm dokumentieren kann, fasst er den Entschluss, sich als solcher auszugeben. Das gelingt ihm so gut, dass er infolgedessen sogar alsbald in einer großen Rolle gecastet wird – ausgerechnet als muslimischer Terrorist. Auflösen kann er seine Scharade nicht so leicht, schließlich fängt er an, sich in Sophie zu verlieben, und sie mag es überhaupt nicht, belogen zu werden. Allerdings gibt auch sie sich in gewisser Weise für jemand anderen aus …

Das Spiel mit den Klischees

Sämtliche deutsche Independentfilmmacher scheinen es sich auf die Fahne geschrieben zu haben, gängige Praktiken der „Großen“ anzugreifen und es selbst besser machen zu wollen, nur um dann den gleichen Mist abzuliefern, dafür aber in schlechterer Qualität und mit mehr Selbstüberschätzung. Das ist natürlich eine unfaire Generalisierung den tatsächlich talentierten Indiefilmern gegenüber, welche in der Masse ihrer vorlauten Kollegen untergehen – mit anderen Worten, es ist ein Klischee. Klischees, genauer klischeehafte Besetzungen, sind es, welche Murat Ünal in seinem Regiedebüt Hollywoodtürke ins Auge fasst. „Der Türke“ würde ja nur als Drogendealer oder Dönermann gecastet. Es mag einiges an Wahrheit in dieser Beobachtung stecken, was dabei anscheinend übersehen wird, ist die Tatsache, dass dies kein Privileg türkischer Schauspieler ist. Der Begriff Typecasting existiert nicht zum Spaß. Alper gibt sich als Italiener aus, um seinem Schicksal zu entgehen, aber wie viele verschiedene Filmrollen werden denn mit Italienern assoziiert? Die arbeiten entweder im Restaurant oder bei der Mafia, viel Varianz gibt es da nicht unbedingt. Der einzige italienische Charakter im Film arbeitet übrigens im Restaurant.

In dieser Hinsicht wirkt das alles ein wenig undifferenziert, allerdings ruht sich Hollywoodtürke nicht auf der vermeintlichen Opferrolle aus; der Film zeigt, wenn vielleicht auch etwas zu subtil, um nicht zu sagen unausgegoren, auf, dass praktisch niemand vor Stereotypen und den damit einhergehenden Vor- beziehungsweise Nachteilen gefeit ist. Gegen Ende kann auch Hollywoodtürke sich nicht dagegen wehren, dem Drang zur selbstherrlichen Selbstreferenzialität zu erliegen, welche so viele deutsche Independentproduktionen plagt, insbesondere im Komödienbereich.

Von diesem kleinen Fehltritt abgesehen, hebt Ünal sich vom Gros der deutschen Independentfilmemacher allein dadurch ab, dass er diesen Film gemacht hat. In gewisser Weise ist er der Bruce Lee der deutschen Independentszene. Chinesische Schauspieler wurden zu Lees Zeiten in Hollywood nur in bestimmten, eher unlöblichen Rollen gecastet. Statt im Internet für Likes rumzuheulen, wie unfair und rassistisch das wäre, ist er einfach nach Hongkong gegangen, hat seinen eigenen Film aus dem Boden gestampft und im Zuge dessen die Industrie gezwungen, ihre Besetzungspolitik zu überdenken – und das sicher nicht nur, weil er nicht über die technischen Möglichkeiten für ersteres verfügte. Ünal kann vielleicht keinen perfekten one-inch punch ausführen (hoffe ich zumindest meiner kritischeren Worte wegen), aber er ist dennoch ein Kämpfer. Seine Geschichte der Ablehnung seitens großer Studios/Vertriebe ist die vieler Indiefilmer, statt nach zwei Absagen aufzugeben und sich darüber zu beschweren, dass „die da oben“ ja keine Ahnung hätten, blieb er über Jahre dran; so landete Hollywoordtürke nicht nur 2019 im Kino, sondern Ende 2021 auch auf Disney+.

Filmemachen ohne Geld

Klischees komödiantisch aufzeigen zu wollen, birgt immer die Gefahr, dass die Parodie selbst zum Klischee wird. Schauspiel, Kamera, Beleuchtung, Ton, das ganze Drumherum kann bei einem Independentfilm mit fehlendem Budget, fehlender Unterstützung, fehlendem Allem einigermaßen entschuldigt oder zumindest erklärt werden. Diese Bereiche gehören zweifellos zu wichtigen Bewertungskriterien eines Filmes, sind aber letztendlich oft schlicht eine Frage des Geldes. Niemand kann bei einer Nobudgetproduktion einen Amadeus erwarten und natürlich wäre Amadeus nicht der beste Film aller Zeiten, wäre er mit einem Toaster gefilmt worden. Aber es wäre immer noch ein guter Film, weil die Story stimmt. Dass dem Drehbuch in Deutschland wenig Wert beigemessen wird, ist ein offenes Geheimnis, ironischerweise ist dieser Vorwurf besonders in Indiekreisen prävalent, deren Vertreter in der festen Überzeugung, es besser zu machen, völligen Stuss fabrizieren und den eigentlichen Fokus aufs Optische legen.

Auch hier setzt Ünal sich ab. Hollywoodtürke bekäme sicher keinen Oscar für die Beste Kamera (sieht aber zum Beispiel schon einmal filmischer aus als El Comediante), dank Zeitmangel geschuldeter Anschlussfehler auch keinen für den Besten Schnitt, aber es ist ein ehrlicher Film. Es kann von niemandem mehr verlangt werden, als das Optimum aus den gegebenen Umständen herauszuholen, weshalb in den vorgenannten Bereichen Nachsicht gewährt werden kann. Beim Drehbuch aber gibt es keine Ausreden, vor allem nicht im Indiebereich, weil kein Finanzier reinredet. Nun ist es schwierig zu beurteilen, wie das Drehbuch vor Einmischung von 20th Century Fox aussah, denn sicherlich werden für die Kinofassung Änderungen beim Schnitt vorgenommen worden sein. Allerdings ist nicht davon auszugehen, dass die Originalversion sich dem Hauptkritikpunkt entziehen kann: Die Geschichte ist klischeehaft und vorhersehbar; der Blick auf Klischees, die Inszenierung von Klischees, die Kritik an Klischees ist klischeehaft.

Sympathisch, aber nicht gut genug

Glücklicherweise fällt das bei einer RomCom nicht allzu sehr ins Gewicht, es ist einfach nur schade, dass nicht mehr aus der Thematik herausgeholt wurde. Den meisten etablierten deutschen Komödien steht das Drehbuch jedenfalls nicht sonderlich nach. Ünal, welcher aus Personalmangel selbst die Hauptrolle übernahm, sympathisiert sich als Alper durch den Film, auch der restliche Cast überzeugt gemessen daran, was es ist, absolut. Einige Darstellungen erreichen manchmal sogar durchaus Kinoniveau. Bei den Witzen sind einige Rohrkrepierer dabei, oft hilft die Delivery von Ünal und Co. allerdings, dem Zuschauer ein Lachen zu entlocken. Hinsichtlich des Finanziellen und der Traumverwirklichung mag die Kinoauswertung ein Segen gewesen sein, allerdings muss Hollywoodtürke sich somit auch als Kinofilm bewerten lassen und da liegt die Messlatte doch ein wenig zu hoch für das, was er zu leisten vermag. Es ist ein Film, den das Herz besser bewerten möchte und der sicher viele Leute unterhalten wird, aber mit den kalten, zynischen Augen eines Kritikers betrachtet müssen leider Abstriche gemacht werden.

Credits

OT: „Hollywoodtürke“
Land: Deutschland
Jahr: 2019
Regie: Murat Ünal
Drehbuch: Ahmet Iscitürk, Murat Ünal
Musik: Fabian Weisenberger
Kamera: Jean-Pierre Meyer-Gehrke
Besetzung: Murat Ünal, Jennifer Bischof, Ilkan Aydin, Baris Simsek, Olivia Marei, Matthias Friedrich, Christian Harting

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Die Entstehungsgeschichte von „Hollywoodtürke“ ist faszinierender als der Film selbst, dennoch ist dem Regiedebütanten unter widrigsten Umständen hier ein unterhaltsamer Streifen gelungen. Rein mit dem Herzen bewertet wären mehr Punkte verdient, aufgrund einiger, größtenteils unverschuldeter Mängel ist so objektiv wie möglich betrachtet aber leider nicht mehr drin.
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