Inhalt / Kritik

Old

„Old“ // Deutschland-Start: 29. Juli 2021 (Kino)

Eigentlich hätte es ein richtig schöner Urlaub für Guy (Gael García Bernal), Prisca (Vicky Krieps) und die beiden Kinder Trent (Nolan River) und Maddox (Alexa Swinton) werden sollen. Schließlich haben sie sich ein besonders lauschiges Familienresort am Strand ausgesucht, in dem sie sich richtig verwöhnen lassen können. Sonderlich lang hält die Idylle jedoch nicht. Guy und Prisca haben längst entschieden, sich scheiden lassen zu wollen, Streitigkeiten stehen auf dem Tagesprogramm. Ein letzter Familienurlaub soll noch einmal für tolle Erinnerungen sorgen. Und so lassen sie sich auf den Vorschlag des Hotelmanagers (Gustaf Hammarsten) ein, den Tag an einem verborgenen Strand zu verbringen, an den Touristen normalerweise nicht hinkommen. Dabei stellt sich bald heraus, dass sie nicht die einzigen dort sind. Dieser Ärger macht jedoch bald Verwunderung und Angst Platz. Nicht nur, dass sie den Strand nicht mehr verlassen können. Die Zeit scheint dort auch noch schneller zu vergehen als in der Außenwelt …

Ein perfides Szenario

Die Karriere von M. Night Shyamalan gehört sicherlich zu den interessanteren, welche Hollywood in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht hat. Nach seinem Durchbruch The Sixth Sense noch frenetisch gefeiert, nahm die Resonanz von Film zu Film ab. Nach einigen eher durchschnittlichen Werken folgte der Sturz ins Bodenlose, der Regisseur wurde wegen seiner fast zwanghaften Twists mit viel Freude an der Häme ins Lächerliche gezogen. Dann erfolgte mit The Visit ein überraschendes Comeback, dem er mit Split noch eins drauf setzte. Das lang erwartete Glass hingegen wurde danach gleich wieder verrissen, was vor allem auf das fahrlässig vergeudete Potenzial zurückzuführen sein dürfte.

Entsprechend neugierig durfte man sein, wie es mit Old weitergehen würde, dem ersten von zwei Thrillern, die der Regisseur angekündigt hat. Die Idee dahinter, welche auf einer Graphic Novel von Pierre Oscar Levy und Frederik Peeters basiert, hörte sich da schon mal interessant an. Ein Strand, in dem die Menschen schneller altern und den sie nicht verlassen können? Das ist zumindest ein schön perfides Szenario. Nicht nur, dass ein malerischer Sandstrand, blauer Himmel und ein unberührtes Meer einen starken Kontrast zu der Bedrohung darstellen, die dieser Ort ausübt. Durch den Faktor der schnellen Alterung kommt zudem eine fiese Dringlichkeit hinzu. Die Figuren können eigentlich nichts tun, müssen aber schnell eine Lösung finden – sonst sind sie schlichtweg zu alt.

Alles irgendwie seltsam hier

In der ersten Hälfte funktioniert das alles noch recht gut. Old spielt da mit der Ungewissheit, was da eigentlich los ist, erzeugt Neugierde. Hinzu kommt eine wachsende Sorge, die zunehmend in Panik umschlägt. Gerade weil diese Situation überhaupt keinen Sinn ergibt, darf das die Nerven wirkungsvoll in Anspruch nehmen – sowohl beim Publikum wie auch den Figuren im Film. Dass die Dialoge fernab menschlicher Ausdrucksweise sind, hier aber auch so gar nichts echt wirkt, ist deshalb nur zum Teil ein Problem. Es verhindert zwar, dass man sich richtig in den Männern und Frauen wiederfindet. Wer nicht wie ein Mensch spricht oder sich wie einer verhandelt taugt zur Identifikation naturgemäß wenig. Dafür trägt es zu der mysteriösen Stimmung bei, wenn alles irgendwie fremd ist.

Ist aber erst einmal der anfängliche Schock überwunden, baut Old immer weiter ab. Spätestens ab der Hälfte des Films häuft sich der Blick auf die Uhr, die Geschichte versandet im Stillstand. Und wenn dann doch mal wieder etwas geschieht, dann ohne klar erkennbares Konzept. Shyamalan wirft irgendwie alles in den Ring, was er finden konnte, gibt sich jedoch keine Mühe, das zu einem roten Faden auszubauen. Oder wenigstens konsequent zu sein. Immer häufiger wechseln sich Passagen der Langeweile mit Momenten des Ärgers ab. Und dann wäre da noch das missglückte Ende des Films. Das Problem ist dabei weniger, dass es zu dem typischen Twist von Shyamalan kommt. Vielmehr ist das schon sehr umständlich erzählt und auch erschreckend mutlos bis billig.

Frustrierend wenig draus gemacht

Das ist vor allem deshalb eine Enttäuschung, weil die Geschichte so viel mehr hergegeben hätte. Interessante Gedanken sind schließlich mehr als genug vorhanden, sowohl in die Genrerichtung wie auch in philosophischer Hinsicht. Dann und wann glücken dem Regisseur auch echte Horrormomente, wenn die einzelnen Figuren sich auf teils groteske Weise weiterentwickeln. Die Bilder sind sowieso beeindruckend: Kameramann Mike Gioulakis (Under the Silver Lake, Wir) sind unwirkliche schöne Aufnahmen gelungen, paradiesisch und doch irgendwie unheimlich. Aber all das bringt nichts, wenn aus diesen Einzelelementen kein in sich stimmiger und fesselnder Film wirkt. Old ist sicher nicht der schlechteste Film von Shyamalan, da hat er schon deutlich Schlimmeres abgeliefert. Aber er ist sicher einer der frustrierendsten, welche bei der Achterbahnkarriere aus der Kurve geflogen sind.

Credits

OT: „Old“
Land: USA
Jahr: 2021
Regie: M. Night Shyamalan
Drehbuch: M. Night Shyamalan
Vorlage: Pierre Oscar Levy, Frederik Peeters
Musik: Trevor Gureckis
Kamera: Mike Gioulakis
Besetzung: Gael García Bernal, Vicky Krieps, Rufus Sewell, Alex Wolff, Thomasin McKenzie, Abbey Lee, Nikki Amuka-Bird, Ken Leung, Eliza Scanlen, Aaron Pierre, Embeth Davidtz, Emun Elliott

Bilder

Trailer

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Old
Eine Familie will einen Tag an einem abgelegenen Strand genießen, muss dann aber feststellen, dass sie dort rasend schnell altern und auch nicht wieder wegkommen. Das Szenario von „Old“ ist interessant, dazu gibt es ein paar gute Ideen und unwirklich schöne Aufnahmen. Spätestens ab der Hälfte kommt zu den unmenschlichen Dialogen aber auch Monotonie, weshalb der Tag am Strand sich trotz hohen Tempos endlos anfühlt.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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