Kritik

The Sixth Sense

„The Sixth Sense“ // Deutschland-Start: 30. Dezember 1999 (Kino)

Malcolm Crow (Bruce Willis) ist ein führender Kinderpsychologe, der sich so sehr für andere einsetzt, dass darunter auch schon mal sein Privatleben leidet – vor allem seine Ehe mit Anna (Olivia Williams). Aktuell ist es Cole Sear (Haley Joel Osment), der seine ganze Aufmerksamkeit fordert. Der ist nicht nur verhaltensauffällig, sondern hat oft Anzeichen eigenartiger Verletzungen. Seine alleinerziehende Mutter Lynn (Toni Collette) weiß nicht mehr ein noch aus, auch die Lehrer wissen nichts mit dem Außenseiter anzufangen. Doch Malcolm gibt nicht so leicht auf und lernt bald, dass der Junge ein schreckliches Geheimnis mit sich herumträgt, das er noch nie mit jemandem geteilt hat …

Wenn es eine Sache gibt, für die M. Night Shyamalan bekannt ist, dann sind es seine Twists. Tatsächlich wird der Name des in Indien geborenen US-Filmemachers gerne mal stellvertretend genommen für Wendungen, die aus dem Nichts kommen. Das muss nicht immer ein Kompliment sein, der Regisseur und Drehbuchautor selbst verkam im Laufe seiner Karriere zu einer Art Karikatur, wenn auf Teufel komm rauf noch irgendwo eine Überraschung rein musste. Die war dann nicht nur völlig an den Haaren herbeigezogen, bei dem Versuch, doch noch einen Kniff zu finden. Die Einseitigkeit führte zudem dazu, dass man als Zuschauer von Anfang an nach Hinweisen sucht, man mehr mit dem Ende beschäftigt ist als mit dem Weg dorthin.

Warum hab ich das nicht bemerkt?
Bei The Sixth Sense, durch den Shymalan vor mehr als zwanzig Jahren praktisch über Nacht zu einer Berühmtheit wurde, war das natürlich noch anders. Tatsächlich dürfte es damals nur wenige gegeben haben, die das Ende vorhersehen konnten. Und das obwohl es vorab genug Hinweise gab. Anders als so manche andere Last-Minute-Wendung, wie wir sie beispielsweise aus Krimis kennen, werden hier keine wesentlichen Informationen vorenthalten. Man muss vielmehr den Hut davor ziehen, wie offensiv der Filmemacher mit seinem Geheimnis umgegangen ist, einfach indem er mit den Erwartungen des Publikums spielte.

Im Gegensatz zu späteren Filmen von Shymalan ist The Sixth Sense aber nicht völlig von dieser Wendung abhängig. Sie ergibt Sinn, fügt sich harmonisch in das Ganze ein. Sie ist aber nur ein Teilaspekt der Geschichte. Stattdessen erzählt der Film von einem Jungen, der über eine ganz besondere Gabe verfügt, mit der er aber – aus verständlichen Gründen – nicht klarkommt. Dabei wird mit klassischen Genreelementen gearbeitet, weswegen der Film meistens auch in der Horror-Schublade verstaut wird. Das ist durchaus nachvollziehbar, es gibt genügend Szenen, die einem wirklich einen Schauer über den Rücken jagen, mal unheimlich sind, dann auch wieder verstörend. Lange Zeit führte der Film sogar die Liste der erfolgreichsten Horrorfilme aller Zeiten an, bis er 2017 von Es verdrängt wurde.

Die Begegnung mit dem Schmerz
Und doch ist Horror nur ein Teil des Paketes. Hinzu kommen starken Mystery-Elemente, während wir uns fragen, worum es eigentlich geht. Vor allem ist The Sixth Sense aber auch ein Drama, das vollgepackt ist mit tragischen Schicksalen und Figuren, die auf die eine oder andere Weise kaputt sind. Im Mittelpunkt der Geschichte steht daher nicht der Schrecken, sondern der Kampf, eben diesen Schrecken zu überwinden. Der Versuch, diesen Wunden und Traumata nicht länger aus dem Weg zu gehen, sondern diese anzugehen, um endlich Heilung zu erfahren. Der Kernsatz des Films ist daher nicht der, wenn Cole Malcolm sein Geheimnis anvertraut, auch wenn es der berühmteste ist. Der Kernsatz ist der, wenn es darum geht anderen zuzuhören, ihre Geschichten anzunehmen, ihren Schmerz, sie für das zu akzeptieren, wer sie sind. Trotz der unheimlichen Passagen und dem hohen Tränenfaktor gegen Ende hin, ist The Sixth Sense auf seine Weise ein sehr schöner, aufmunternder Film, der Mut macht, anstatt sich lediglich auf billige Tricks zu verlassen.

Dass dieses Wagnis aufgeht, ist ein großer Verdienst des Ensembles. Von Willis, den wir sonst eher als Action-Held in Erinnerung haben, der mit seiner ruhigen Art aber ein besonderes Verhältnis zu dem Jungen aufbaut. Von Collette, die für ihre Rolle als verzweifelte Mutter nicht ohne Grund für einen Oscar als beste Nebendarstellerin im Rennen war. Und von Osment, der ebenfalls für einen Oscar nominiert war. Auch wenn er im Anschluss relativ schnell wieder von der Bildfläche verschwunden ist, seine Darstellung eines verängstigten, einfühlsamen und doch willensstarken Jungen geht weit über das hinaus, was Kinder in einem Horrorfilm normalerweise sind – eben weil weder Cole noch der Film so sind wie andere.

Credits

OT: „The Sixth Sense“
Land: USA
Jahr: 2019
Regie: M. Night Shyamalan;
Drehbuch: M. Night Shyamalan
Musik: James Newton Howard
Kamera: Tak Fujimoto
Besetzung: Bruce Willis, Haley Joel Osment, Toni Collette, Olivia Williams

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 2000 Bester Film Nominierung
Beste Regie M. Night Shyamalan Nominierung
Bestes Original-Drehbuch M. Night Shyamalan Nominierung
Bester Nebendarsteller Haley Joel Osment Nominierung
Beste Nebendarstellerin Toni Collette Nominierung
Bester Schnitt Andrew Mondshein Nominierung
BAFTA Awards 2000 Bester Film Nominierung
Bestes Original-Drehbuch M. Night Shyamalan Nominierung
Bester Schnitt Andrew Mondshein Nominierung
The David Lean Award for achievement in Direction M. Night Shyamalan Nominierung
Golden Globe Awards 2000 Bestes Drehbuch M. Night Shyamalan Nominierung
Bester Nebendarsteller Haley Joel Osment Nominierung



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The Sixth Sense
4.45 (89.09%) 11 Artikel bewerten

The Sixth Sense
„The Sixth Sense“ begründete den Ruf von M. Night Shyamalan als Mr. Twist. Doch so überraschend das Ende seines Films auch war, es würde dem Film nicht gerecht, ihn darauf zu reduzieren. Vielmehr hat der Regisseur und Drehbuchautor mit seiner Geschichte über einen übernatürlich begabten Jungen ein Werk geschaffen, das unheimlich und herzzerreißend ist, gleichzeitig aber aufmunternd in seinem Kampf um Heilung und Einfühlungsvermögen.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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