(„Moonrise Kingdom“ directed by Wes Anderson, 2012)

8242521_st_r1_frightenersAls Kind den Pfadfindern beizutreten, dürfte einer der besten Wege sein, sich auf das richtige Leben vorzubereiten. Man lernt allerlei Nützliches, zum Beispiel wie man ein Baumhaus auf dem einzigen Baum der Gegend baut. Man lernt Disziplin und das blinde Befolgen von Regeln. Und man lernt, dass man als Außenseiter schnell gemobbt wird. Außenseiter wie der zwölfjährige Sam Shakusky (Jared Gilman), der sich durch ein Feriencamp auf einer fiktiven Insel schlagen muss. Von Natur aus eigenbrötlerisch veranlagt und mit einer dicken Brille ausgestattet, stellt der kleinwüchsige Nerd ein ideales Opfer für seine tyrannisch veranlagten Altersgenossen dar.

Doch dann trifft Sam auf Suzy (Kara Hayward). Liebe auf den ersten Blick! Oder so ähnlich. Eigentlich starren sich die beiden bei ihrer ersten Begegnung nur an, ohne groß etwas zu sagen. Aber wir ahnen schon: Da bahnt sich etwas an. Zumal Sam und Suzy zwei verwandte Seelen sind. Auch das Mädchen ist als ältestes von vier Kindern nicht gerade glücklich mit ihrer Situation und will einfach nur weglaufen. Was beide dann auch tun und schon bald von der halben Insel verfolgt werden: Neben der Polizei, den Mitpfadfindern und Suzys dauerschlechtgelaunten Eltern heftet sich auch noch das Jugendamt an die Fersen der Ausreißer. Dabei haben die Verfolger sicherlich nur das Beste im Sinn, verlieren sich aber in Regeltreue und Normen – und das, obwohl der Film in den „freien“ 1960ern spielt. Die Sozialarbeiterin vom Jugendamt erhält nicht mal einen eigenen Namen und ist damit das perfekte Beispiel für Obrigkeits- und Regelglauben ohne Inhalt. Erst durch die beiden kleinwüchsigen Außenseiter verstehen die „Erwachsenen“ allmählich, worauf es im Leben wirklich ankommt.Moonrise Kingdom Szene 1

Wer bei dieser Beschreibung ein triefendes Rührseligkeitsdrama erwartet, hat jedoch – zum Glück! – die Rechnung ohne Wes Anderson gemacht, der wie immer bei seinen Filmen nicht nur Regie geführt hat, sondern auch Ko-Autor des Drehbuchs war. Und bei letzterem hat er nicht mit schrägen und hochkarätig besetzten Charakteren gegeizt: Bruce Willis als melancholischer Kleinstadtpolizist, Edward Norton spielt den verklemmten Scout Master Ward, Billy Murray sorgt als herrlich griesgrämiger Vater von Suzy für diverse Lacher und auch Harvey Keitel als medikamentenabhängiger Commander Pierce und Tilda Swinton, die strenge Sozialarbeiterin, gehören zum Starensemble. Die Kinderdarsteller sind hingegen absolute Newcomer – genauer geben beide hier ihr Schauspieldebüt – können mit den alten Hasen aber mehr als mithalten.Moonrise Kingdom Szene 2

Dass Moonrise Kingdom etwas Besonderes ist, liegt aber auch an der Inszenierung. Die Landschaften wirken, als hätte Anderson seine Schauspieler in ein Gemälde hineinmontiert: detailverliebt, satte Farben in freundlichen Gelbtönen und irgendwie unwirklich. Letzteres gilt auch für die Innenaufnahmen: immer zentral, alles überblickend. Nichts wird angeschnitten oder bewegt. Als ob der Zuschauer von außen in ein Puppenhaus schaut und eine Momentaufnahme erhascht. Potenzielle Zuschauer sollten also schon ein Faible für das Ungewöhnliche mitbringen. Doch wer diese Voraussetzung erfüllt, darf sich auf jede Menge absurde Situationskomik und ein außergewöhnliches Filmerlebnis freuen.

Moonrise Kingdom
4.33 (86.67%) 3 Artikel bewerten

Moonrise Kingdom
Schräge Charaktere, eigenwillige Bilder und eine wunderliche erste Liebe - Andersons erster Realfilm seit fünf Jahren versucht erst gar nicht, zum Mainstream zu gehören. Manche mögen das als selbstverliebt und zu konstruiert empfinden. Aber wer sich auf diese besondere Welt einlässt, erlebt einen Film, der für mich zu den schönsten von 2012 gehörte.
9von 10

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