In seinem Dokumentarfilm Lene und die Geister des Waldes begleitet Dieter Schumann die siebenjährige Lene, während sie die Schönheit der Natur und die dort lebenden Menschen kennenlernt. Zum Kinostart am 25. November 2021 unterhalten wir uns mit dem Regisseur über die Liebe zur Natur, realistische Wald-Bilder und ein Bewusstsein für Tod und Seele.

 

Wann waren Sie zuletzt im Wald?

Vor ein paar Tagen. Ich war im Bayerischen Wald, wo wir gedreht haben. Da hatten wir die Premiere des Filmes. Anschließend habe ich eine Woche Urlaub beim Wald-Obelix in seiner Hütte gemacht. Die kann man jetzt als Ferienhaus mieten. Der Wald-Obelix ist so ein herzlicher Mensch. Das ist auch einer der Gründe, warum ich als Mecklenburger den Film im Bayerischen Wald gedreht habe. Entscheidend waren wirklich die Menschen, die dort leben. Sie sind voller Empathie – nicht nur die einzelnen Protagonisten im Film, sondern die gesamte Bevölkerung. Ihr Herz schlägt wirklich für die Natur. Und diese Liebe geben sie auch an die nächste Generation weiter. Für die Kinder und Jugendlichen dort ist es „unser Wald“, den es zu schützen gilt. Deshalb war das der beste Ort, um diesen Film zu drehen. So eine Geschichte kann man nur über Menschen erzählen. Schöne Bilder alleine reichen nicht.

Was hat Sie dazu bewegt, diesen Film zu drehen?

Der Wald ist mit das Wichtigste, was wir haben. Dort lebt eine so große Artenvielfalt. Das hat in mir den Wunsch geweckt, einmal einen Film über den Wald zu drehen. Außerdem bin ich selbst in der Natur groß geworden. Die Käfer zu bewundern, auf Bäume zu klettern, Äpfel zu pflücken, das habe ich auch alles selbst gemacht. Meine Enkel hingegen haben einen indirekteren Zugang zur Natur. Sie bauen ihr Weltbild über die mediale Übermittlung auf und nicht über den direkten, sinnlichen Zugang. Natürlich ist mein Film auch wieder ein Medienprodukt, allerdings hat er das Ziel, sie damit in den Wald zu locken. Wir haben den Film bewusst so gestaltet, dass ihre Neugierde und ihr Interesse geweckt werden. Hoffentlich.

Sie haben sich dafür entschieden, den Film aus der Sicht einer Siebenjährigen zu erzählen. Warum?

Lene ist die Führungsfigur, die die Geschichte eines Sommers aus der Sicht einer jungen Protagonistin erzählt. Ursprünglich sollte es ein Film für Erwachsene werden. Das Problem ist: Es gibt Dokumentationen, die den bedrohlichen Zustand des Waldes zeigen und es gibt Hochglanz-Naturdokus, in denen die Welt in Ordnung ist. Zurück bleibt ein verwirrter Zuschauer, der im Zwiespalt ist: Gilt es nun die Natur zu retten oder ist doch alles gut? Deshalb haben wir uns sehr bewusst dafür entschieden, bei unserer Dokumentation keine besonderen optischen Effekte zu nutzen, sondern die Natur so zu zeigen, wie sie wirklich wiederzufinden ist. Sonst gehen die Familien, die Dokus mit speziellen Effekten gesehen haben, in den Wald und sagen: „Hier ist es aber langweilig, das gefällt uns nicht. Das macht keinen Spaß.“ Das wollten wir vermeiden. So wie wir den Wald gezeigt haben, findet man ihn auch in Realität wieder.

Die Kinder haben am ehesten ein Defizit in der Begegnung mit der Natur. Aber wenn sie in den Wald gehen, gehen die Eltern oft mit. Deshalb hatten wir den Gedanken, einen Film für Kinder zu machen, der aber auch Erwachsene anspricht.

Was war Ihnen wichtig?

Die Wald-Ursel, die im Film vorkommt und die übrigens wirklich existiert hat, sagte uns: „Wer den Wald nicht kennt, schätzt ihn nicht. Und wer ihn nicht schätzt, schützt ihn nicht.“ Viele Eltern suggerieren ihren Kindern, dass der Wald gefährlich ist. Sie warnen ihre Kinder vor Zecken und Fuchsbandwürmern, sodass die Kinder irgendwann das Gefühl bekommen, der Wald täte ihnen nicht gut. Schützt jemand mit dieser Haltung den Wald? Vermutlich nicht. Dabei ist der Wald ein so tolles Reich der Sinne. Er ist durch Medienprodukte nicht zu ersetzen. Deshalb ist mir im Film der spielerische und lustvolle Umgang mit der Natur so wichtig.

Neben der Idylle, die Sie in Ihrem Film zeigen, geht es aber auch um das Thema Tod und Seele…

Richtig. Die Natur ist nicht nur lieblich, das Thema Tod ist genauso wichtig. In dem Film wird gezeigt, wie Fische getötet werden. Natürlich haben wir uns die Frage gestellt, ob man das in einem Film für Kinder zeigen soll. Ich denke: Ja. Wenn du einen Fisch auf dem Teller hast, muss er vorher getötet werden. So ist die Realität. Und auch das Thema Seele ist ein Bestandteil des Filmes. Der Wald hat ja auch diese magische, spirituelle Seite. Wir Älteren sind noch mit Legenden, Sagen und Geschichten groß geworden. Mir war es wichtig, dass die Kinder die Magie kennenlernen, die Bestandteil der realen Welt ist.

Oft wird das Defizit an ideellem, emotionalem und spirituellem Reichtum durch Konsum kompensiert. Wenn die Kids entdecken, wieviel Reichtum vor ihrer Haustür zu entdecken ist, sind sie vielleicht weniger konsumorientiert. Diese Mehrschichtigkeit an Themen ist der Grund, warum sich auch Erwachsene von diesem Film angesprochen fühlen. Gerade den Großeltern gibt der Film sehr viel, weil er zahlreiche Erinnerungen an ihre Kindheit weckt. Davon können sie ihren Enkeln erzählen und einiges von ihrem Wissen über die Natur weitergeben. Der Film baut somit auch Brücken zwischen den Generationen.



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