In Helden der Wahrscheinlichkeit – Riders of Justice verkörpert Nikolaj Lie Kaas einen Mann, der eine Reihe von Schicksalsschlägen hinter sich hat, welche sichtbare Spuren bei ihm hinterlassen haben. Und dann wird er auch noch in einen verheerenden Zugunfall verwickelt. Doch was, wenn es kein Unfall war? Wenn hinter der Sache mehr steckte? Und Otto muss es wissen, schließlich kennt er sich als Mathematiker mit Wahrscheinlichkeitsrechnung aus. Und so überzeugt er ein paar andere, mit ihm gemeinsam diejenigen zu jagen, die dieses Unglück verursacht haben. Zum Kinostart der schwarzhumorigen Tragikomödie am 23. September 2021 unterhalten wir uns mit dem dänischen Schauspieler über seine Risikobereitbereitschaft, vererbte Empathie und schauspielerische Voraussetzungen.

 

In Helden der Wahrscheinlichkeit spielst du den Mathematiker Otto, der mit anderen auf Attentäterjagd geht. Was genau hat dich an dem Film gereizt?

Zunächst ist es natürlich immer schön, zusammen mit den anderen Jungs einen Film zu drehen. Anders, Mads, Nicolas und ich sind ein eingespieltes Team und haben schon eine ganze Reihe von Filmen zusammen gemacht. Da weiß ich schon im Vorfeld, dass wir jede Menge Spaß haben werden. Außerdem mochte ich die Geschichte einfach sehr gern, da sie von allem etwas hat: Sie ist lustig, sie ist spannend und voller Action. Und manchmal auch verdammt traurig.

Wie würdest du deine Figur dabei beschreiben? Welche Rolle hat Otto in diesem Film?

Otto ist jemand, der einen harten Schicksalsschlag hinter sich hat und Trost in Zahlen gefunden hat. Wenn er etwas berechnen kann, dann ist er glücklich, weil ihm das Sicherheit gibt. Er kann die Welt auf diese Weise für sich ordnen und Ereignisse besser verarbeiten. So wie bei dem Zugunglück, das seiner Meinung nach von jemandem verursacht worden sein muss, weil die Wahrscheinlichkeit für ein Unglück zu gering ist.

Bist du denn selbst jemand, der mit Wahrscheinlichkeiten arbeitet und sich so absichert?

Auf jeden Fall! Als ich noch ein Teenager war, habe ich kein Mädchen angesprochen, wenn ich nicht absolut sicher war, dass ich eine Chance habe. Meinen Freunden war das immer egal, die haben alles einmal ausprobiert und wild jeden angequatscht. Aber ich konnte das nicht. Mir war das Risiko immer zu groß zurückgewiesen zu werden.

Aber musst du als Schauspieler nicht ständig auch ein Risiko eingehen? Du weiß ja nicht, ob du irgendwo ein Engagement findest.

Das stimmt. Gerade wenn du anfängst, kann das sehr schwierig sein, weil du dir erst noch einen Namen machen musst. Hast du am Anfang ein paar Flops gedreht oder auch gar nicht gedreht, ist deine Karriere manchmal schon vorbei, noch bevor sie angefangen hat. Da kannst du letztendlich nur deinem Instinkt folgen und Projekte aussuchen, an die du glaubst. Das geht manchmal gut, manchmal weniger. Ich habe gerade früher manche Sachen gedreht, bei denen ich im Nachhinein dachte: Das hättest du mal besser bleiben lassen. Aber auch aus solchen Erfahrungen kannst du etwas lernen.

Retfærdighedens ryttere Helden der Wahrscheinlichkeit – Riders of Justice

Zwei vom Schicksal gebeutelte Menschen machen sich gegenseitig Hoffnung: Mathilde (Andrea Heick Gadeberg) und Otto (Nikolaj Lie Kaas) „Helden der Wahrscheinlichkeit – Riders of Justice“ (2020 Zentropa Entertainments3 ApS & Zentropa Sweden AB)

An einem Punkt in Helden der Wahrscheinlichkeit diskutieren die Figuren anhand des Beispiels Empathie darüber, ob Charaktereigenschaften von den Eltern vererbt werden oder sie sich entwickeln. Wie viel von uns vorgegeben, wie viel unser eigener Einfluss?

Das ist natürlich eine der großen Fragen. Um beim Beispiel Mut zu bleiben: Wenn ich mir meine Tochter ansehe, die ist sehr viel mutiger, als ich es damals war. Da frage ich mich dann schon, woher sie das hat. Ich denke mal, dass es am Ende beides ist. Ein Teil von dir ist einfach so, weil du damit geboren wurdest. Das kannst du nicht einfach ignorieren. Gleichzeitig hast du aber natürlich schon auch die Möglichkeit, dich zu entscheiden, wer du sein willst. Und zum Teil wirst du auch durch äußere Umstände geprägt. Durch das, was dir im Leben so passiert. So wie bei Otto, der ein sehr mitfühlender Mensch ist, eben weil er so viel durchmachen musste.

In den letzten anderthalb Jahren wurde uns durch die Dauerkrise allen viel Empathie abverlangt. Glaubst du, dass die Corona-Pandemie uns empathischer oder weniger empathisch gemacht hat?

Ich würde sagen, dass wir empathischer geworden sind, eben durch diese gemeinsame Erfahrung. Zumindest bei uns in Dänemark war das so. Du hattest hier wirklich das Gefühl, dass alle an einem Strang ziehen und wir die Krise als gemeinsame Aufgabe empfunden haben. Es dürfte sogar die meisten überrascht haben, wie groß der Zusammenhalt war. Wie war es denn in Deutschland?

Sehr gemischt. Viele haben sich schon solidarisch verhalten und Rücksicht auf andere genommen. Aber mit der Zeit wurde das immer weniger. Und dann gab es natürlich noch Leute, die grundsätzlich keine Lust auf Solidarität hatten.

Gut, die gibt es immer wieder. Ich denke, dass gerade unter den Jüngeren genug auch gesagt haben: Warum soll ich mich einschränken, wenn mir keine Gefahr droht? In solchen Fällen fehlt dann wohl wirklich die Empathie, um sich in die Lage der anderen hineinzuversetzen und nachzuempfinden, was das für sie bedeutet.

In deinen Filmen musst du dich zwangsläufig in andere hineinversetzen. Wie wichtig ist Empathie für dich als Schauspieler?

Sehr wichtig. Wenn du einen anderen Menschen verkörpern willst, musst du wissen, was er fühlt und auch warum er es fühlt. Du musst deine Figur verstehen können, um sie zu werden. Deswegen ist Empathie eine absolut notwendige Voraussetzung für die Schauspielerei und auch sehr viel wichtiger als etwa Intelligenz. Das siehst du immer wieder. Es gibt Schauspieler, die ganz großartig darin sind, jemand anderes zu werden, die selbst aber nicht die hellsten sind. Du schaust denen dann gern zu. Unterhalten wollen würdest du dich mit denen aber nicht.

Was braucht es sonst, um ein guter Schauspieler zu sein?

Dass du gut schauspielern kannst. (lacht) Nein, im Ernst. Wenn du in der Lage bist, die Gefühle und Gedanken deiner Figur klar zu erkennen und auch wiederzugeben, dann ist das Wichtigste schon geschafft. Alles andere ist sekundär.

Und wie geht es nach Helden der Wahrscheinlichkeit bei dir weiter? Welche Projekte sind geplant?

Zum einen arbeite ich an einer Serie, bei der es um Agenten geht. Schauspielagenten, meine ich. Da brauche ich dann noch nicht mal Einfühlungsvermögen. Da kann ich auf eigene Erfahrungen zurückgreifen. Außerdem steht noch die dritte Staffel von Geister von Lars von Trier an, auf die ich mich sehr freue.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person
Nikolaj Lie Kaas wurde am 22. Mai 1973 in Glostrup, Dänemark geboren. Als Sohn eines Schauspieler-Paares beschloss er, in die Fußstapfen seiner Eltern zu treten. Sein Spielfilmdebüt wurde 1991 das Drama Die Jungen von St. Petri, in dem er einen Jugendlichen zur Zeit der Nazibesatzung spielte. Mit 21 Jahren begann Kaas an der Staatlichen Theaterschule in Kopenhagen zu studieren und schloss sein Schauspielstudium im Jahr 1998 ab. Bald feierte er erste große Erfolge mit Lars von Triers Drama Idioten (1998) sowie den Komödien In China essen sie Hunde (1999) und Flickering Lights (2000) und avancierte zu einem der bekanntesten Schauspieler Dänemarks. Sein international bekanntester Film ist der Mystery-Thriller lluminati (2009) mit ihm als Auftragsmörder. 



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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