(„Idioterne“ directed by Lars von Trier, 1998)

Es war zwar bisher nicht die schwerste Kost vom dänischen Regisseur, dafür aber mehr als verwirrend. Einerseits enthält der Film von Lars von Trier interessante Ideen, andererseits konnte ich mich nicht überwinden den Streifen locker und entspannt zu betrachten. Während den 117 Minuten Laufzeit schwenkte mein Gemütszustand zwischen totaler Ablehnung und gefälligen Szenen bei denen ich sogar laut auflachen musste hin und her.

Die Idee hinter der Story ist dabei im Grunde genommen sehr simpel: eine Gruppe von jungen Menschen gibt vor, geistig behindert zu sein um sich einfach gesagt damit aus den normalen Bürgerleben auszukoppeln. Das geht sogar so weit, dass die Gruppe um Stoffer (Jens Albinus) beispielsweise Fabriken besucht, mit ihren als „Behinderten-Transport“ gekennzeichneten, Kleinbus Ausflüge ins Grüne unternimmt oder etwa in der Nachbarschaft selbst-gebastelten Weihnachtsschmuck für einen guten Zweck – nämlich ihrem „Behinderten-Verein“ – verkauft. Eines Tages stösst die sichtlich verwirrte Karen (Bodil Jørgensen) auf die Gruppe. Anfangs findet sie die Farce überhaupt nicht in Ordnung und wirft den Schwindlern vor den wirklich behinderten Menschen zu spotten, doch schon bald entdeckt sie, dass auch in ihr ein kleiner Idiot steckt. Das Quartier der „Idiotenbande“ ist ein leerstehendes Haus das Stoffers Onkel gehört und eigentlich zum Verkauf stünde. Potenzielle Käufer werden jedoch sofort vergrault. Dazu muss nicht viel getan werden: es genügt einfach ein Idiot zu sein, einen geistigen Behinderten zu spielen und die Interessenten flüchten spätestens wenn man ihnen auch noch erklärt diese Menschen seien ihre zukünftigen Nachbarn.

Auch sonst ist es äußerst interessant zu beobachten wie Menschen ungeschickt agieren, wenn sie mit einen Menschen mit geistigen Handicap konfrontiert werden. Da ist der Gemeinde-Fritze der ein unmoralisches aber lukratives Geschäft vorschlägt, sollte die Behinderten-Gruppe in die nächste Gemeinde abwandern oder der nervöse Restaurant-Besitzer der sein Geschäft allein durch die Präsenz dieser „Menschensorte“ gefährdet sieht. Die Gruppe denkt aber nicht im Traum daran ihr perverses Spielchen aufzugeben oder zu verlagern, bis eines Tages der Vater von Josephine (Louise Mieritz) auftaucht um seine Tochter nach Hause zu befördern. Stoffer wirft nach diesem Ereigniss den anderen vor nicht richtig bei der Sache zu sein und ihr Rolle als Idiot nicht ernst zu nehmen. Er ist der Meinung, dass es nur so möglich ist dem Spießertum zu entkommen. Er versteht nicht was so toll daran sein soll Mitglied einer Gesellschaft zu sein, dessen einziges Ziel es ist, ständig seinen Reichtum zu erweitern. Die Bürger der wohlhabenden Gemeinde in der sie ihre „Basis“ haben, sind für ihm nichts anders als Faschisten-Schweine die keinen Plan vom echten Leben haben. Um also zu beweisen dass man es ernst nimmt, soll nun jeder bei seiner regulären Arbeit oder bei seiner Familie die „Handicap-Show“ vorspielen, doch schon bei Henrik (Troels Lyby), einem Lehrer, klappt das nicht so wie Stoffer sich vorgestellt hat. Die Gruppe löst sich somit nach und nach auf und auch Karen kehrt mit ihrer, durch die Gruppe, neu gewonnenen Freundin Susanne (Anne Louise Hassing) nach Hause zurück. Dort angekommen erfährt der Zuschauer zum ersten mal den Grund von Karens unendlicher Trauer: ihr Baby ist vor 2 Wochen gestorben. Doch wenn man nun glaubt ein Happy-End erleben zu dürfen hatte man vermutlich noch keinen Kontakt mit der Welt des Regisseurs…

Anfangs fiel es mir nicht ganz leicht den Film zu folgen zu sehr war ich angeekelt von den „falschen“ Behinderten. Der Charakter Stoffer erklärt dann aber ziemlich früh im Film worum es eigentlich geht und wenn man einfach mal unsere sehr menschliche Eigenschaft des ständigen verurteilen ablegt, kann man dem Geschehen auch sehr gut folgen. So wirklich verstörend fand ich dann schlussendlich nur noch die Aufnahmen des „Rudelbumsen“, wie es Stoffer nennt. Der Film stellt ein Projekt unter der Flagge des Dogma 95 Manifestes dar und dementsprechend ist der Film minimalistisch aufgenommen worden. Die Schauspieler spielen ihre Rollen aber allesamt überzeugend und das ist hier die Hauptsache. Ob die Charaktere im Film die richtige Form für Gesellschaftkritik wählen lasse ich mal dahingestellt, allerdings würde man einen groben Fehler begehen wenn man Lars von Trier Respektlosigkeit gegenüber behinderten Menschen vorwerfen würde. Ganz im Gegenteil wage ich sogar zu behaupten, dass der Streifen genau diesem Teil unserer modernen und anscheinend zivilisierten Gesellschaft seine Solidarität ausspricht. Wie man so schön sagt gibt es eine Gradwanderung zwischen Genie und Wahnsinn. Ob Lars von Trier hier ausgerutscht ist, liegt wohl im Auge des Betrachters…

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6 Responses

  1. movie-struck

    Genau und an dieser Stelle komme ich ins Spiel 😉
    Der Film ist unansehnlich. Ich finde es faszinierend und lobenswert, wenn man einen Film mit minimalem Aufwand, Mitteln inszeniert. Es gibt mit Sicherheit Filme die dennoch richtig gut sind, trotz geringer Produktionskosten etc.
    Der Film ist einfach nur harter Toback, ich möchte weder vorwerfen, dass Behinderte auf die Schippe genommen werden, noch eben oben schon Erwähntem.
    Die Schauspieler gehören meiner Meinung nach nicht gerade zur Elite und ich war sehr froh als der Streifen sein Ende erreicht hat. Zäh, nah am Wahnsinn, überflüssig. Diesem Thema kann man sich auch sehenswert nähern. 1 Stern

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  2. Candide

    Dass du ihn als unansehnlich betrachtest dürfte für von Trier wohl ein Kompliment sein. Dass du von dem Film Unterhaltung erwartest zeigt dass du keine Minute damit verbracht hast 1. über den Film selbst zu reflektieren und 2. vll. etwas über das Dogma-Prinzip zu lesen oder allgemein über von Trier.

    Nichts für ungut aber auch das Argument der schwachen Schauspielleistung (die ich übrigens beachtlich finde wenn man bedenkt was der Regisseur verlangte) kann ich nicht akzeptieren zumal wir ja von Dogma-Filme sprechen.

    Andere Frage: Konnte der Film dich auf Gefühlsebene berühren? Empfandst du bspw. Wut oder Abscheu gegenüber von Trier oder „Idioten“? Falls ja funktioniert der Film gerade deshalb und ich muss es leider nochmals schreiben: Dogma 95

    Was mir gerade so nebenbei einfällt: In einem Interview behauptet der Däne übrigens dass dies der einzige Film sei den seine Verwandtschaft und Freunde als „gut“ bezeichnen würden.

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  3. movie-struck

    Selbstverständlich habe ich mich über Dogma 95 informiert. Aber die Idee sagt mir nicht zu, zumal sich die lustigen Regisseure selten an alle „Gebote“, Regeln hielten. Ich empfand sehr wohl etwas, aber nicht Wut oder Abscheu, sondern einfach Übelkeit. Nicht wegen der ach so provokanten Story, sondern einfach wegen allem. Ich mag den Film schlicht und einfach nicht und kann ihm nichts abgewinnen. Mag sein das ich in deinen Augen ein „Kunstbanause“ bin, zumindest in diesem Fall, aber ich sehe keinen Grunde mir so etwas anzusehen, nur um behaupten zu können ich schaue mir dogma 95 Filme an und finde es großartig, was die Jungs da machen, wie sie ihre Message umsetzen.
    Filme drehen, die Leute abstoßend, dämlich oder langweilig finden, ist für mich keine Kunst, Kunst hingegen ist es, ein Publikum wirklich zu fesseln, es mit der Machart zu zwingen mit den Augen an der Leinwand kleben zu bleiben und sich wünschen, der Film würde nicht aufhören.
    Aber gut, dann Glückwunsch Herr von Trier, sie haben es geschafft mich nicht zu begeistern und nicht gut zu unterhalten.

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  4. Candide

    Ich meinte damit eigentlich nicht dass du und jeder andere unbedingt die Kunst von Trier schätzen müsst. Ich wollte lediglich damit sagen dass es ihm auf jeden Fall gelungen ist das umzusetzen was er mit seinen Filmen erreichen will, nämlich mit den Gefühlen des Zuschauers spielen.
    Egal ob du den Film nun gut, schlecht, langweilig oder was auch immer findest. Wenn du also Übelkeit empfunden hast ging von Triers Idee schon auf.

    Zu Dogma: Natürlich haben die Regisseure und Künstler ihre eigenen Prinzipien nicht 100% eingehalten, ihnen (zumindest von Trier) ist das aber von Anfang an bewusst gewesen. Wenn ich mich recht entsinne wird es irgendwo mit den 10 Geboten verglichen: Die Idee ist gut aber es ist unmöglich sie zu befolgen/einzuhalten,

    Ich gebe dir Recht wenn du sagst dass Kunst die ich als „toll“ bezeichnen würde mich fesseln muss. Ich nenne dich aufgrund deiner Aussagen sicherlich keinen Kunstbanausen, ich sage lediglich dass du nicht im Klaren bist um was es geht.
    Ich kann sehr wohl zugeben dass Kunst funktioniert und in seiner speziellen Intention erfolgreich ist auch wenn ich nicht einer Meinung mit dem Künstler bin oder „schlicht und einfach dem Ganzen nichts abgewinnen kann“.

    Im übrigen erhebst du implizit den Anspruch darauf zu wissen was Kunst ist und wie sie auszusehen hat und dekorierst damit Leute denen von Triers Filme was sagen als „Kunstbanausen“.
    Ich würde bspw. nie behaupten dass ein typischer Hollywood-Blockbuster keine Kunst ist weil er mir eben nicht in den Kram passt oder sagen wir mal anders: weil er für mich Schund und ohne jegliche Aussage ist.
    Wir machen nicht Kunst wir sind Kunst 😉

    Mein vorher zugegebenermaßen etwas bissige Kommentar sollte dich also in keinster Weise als Banausen porträtieren sondern darauf hinweisen den Zweck und das Resultat nochmals zu überdenken. Da bei den meisten Hollywood-Produktionen kein tieferer Sinn, keine „dogmatischen Vorschriften“ oder kein spezielles Ziel außer das Geklingel der Kassen ansteht sind diese auch leichter angreifbar, that’s it.

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  5. Parker

    Ich hab den Film nicht gesehn, aber ich schätze Triers Arbeit als Regisseur ganz allgemein. Ich tue dies aus zwei Gründen:

    1) Lars von Trier zeichnet in seinen Filmen ein Bild vom Menschen das meinem Menschenbild ähnlich ist.

    2) Lars von Trier fordert mich heraus neue Sichtweisen auf das Medium Film einzunehmen. Er zwingt den Zuschauer dazu sich anzustrengen, sich aus der „Berieselung“ zu begeben und quasi „mitzuarbeiten“.

    Viele Menschen kommen mit 1) nicht klar und mögen Trier deshalb nicht. Das kann ich verstehen.
    Die meisten Menschen beurteilen Film aber generell nur aus der Sichtweise eines Couchpotatos und sind somit unfähig – ganz generell- eine Haltung zu Filmen einzunehmen wie es Regisseure wie Trier fordern. Deshalb kommen sie auch mit 2) nicht klar.

    Lars von Trier ist sicher kein Held, aber er ist dennoch eine Ausnahmeerscheinung in der Filmwelt, die nicht unbeachtet bleiben kann (sofern man behauptet Filmliebhaber zu sein).

    In Kategorien wie „schlecht“ oder „gut“ über Kunst zu reden finde ich ausserdem daneben.

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  6. movie-struck

    Das Problem ist, dass ich mich davon auch nicht frei machen kann jemals wieder einen von Trier Film zu schauen, da ich generell erstmal an allem interessiert bin.

    Zu Candide:
    Das ist mir schon bewusst, dass du mich nicht in irgendeiner Form betiteln willst, ich gab mir den Titel „Kunstbanause“ ja selbst, legte ihn dir nur vllt. zu unrecht in den Mund 🙂
    Ich spreche ja hier auch nur aus meiner Sicht und umgekehrt, du ebenso aus deiner eigenen.
    Und der Satz, das es keine Kunst sei, war nicht auf das eigentliche Wort „Kunst“ bezogen, sorry für die unpräzise Asdrucksweise. Ich meinte das es kein Kunststück ist… verstehst du was ich meine? Es ist leichter Leuten gegen den Strich zu gehen, als sie zu begeistern! Ich hoffe es ist klar was ich meine. Ich habe ja auch selbst geschrieben, dass ich mir im klaren bin, dass Trier provozieren möchte. Ich nehme meine Kritik nicht zurück, oder meinen Standpunkt, möchte lediglich nochmal betonen, dass es sich dabei ausschließlich um meine eigene Meinung handelt.
    Es kann auch sein, ich verdränge die Tatsache, dass Trier bei mir auch erfolgreich gewesen ist, da ich mich eben so dagegen sträube. Bei mir steht dieser Film nicht auf der Liste meiner Lieblingsfilme und wird folglich niemals Teil meiner Sammlung sein. Ich mag den Film nicht. Intention verstanden, gesehen, gemerkt. Die durchgeführte Umsetzung ist mir unsympathisch! Geschmäcker sind eben, und das ist gut so, sehr verschieden. Jedem das Seine 🙂

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