Mit Vier minus drei (Kinostart: 16. April 2026) wagt sich der österreichische Regisseur Adrian Goiginger an einen Stoff voller Schmerz und Hoffnung. Sein neuester Film premierte während der Berlinale in der Sektion Panorama. Während eines Gesprächs vor der Premiere gibt uns Goiginger Einblicke in die behutsame Adaption des Romans von Barbara Pachl-Eberhart und spricht über den kreativen Prozess zwischen Improvisation und Struktur sowie über die Herausforderung, eine Balance zwischen emotionaler Schwere und lebensbejahender Wärme zu finden.
Gleich vorweg, wie bist du zu diesem Projekt gekommen? Hast du selbst den Roman gelesen und dir gedacht, das muss auf die große Leinwand?
Ursprünglich wurde es mir von einem Kollegen empfohlen, nachdem er anhand meines Spielfilmdebüts dachte, das könnte gut zu mir passen. Allerdings war ich anfangs sehr zurückhaltend. Nachdem ich zum zweiten Mal Vater geworden bin, war das Thema Kindstod natürlich nicht unbedingt etwas, womit ich mich beschäftigen wollte. Ich habe Senad Halilbašić als Drehbuchautor vermittelt und mir vorerst offen gelassen, Regie zu führen. Als ich die erste Drehbuchfassung las und erkannt habe, wie viel Hoffnung in dieser sehr originellen und lebensbejahenden Liebesgeschichte zwischen Heli und Barbara steckt, war ich begeistert und wollte den Film unbedingt machen.
Wie verlief der kreative Prozess? Wie eng war Barbara Pachl-Eberhart als Autorin des Romans eingebunden?
Barbaras Input war uns sehr wichtig, besonders wegen des emotionalen Hintergrunds mussten wir uns einig darüber sein, dass wir auf der Grundlage ihres Romans etwas Eigenes schaffen. Die Zusammenarbeit mit Barbara war konstant und sehr gut, sie hat beispielsweise viele zusätzliche Informationen geliefert, die über den Roman hinausgehen.
Die Idee war also nicht, möglichst nah an den realen Figuren zu bleiben?
Doch, die Ausgangssituation war schon möglichst nahe an den realen Personen zu bleiben, auch was das Äußerliche betrifft. Allerdings ist es kein Dokumentarfilm, dementsprechend haben wir manche Lebensabschnitte zeitlich verdichtet und stellenweise die Motivation einzelner Figuren angepasst, um den Film insgesamt kompakter und spannender zu machen. Das war für Barbara aber stets nachvollziehbar und auch in ihrem Interesse.
War Barbara während der Dreharbeiten vor Ort?
Nein. Wir haben zwar oft telefoniert und sie hat die Muster geschaut, vor Ort war sie allerdings nur am ersten Drehtag. Wir wollten mit ihrer dauerhaften örtlichen Präsenz keine zu große Drucksituation für Valerie schaffen.
Wie war dein Ansatz bei der Regie, gerade bei den Hauptdarstellern, die als Clowns diese feine Linie zwischen Humor und Trauer tragen müssen? Hast du Valerie und Robert viel Freiraum gegeben?
Generell lasse ich ihnen bei Proben erst mal viel Freiraum für Improvisation und motiviere sie, frei ihren Gefühlen zu folgen. So erarbeiten wir uns nach und nach, wie die Szenen aussehen sollen. Die Schwierigkeit liegt dann eher darin, dass ich ständig das große Ganze im Auge haben muss. Die zeitliche Fragmentierung, Szenenkomposition und der Wechsel zwischen traurigen und positiv konnotierten Abschnitten und dementsprechend die Wirkung auf das Publikum.
Hattest du die finale Chronologie während der Dreharbeiten immer im Kopf?
Der Film war immer anachronistisch gedacht, allerdings war die Geschichte im Drehbuch in einer anderen Reihenfolge als im fertigen Film zu sehen. Natürlich hatte ich beim Dreh eine Vision im Kopf, allerdings haben wir beim Schnitt dann viel an der finalen Struktur geändert. Der Film ist also wirklich drei mal entstanden. Beim Schreiben, beim Drehen und beim Schneiden.
Musstet ihr auf Nachdrehs zurückgreifen?
Nein, nachdrehen mussten wir nicht. Glücklicherweise hat sich am Ende alles so zusammengefügt, als wäre es von Anfang an so geplant gewesen. Allerdings haben wir beispielsweise den Auslöser der ganzen Geschichte, also den Unfall, an den Anfang gestellt, um den Fokus des Films stärker auf das Leben und die Hoffnung nach der Tragödie zu legen.
Das Thema ist einerseits sehr tragisch, aber gleichzeitig mit viel Hoffnung verbunden. Lag deine Priorität darauf, dem Publikum diese Hoffnung mitzugeben?
Ja, auf jeden Fall. Der Roman war für viele Menschen ein Ratgeber und eine Stütze und hat ihnen eine Möglichkeit gezeigt, mit Trauer umzugehen. Dieses Gefühl und diese Betrachtungsweise möchte ich dem Publikum auch mit unserem Film mitgeben. Bei mir persönlich erzeugt das Schicksal von Barbara eine Grunddankbarkeit für das Leben und für die besonderen Menschen, die es bereichern. Vier minus drei erinnert daran, genau diese Menschen immer wieder wissen zu lassen, was sie einem bedeuten.
Ich persönlich finde auch, dass man selbst ohne konkretes Selbsterlebnis genau das mitnimmt, ohne dass der Film dabei zu missionarisch wirkt. Hast du sehr darauf geachtet, nicht zu sehr in Klischees zu erzählen?
Auf jeden Fall. Filme dieser Art können dazu neigen, dass die Dramatik durch die ständige Präsenz oder Wiederholung zu erdrückend wird. Ich habe immer darauf geachtet, dass wir durch diesen Ansatz des anachronistischen Erzählens warme Momente, wie die Geburt oder die Hochzeit, einbauen, um mit der Melancholie zu brechen. Das macht sowohl die tragischen Momente erträglicher als auch den Film als Ganzes authentischer und hoffnungsvoll.
Haben die Emotionen während des Drehs manchmal überhand genommen?
Ja, vor allem Valerie ist mit einer unglaublichen Entschlossenheit in diese Szenen gegangen. Oft tasten sich Schauspieler erst heran, aber sie war sofort bei 100 Prozent. In den emotionalsten Szenen war es dann auch für uns hinter der Kamera fordernd und anstrengend da dabei zu sein. Man wünscht sich instinktiv, man könnte ihr helfen und sie trösten.
Vielen Dank für deine Zeit und deine Einblicke.
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