Inhalt / Kritik

The French Dispatch

„The French Dispatch“ // Deutschland-Start: 21. Oktober 2021 (Kino)

Der French Dispatch ist so etwas wie eine Institution in der kleinen französischen Stadt Ennui-sur-Blasé. Schließlich erzählt die von Arthur Howitzer Jr. (Bill Murray) geleitete Zeitung Geschichten, wie sie kein anderer erzählt – auch weil die Autoren und Autorinnen mehr oder weniger tun, was sie wollen. Und so finden sich darin Schicksale wieder wie die des wegen Mordes verurteilten Malers Moses Rosenthaler (Benicio del Toro), dessen Muse die Wärterin Simone (Léa Seydoux) ist. Dann wäre da noch das revoltierende Paar Zeffirelli (Timothée Chalamet) und Zeffirelli (Lyna Khoudri) sowie die Reporterin Lucinda Krementz (Frances McDormand), welche zuweilen die professionelle Distanz zu ihren Themen missachtet. Oder auch der Kommissar (Mathieu Amalric), dessen Sohn entführt wurde.

Eine lang erwartete Rückkehr

Auch wenn die Corona-Pandemie vor allem den großen Blockbustern zugesetzt hat, zahlreiche Superheldinnen und berühmte Spione nicht wie geplant an den Start gehen konnten: Auch im Arthouse-Bereich kam es zu Verschiebungen diverser Hochkaräter. Einer der meist erwarteten ist dabei sicherlich Wes Andersons The French Dispatch. Nicht nur, dass der Film mehr als ein Jahr nach dem ursprünglich angedachten Termin anläuft. Fans haben zudem Jahre warten müssen, bis überhaupt ein Lebenszeichen des Kultregisseurs erfolgte. So ist sein vorangegangener Film, das hoch gelobte Stop-Motion-Abenteuer Isle of Dogs – Ataris Reise, inzwischen dreieinhalb Jahre alt. Sein letztes Live-Action-Werk Grand Budapest Hotel, mit dem er einen unerwarteten Kassenerfolg landete, feierte sogar Anfang 2014 Premiere.

Seither har sich viel getan in der Welt da draußen, filmisch wie anderweitig. Doch Anderson ist sich treu geblieben und versucht erst gar nicht, etwas an seiner speziellen Formel zu ändern. Im Gegenteil: Wo seine letzten „echten“ Filme Grand Budapest Hotel und Moonrise Kingdom bei aller Schrulligkeit doch noch richtige Geschichten erzählten, da ist The French Dispatch stärker denn je ein Film, der allein der Kunstfertigkeit und der Erzählfreude wegen entstanden ist. Weniger weil der Regisseur und Drehbuchautor eine Geschichte hatte, die unbedingt mit der Welt geteilt werden sollte. Hier reichen schon ein paar Minuten und jeder weiß sofort, von wem der Film stammt und stammen muss.

Ein detailreiches Wimmelbild voller Stars

Das soll nicht heißen, dass es hier keine Geschichte gibt. Es gibt sogar mehrere. Da wäre neben der Rahmenhandlung um die letzte Ausgabe der Zeitung drei groß angelegte Artikel, die filmisch visualisiert werden: „The Concrete Masterpiece“, „Revisions to a Manifesto“ und „The Private Dining Room of the Police Commissioner“. Hinzu kommen ein paar kurz angerissene Erzählungen, etwa die um den umherradelnden Reporter Herbsaint Sazerac (Owen Wilson). Diese sind vollgestopft mit Figuren, die größtenteils von bekannten Schauspielern und Schauspielerinnen verkörpert werden. Auch das war zu erwarten. Die Filme von Anderson waren schon immer ein Schaulaufen der Stars, die wohl bei keinem anderen Regisseur zu einem derartigen Spottpreis auftreten würden oder sich mit nur Sekunden langen Auftritten begnügen würden. Neben einigen bewährten Wegbegleitern von Anderson, darunter Wilson, Murray und Adrien Brody, sind noch einige weitere Hochkaräter hinzugekommen. Auffallend ist, wie viele französische und belgische Größen sich dieses Mal passend zum Setting in The French Dispatch tummeln.

Dass der Film ein wenig überfrachtet wirkt, liegt aber auch daran, dass Andersons Detailfreude legendär ist. Die mal wie Wimmelbilder, mal wie Theaterbühnen angelegten Schauplätze sind voller liebevoll platzierter Eigenheiten, dass man sich im Kino immer wieder eine Fernbedienung wünschen würde, um einfach mal auf Pause zu drücken und ungestört sein Auge schweifen lassen zu können. Gleichzeitig ist The French Dispatch alles andere als statisch. So experimentiert der Filmemacher mit den unterschiedlichsten Darstellungsformen, nutzt ungewöhnliche Formate, baut Sequenzen im Comic-Stil ein, baut innerhalb der Rahmenhandlung weitere Rahmenhandlungen ein. Bei der ersten Episode sehen wir Tilda Swinton, die einen Vortrag über den Künstler hält. In der letzten Episode unterhalten sich Jeffrey Wright und Liev Schreiber in einer Talkshow über die Ereignisse.

Liebeserklärung an die Kunst des Erzählens

Das wird unweigerlich manche überfordern. Gerade weil hier Dutzende von Stars kurz vorbeischauen und jede Sekunde das Gemälde gewechselt wird, bleibt kaum einmal die Zeit, einfach in der Geschichte zu bleiben. Zumal die Geschichte aufgrund der episodenhaften Struktur ohnehin eher weniger Eindruck hinterlässt. Das bei den Filmfestspielen von Cannes 2021 uraufgeführte The French Dispatch ist einerseits eine Liebeserklärung an die Kunst des Erzählens in all ihren Formen. Doch das geht irgendwie zu Lasten der Erzählung an sich. Vermutlich werden sich deshalb stärker noch als zuvor die Geister an Andersons Journalismus-Anthologie scheiden. Wer seine spezielle Art, aus Filmen Kunstwerke zu machen, schätzt, bekommt hier das pure Destillat seiner Eigenheiten und Ticks. Wem das vorher schon zu affektiert und selbstverliebt war, der sollte vielleicht besser der Zeitungsredaktion aus dem Weg gehen.

Credits

OT: „The French Dispatch“
Land: USA, UK, Deutschland, Frankreich
Jahr: 2021
Regie: Wes Anderson
Drehbuch: Wes Anderson
Musik: Alexandre Desplat
Kamera: Robert Yeoman
Besetzung: Bill Murray, Elisabeth Moss, Owen Wilson, Tilda Swinton, Benicio del Toro, Adrien Brody, Léa Seydoux, Frances McDormand, Timothée Chalamet, Lyna Khoudri, Jeffrey Wright, Mathieu Amalric, Stephen Park, Liev Schreiber

Bilder

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The French Dispatch
„The French Dispatch“ ist ein typischer Wes Anderson, bei dem er seiner Vorliebe für kunstvolle Inszenierung und erzählerische Ticks völlig freie Bahn lässt. Der in mehrfacher Hinsicht völlig überfrachte Episodenfilm rund um eine Zeitungsredaktion wird daher sicherlich das Publikum spalten. Während die detailreiche Liebeserklärung an die Kunst des Erzählens die einen bezaubern wird, werden andere in dem stargespickten Wimmelbild verloren gehen und die eigentliche Geschichte vermissen.
8von 10
Leserwertung: (4 Votes)
7.3

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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