Ammonite
© Tobis Film

Inhalt / Kritik

Ammonite
„Ammonite“ // Deutschland-Start: 4. November 2021 (Kino) // 7. Januar 2021 (DVD/Blu-ray)

Die Paläontologin Mary Anning (Kate Winslet) lebt in den 1840ern zurückgezogen an der südenglischen Küste. Viel Kontakt zu anderen Menschen hat sie nicht, abgesehen von ihrer kränkelnden Mutter Molly (Gemma Jones). Sie vermisst das aber auch nicht sonderlich. Ihr reichen die Steine, die sie abklopft, auf der Suche nach Fossilien vergangenen Lebens. Als eines Tages Roderick Murchison (James McArdle) vor ihr steht und sie dazu überreden will, ihn herumzuführen und ihre Arbeit zu zeigen, hält sich ihre Begeisterung dann auch in Grenzen. Aufgrund ihrer schwierigen finanziellen Situation sagt sie dann aber doch zu. Eigentlich dachte sie, den Besucher im Anschluss los zu sein, bis der sie darum bittet, sich einige Wochen um seine melancholische Frau Charlotte (Saoirse Ronan) zu kümmern, die sich an der Küste wieder sammeln soll. Auch darauf lässt sie sich ein, ohne zu ahnen, dass sie und die ihr zunächst so unwillkommene Fremde sich näherkommen werden …

Zwei Menschen entdecken ihre Gefühle füreinander

Es hat schon ein wenig gedauert, bis Francis Lee seine Berufung als Filmemacher gefunden hatte. Zunächst verfolgte der Engländer eine Karriere als Schauspieler, trat in mehreren Nebenrollen auf. Daran verlor er jedoch irgendwann das Interesse, er wollte lieber selbst Geschichten erzählen. Es folgten mehrere Kurzfilme, von denen jedoch eher wenige Notiz nahmen. Erst mit Ende 40 legte der Regisseur, der nie eine Filmschule besucht hat, mit God’s Own Country sein Langfilmdebüt vor. Ein Kassenschlager war das Drama um zwei Männer, die Gefühle füreinander entwickeln, zwar nicht. Dafür wurde es weltweit hoch gelobt, lief auf zahlreichen Festivals und machte ihn zumindest innerhalb der Filmszene auf einen Schlag bekannt.

Das macht sich bei Ammonite, seinem zweiten Film bemerkbar. Arbeitete er bei seinem Debüt mit seinerzeit eher unbekannten Schauspielern zusammen, treten hier immerhin Kate Winslet und Saoirse Ronan auf, also schon die Crème de la Crème der Schauspielkunst. Das sorgt quasi automatisch für noch mehr Aufmerksamkeit, auch außerhalb des Festival-Zirkels. Wer deswegen aber erwartet, dass Lee nun den Verlockungen des großen Geschäfts folgen und Hochglanz-Hollywood erliegen könnte, sieht sich zumindest hier noch getäuscht. Zwar ist die Besetzung um ein Vielfaches prominenter geworden. Ansonsten blieb sich der Brite aber treu. Vieles von dem, was drei Jahre zuvor in seinem ersten Drama hervorstach, findet sich auch in der zweiten Version wieder.

Eine verbotene Liebe

Erneut nimmt uns Lee mit in eine abgelegene Gegend Englands vor und zeigt uns mit dokumentarischen Mitteln die raue Natur seines Heimatlandes. Erneut geht es um zwei Menschen, die beide in sich geschlossen sind und erst einmal niemand an sich heranlassen. Und am Ende kommt es erneut zur Annäherung, wird aus Distanz und leichter Feindseligkeit Zuneigung, wird Leidenschaft, wird Liebe. Unterschiede gibt es dabei natürlich trotzdem. Der offensichtlichere ist der, dass hier zwei Frauen ihre verborgenen Gefühle entdecken. Das ist auch aufgrund des zeitlichen Kontextes wichtig: Während God’s Own Country in der Gegenwart spielt, ist Ammonite mitten im viktorianischen Zeitalter platziert, verbunden mit entsprechenden Moralvorstellungen. Homosexualität ist verpönt. Bei Frauen erst recht, denn die sind nur da, um dem Mann zu dienen.

Dies wird mit dem Porträt einer von Männern unterdrückten, zumindest belächelten Frau verbunden. So gab es die Paläontologin Mary Anning tatsächlich. Und wie im Film wurde sie von den männlichen Kollegen nicht ernst genommen, die ihr vorhielten, keine formale Ausbildung zu haben. Als Frau hatte sie in der Wissenschaft ohnehin nichts zu suchen, so die Ansicht der „Kollegen“. Mit der in Ammonite gezeigten homosexuellen Neigung hat das nichts zu tun. Die wurde von Lee ohnehin erfunden. Aber es fügt sich doch zu dem Bild eines Menschen zusammen, der von der Welt nichts zu erwarten hat und diese deshalb so gut es geht auf Abstand hält. Wobei auch das traditionelle Frauenbild einen Anteil an ihrer Abneigung hat. Eine der bewegendsten Szenen des Drama erzählt, wie Marys Mutter zahlreiche Kinder verloren hat, entsprechend den damaligen Bedingungen, und jeder Verlust sie nachhaltig zerstörte. Keine besonders verlockende Aussicht, um dieser Rolle zu folgen.

Spannende Frauenfigur

Ammonite hat deshalb durchaus feministische Tendenzen, zumal Charlottes Mann nicht unbedingt der einfühlsamste Gatte ist. Es geht aber weniger darum, das Publikum irgendwie überzeugen zu wollen. Vergleichbar zu Porträt einer jungen Frau in Flammen ist die Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen sekundär. Wichtiger sind die Gefühle der jeweiligen Frauen, die im täglichen Umgang ihre Gefühle füreinander entdecken und dadurch eine innere Freiheit gewinnen. Das ist wie beim französischen Kollegen aufgrund der famosen Besetzung sehenswert. Gerade Winslet hat mit ihrer ambivalent angelegten Mary eine dankbare Vorlage und spannende Frauenfigur gefunden, die zwar nicht unbedingt viel mit der realen Mary zu tun hat, für sich genommen aber absolut fesselnd ist.

Credits

OT: „Ammonite“
Land: UK
Jahr: 2020
Regie: Francis Lee
Drehbuch: Francis Lee
Musik: Dustin O’Halloran, Volker Bertelmann
Kamera: Stéphane Fontaine
Besetzung: Kate Winslet, Saoirse Ronan, Gemma Jones, Alec Secăreanu, James McArdle

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Europäischer Filmpreis 2021 Beste Kostüme Michael O’Connor Sieg

Kaufen / Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.




(Anzeige)

„Ammonite“ erzählt von einer belächelten Paläontologin und einer psychisch angeknacksten Ehefrau, die viel Zeit miteinander verbringen und sich dadurch näherkommen. Die Geschichte hat mit der realen Wissenschaftlerin zwar nur bedingt zu tun. Doch die spannende Frauenfigur, getragen von einem famosen Ensemble, und die Aufnahmen des rauen Englands lassen einen das schnell vergessen.
Leserwertung1 Bewertung
10
8
von 10