Mit Theresa Wolff: Home Sweet Home gibt die Schauspielerin Nina Gummich ihren Einstand als Ermittlerin der besonderen Art. In dem TV-Krimi verkörpert sie die gleichnamige Rechtsmedizinerin, die auf eigene Faust in einem Mordfall ermittelt und damit regelmäßig mit ihrem Polizeikollegen aneinandergerät. Dabei fällt sie durch eine besondere Nähe zu den Toten auf, deren Leben sie verstehen möchte. Zum Start der Reihe am 9. Oktober 2021 im ZDF haben wir uns mit der Schauspielerin über die Arbeit am Film, unseren Umgang mit dem Tod und starke Frauen unterhalten.

 

Was hat dich an Theresa Wolff gereizt, dass du da mitmachen wolltest?

Ich hatte schon vorher immer wieder Anfragen, ob ich nicht eine Ermittlerin spielen will. Aber das hat alles nicht so recht für mich gepasst. Außerdem hatte ich keine Lust mich zu verpflichten, immer wieder dasselbe zu spielen. Bei Theresa Wolff reizte mich aber zum Beispiel die Aussicht, mit Thorsten Merten arbeiten zu dürfen. Ich habe mit ihm schon Das letzte Wort gedreht und schätze ihn wahnsinnig. Weiterhin hat mir sehr gut gefallen, wie meine Rolle beschrieben wurde. Das Schöne an einer solchen fortlaufenden Reihe ist auch, dass du deine Figur über einen längeren Zeitraum begleitest und weiterentwickeln kannst. Ich konnte mich beim zweiten Teil auch schon einbringen und sagen, was ich mir für die Zukunft so vorstelle.

Noch sind wir aber am Anfang dieser Entwicklung. Wie würdest du deine Figur zum Auftakt beschreiben?

Sie ist eine sehr neugierige, wissbegierige und mutige junge Frau, die schon ein rechtsmedizinisches Institut leitet und total naturverbunden ist. Vielleicht geht das sogar schon leicht ins Spirituelle. Sie spricht einerseits mit den Toten, um den Fall zu lösen, ist gleichzeitig aber auch wissenschaftlich sehr genau. Diese Kombination fand ich ganz spannend. Sie ist auch sehr selbständig und emanzipiert und lässt sich von den Alteingesessenen nichts sagen.

Wie funktioniert eine solche Kombination aus Spiritualität und Wissenschaft denn? Das klingt ja erstmal nach einem Widerspruch.

Stimmt. Aber ich finde, dass wir damit mal aufhören könnten, das als einen Widerspruch anzusehen. Ich fände es schön, wenn diese beiden Herangehensweisen zusammenfinden könnten. Gesellschaftlich wertet das eine oft das andere ab. Dabei haben beide ihre Berechtigung. Es gibt diese Fakten, welche die Wissenschaft erarbeitet. Aber es gibt eben auch viel zwischen Himmel und Erde, was wir momentan und auch vielleicht niemals erklären können. Anstatt auf diese Trennung zu bestehen, fände ich es spannend, beides aufeinander zugehen zu lassen.

Welche große Frage im Leben gibt es denn noch, die du gern beantwortet hättest?

Das ist eine schöne Frage. Ich würde mal die nehmen, die uns alle irgendwie beschäftigt: Was ist nach dem Tod? Auf alles andere wirst du auf der Erde vielleicht irgendwann eine Antwort finden. Aber nicht darauf, was nach der Erde geschieht.

Zurück zu Theresa: Welche Gemeinsamkeiten siehst du zwischen dir und deiner Figur? Wie sehr kannst du dich mit ihr identifizieren?

Ich versuche bei jeder Figur, sie nahe an mich heranzuholen. Es gibt immer irgendwelche Aspekte, die hast du genauso in dir. Jeder Mensch ist so vielschichtig und mehrdimensional, dass du immer etwas findest, das du nachempfinden kannst. Was Theresa und ich gemeinsam haben, ist diese Suche nach der Wahrheit, eine gewisse Neugierde und die Neigung, sich in etwas hineinzugraben. Außerdem noch die Schlagfertigkeit und der Humor.

Theresa Wolff Home Sweet Home

Eine Zusammenarbeit voller Konflikte: Hauptkommissar Robert Brückner (Thorsten Merten) und Theresa Wolff (Nina Gummich) bei ihrem ersten gemeinsamen Fall „Home Sweet Home“ (© ZDF/Steffen Junghans)

Diese Neugierde führt des Öfteren dazu, dass Theresa ihre Kompetenzgrenzen überschreitet. Warum spielt sie Polizistin, anstatt sich auf ihre Funktion als Rechtsmedizinerin zu beschränken?

Weil der Film sonst langweilig wäre. (lacht) Sie kann es vermutlich nicht lassen, Dinge ständig bewegen zu wollen. Sie hat da diese Vorstellung, dass sie mit anderen Leuten nur reden muss und dann klappt das schon. Das kenne ich auch von mir. Da ticken wir ganz ähnlich.

Theresa sagt in Home Sweet Home immer wieder, dass sie die Lebenden verstehen muss, um den Tod verstehen zu können. Würdest du das so unterschreiben?

Beruflich habe ich mit dem Tod natürlich sonst nichts zu tun, weshalb ich das so gar nicht beurteilen kann. Es ist einfach der Ansatz dieser Reihe. Ich persönlich mag, dass diese Toten noch einen Wert haben und nicht einfach nur eine Hülle sind, an der man beliebig herumschnippeln kann. Dass diese Menschen alle eine Geschichte haben, die man nicht einfach so vergessen sollte. Das finde ich sehr würdevoll.

Auch wenn du selbst keine Rechtsmedizinerin bist: Glaubst du, dass die ständige Beschäftigung mit den Toten dazu führt, dass du den Lebenden anders begegnest?

Das fand ich auch sehr interessant. Ich habe bei den Vorbereitungen auf den Film an einer tatsächlichen Obduktion teilgenommen. Morgens kommen die ganzen Rechtsmediziner zusammen und beschreiben, wen sie da auf dem Tisch haben. Die haben das so schnell und ungerührt aufgezählt, während ich selbst versucht habe, da emotional irgendwie hinterher zu kommen. Das einzige Mal, wo es den Leuten wirkliche nahe zu gehen schien, war, als es um ein totes Kind ging. Ansonsten waren die Toten in erster Linie ein Objekt. Der Rechtsmediziner, den ich begleitet habe, war in der Hinsicht auch sehr pragmatisch und nüchtern. Für ihn ist es ganz normal, dass die Menschen sterben, während wir anderen versuchen, nicht an das Thema zu denken. Insofern glaube ich schon, dass der häufige Umgang mit dem Tod dich auch beeinflusst.

Deine Figur zeigt bei der Arbeit immer wieder ein Auge fürs Detail. Braucht man das auch für die Schauspielerei?

Auf jeden Fall, das ist sehr wichtig! Du brauchst das zum Beispiel, wenn es darum geht, die Gefühlswelt deiner Figur darzustellen. Du musst dir immer im Klaren sein, wo deine Figur im Moment gerade steht. Ich versuche mich deshalb im Vorfeld, immer sehr genau darauf vorzubereiten, damit ich mich beim Dreh dann voll auf das Spielen konzentrieren kann.

Das Opfer in Home Sweet Home wird an vielen Stellen als starke Frau beschrieben. Sie schafft es aber nicht, sich in den entscheidenden Momenten Hilfe zu holen. Ist es für starke Frauen schwieriger, Hilfe anderer zu suchen?

Ich glaube nicht, dass  sie sich keine Hilfe sucht, weil sie eine starke Frau ist. Vielmehr ist sie eine starke Frau, weil sie die Situation so lange ausgehalten hat. Das heißt nicht das es erstrebenswert ist. Ich beobachte das auch in meinem Bekanntenkreis, dass manche Frauen eine sehr hohe Toleranzgrenze haben und sich erst dann Hilfe holen, wenn es wirklich gar nicht mehr anders geht.

Leider gibt es solche Geschichten, in denen Frauen unterdrückt oder misshandelt werden, immer noch zu oft. Was lässt sich tun, damit das sich einmal ändert?

Tja, wenn ich das wüsste, würde ich da sofort etwas unternehmen. Aber ich denke, dass schon einmal ein wichtiger Schritt ist, dass Frauen darüber reden und sich austauschen. Da braucht es manchmal auch den Blick von außen, damit einem klar wird, dass da etwas ziemlich krass war. Wir müssen also erst einmal ein Bewusstsein schaffen, was da alles schief läuft, bevor sich in Zukunft etwas ändern kann.

Zum Abschluss noch ein Blick in deine Zukunft: Welche Projekte stehen als nächstes an?

Zuletzt war bei mir jede Menge los. Ich habe einen Kinofilm namens Der Passfälscher gedreht, dann zusammen mit Caro Cult ein Coming-of-Age-Drama für Netflix. Außerdem kommt noch der zweite Teil von Theresa Wolff. Danach müssen wir mal schauen. Ich habe zuletzt ein paar größere Projekte abgesagt, um mich auch wieder ein bisschen sammeln zu können. Für mich ist es wichtig, dass man nicht nur am Set ist, sondern zwischendurch auch ein eigenes, echtes Leben hat. Denn du brauchst das echte Leben nicht nur zur Erholung, sondern auch als Inspiration für deine Figuren. Du musst Erfahrungen in dieser Welt sammeln, wenn du einen Menschen darstellen willst.

Vielen Dank für das nette Gespräch!

Zur Person
Nina Gummich wurde am 24. September 1991 in Leipzig geboren. Als Tochter der Schauspieldozentin, Schauspielerin und Regisseurin Anne-Kathrin Gummich kam sie schon früh in Berührung mit der Schauspielerei. So war sie bereits mit zehn Jahren in den Fernsehfilmen Ein Vater zu Weihnachten (2001) und Love Letters – Liebe per Nachnahme (2001) zu sehen. Ihr erster Kinofilm war das 2003 veröffentlichte Drama Blueprint. Von 2011 bis 2015 studierte sie Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig und spielte zeitgleich sowie anschließend mehrere Jahre in Theateraufführungen.



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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