Inhalt / Kritik

Rotzbub

„Rotzbub“ // Deutschland-Start: Winter 2021 (Kino)

Österreich in den 1960ern: Der von allen nur Rotzbub genannte Sohn der lokalen Wirtsleute hat es echt nicht leicht. Denn in einem Ort wie Siegheilkirchen gibt es einfach keinen Platz für ihn. Dort muss alles seine strenge Ordnung haben, wie es schon bei den Väter, Großvätern und Urgroßvätern war. Alles, was irgendwie anders ist, soll sich gefälligst vom Acker machen – worunter auch die als Zigeunerin beschimpfte Mariolina zu leiden hat. Dabei findet der Bub die richtig toll. Er weiß nur nicht so recht, wie er an sie herankommen soll. Während er noch mit sich und der bigotten Bevölkerung hadert, entdeckt er sein Zeichentalent. Das nutzt er nicht nur, um die Scheinheiligkeit seiner Mitmenschen bloßzustellen. Er zeichnet vor allem gern Frauen in all ihrer körperlichen Schönheit – was nicht bei allen im Dorf auf Gegenliebe stößt …

Zurück zu den Wurzeln

Viele Jahre bevor Dampfnudelblues und andere Komödien die deutsche Provinz zum Mittelpunkt der Erde erklärten, da gab es bereits Marcus H. Rosenmüller. Die Spezialität des bayerischen Filmemachers: Er kombinierte in Wer früher stirbt, ist länger tot und Beste Zeit viel Lokalkolorit mit universellen Themen rund ums Aufwachsen und schuf damit eine neue Form des Heimatfilms, die weit über die Region hinaus Anklang fand. Zuletzt ging der Regisseur jedoch etwas andere Wege, verließ gleich mehrfach seine Heimat. In Trautmann erzählte er von dem gleichnamigen deutschen Torhüter, der in England Karriere machte. Unheimlich perfekte Freunde wiederum handelte von Kindern, die mithilfe eines Spiegelkabinetts Abbilder von sich erschaffen, um etwa der lästigen Schule zu entkommen.

Zum Teil kehrt Rosenmüller mit Rotzbub nun zu seinen Anfängen zurück, wenn er erneut mit viel Humor vom Aufwachsen auf dem Land berichtet. Um eine reine Kopie seiner früheren Erfolgsfilme handelt es sich jedoch nicht. Der erste offensichtliche Unterschied: Er und sein Co-Regisseur Santiago López Jover drehten hier keinen Live-Action-Film, sondern versuchten sich an dem Medium Animation. Genauer wählte das deutsch-spanische Regieduo die bekannte Form der Computeranimation, welche weltweit dominiert. Etwas Vergleichbares zu den US-amerikanischen Platzhirschen sollte man dabei aber nicht erwarten. Zum einen war das Budget bei der europäischen Produktion natürlich deutlich geringer, gerade bei den Animationen selbst sieht man, dass da auf einem anderen Level gearbeitet wurde.

Überzeichnete Hässlichkeit

Auffälliger dürfte für die meisten aber sein, wie die Figuren aussehen. Während die meisten der großen CGI-Animationsfilme auf gefällige Charaktere setzen, die alle hübsch sind und möglichst wenig anecken, da laufen in Rotzbub sehr ausdrucksstarke, oft bewusst hässlich designte Leute herum. Da gibt es rote Flecken im Gesicht, fette Pickel, Doppel- bis Dreifachkinns, schiefe Zähne und sonstige Faktoren, welche nicht unbedingt den Idealvorstellungen entsprechen. Inspiriert sind diese Gestalten von den Karikaturen des Österreichers Manfred Deix, der mit seinen spöttischen Zeichnungen gerne mal seine Landsleute provozierte. Wer mit diesen nicht vertraut ist, wird hier vielleicht erst einmal ein wenig staunen: Die Bilder sind gleichzeitig verfremdet und realistisch, uns vertrauter, als man es insgeheim vielleicht wahrhaben mag.

Auch inhaltlich gibt der 2016 verstorbene Humorist den Ton vor, weshalb es in Rotzbub zu spürbaren Verschiebungen im Vergleich zu Rosenmüllers früheren Filmen kommt. Zum einen ist das hier österreichisch geprägt statt bayerisch. Vor allem aber ist die Geschichte um den erotische Zeichnungen anfertigenden Junge sehr viel bissiger. Wo es sonst immer bei all den Seitenhieben doch noch warmherzig zuging und das menschliche Beisammensein hinter der skurrilen Fassade im Mittelpunkt stand, da wird hier munter Säure durch die Gegend geschleudert. Zielscheiben hierfür gibt es mehr als genug. Ob es die rassistischen Mitbürger sind, die ihrem Adolf noch hinterhertrauern, der schmierige Onkel oder all die anderen, die so auf brav machen und es in Wahrheit ganz doll treiben: Wir bekommen es hier mit einem Sammelsurium der Widerwärtigkeiten zu tun.

Der Dreck des Aufwachsens

Das macht den Film, der im Wettbewerb des traditionsreichen Annecy Animationsfestivals 2021 lief, natürlich schon etwas gewöhnungsbedürftig. Er hat zwar Elemente, die ihn für ein jüngeres Publikum auszeichnen, darunter der einfühlsame Umgang mit jugendlichen Bedürfnissen und die klar gekennzeichneten Bösewichtern. Gleichzeitig ist Rotzbub dem Titel entsprechend sehr widerspenstig, macht es den Zuschauern und Zuschauerinnen nicht immer einfach mit seiner derben bis groben Art. Auf diese muss man sich schon einlassen können, auf diese Mischung aus Coming-of-Age-Story und genüssliche Dreckschleuder – Letzteres sogar wortwörtlich. Dann wird man mit spaßigen Szenen belohnt, die gleichzeitig das heimelige Provinzleben auseinandernehmen. Als Einstand in das Animationsumfeld ist das hier auf jeden Fall geglückt, der Titel interessant und sehenswert, sofern man sich an dem etwas speziellen Humor nicht stört und gar nicht den Anspruch hat, dass ein Animationsfilm unbedingt schön sein muss.

Credits

OT: „Rotzbub“
Land: Deutschland, Österreich
Jahr: 2021
Regie: Marcus H. Rosenmüller, Santiago López Jover
Drehbuch: Martin Ambrosch
Vorlage: Manfred Deix
Musik: Gerd Baumann

Bilder

Trailer

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Rotzbub
Basierend auf den Werken des österreichischen Karikaturisten Manfred Deix ist „Rotzbub“ eine Mischung aus Coming-of-Age-Geschichte und ätzendem Kleinstadtporträt. Der Humor ist speziell, die Designs der Figuren bewusst hässlich. Und doch ist das Ergebnis sehenswert, technisch wie inhaltlich, wenn man sich auf diesen etwas anderen Animationsfilm einlassen kann.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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