Wir

„Wir“ // Deutschland-Start: 21. März 2019 (Kino)

Ein paar Tage in ihrem Familienhaus ausspannen, mehr wollten Adelaide Wilson (Lupita Nyong’o), ihr Mann Gabe (Winston Duke) und die beiden Kinder Zora (Shahadi Wright Joseph) und Jason (Evan Alex) gar nicht. So richtig wohl fühlt sich Adelaide dort jedoch nicht. Immer noch plagen sie Erinnerungen an ihre Kindheit, als sie im Vergnügungspark verlorengegangen ist. Und auch die seltsamen Zufälle, die sie immer wieder beobachtet, bringen sie zu der Überzeugung, dass da irgendetwas Unheimliches vor sich geht. Diese Überzeugung soll sich eines Nachts bewahrheiten, als plötzlich vier Gestalten vor ihrer Einfahrt stehen. Schlimmer noch: Sie sehen den Wilsons erschreckend ähnlich. Und sie scheinen keine friedlichen Absichten zu haben.

Wenn ein Horrorfilm für einen Oscar als bester Film nominiert ist, am Ende immerhin den für das beste Originaldreh erhielt, dann will das bei dem notorisch horrorphoben Filmpreis schon etwas heißen. Wenn dieser Film gleichzeitig aber auch für einen Golden Globe in der Comedy-Sparte nominiert ist, dann steht endgültig fest: Das hier ist etwas Besonderes. Get Out war vor zwei Jahren sicher auch eine der ganz großen Sensationen. Denn wie Jordan Peele seinerzeit klassische Genreelemente mit satirischen Seitenhieben auf ein rassistisches Amerika kombinierte, das war schon einmalig.

Ein eigenwilliges Fest fürs Auge
Entsprechend hoch waren die Erwartungen für Wir, für viele der meist erwartete Horror-Titel des Jahres – auch dank seines aufsehenerregenden Trailers. Teilweise wird der zweite Film des einstigen TV-Komikers Peele diesen Erwartungen auch gerecht. Teilweise nicht. Eines aber vorweg: Der Regisseur und Drehbuchautor untermauert mit seinem Werk erneut seine Ambitionen, ein nicht unbedingt für Innovationen bekanntes Genre kräftig durchzumischen und seine ganz eigene Version daraus zu machen. Seine eigene Vision auch.

Das darf man auch wörtlich verstehen. Mike Gioulakis, der zuvor auch schon bei Under the Silver Lake und It Follows für ungewöhnliche Einblicke zuständig war, zaubert hier Bilder auf die Leinwand, die deutlich kunstvoller und ausdrucksstärker sind als bei den meisten Horror-Kollegen. Ob die Schatten der Wilsons über den Sandstrand wandern, wir zu Beginn im besagten Vergnügungspark verlorengehen oder zum Ende tierisch surreale Szenen die Leinwand gefangen nehmen, Wir ist von der ersten bis zur letzten Minute ein visueller Hochgenuss, dessen zahlreichen Details sich einem wohl nur mit der Zeit erschließen.

Rätsel um Rätsel, zwischen surreal und komisch
Vor allem aber die Besetzung hat ihren Anteil daran, dass Wir derart stark aus der Masse an Genrebeiträgen hervorsticht. Wie Lupita Nyong’o (12 Years a Slave) in ihrer Doppelrolle aufgeht, gleichzeitig die fürsorgliche Mutter und ein wahnsinniges Zerrbild hiervon spielt, das wäre in einer fairen Welt für diverse Filmpreise gut. Aber auch die kindlichen Doppelgänger lassen es einem immer wieder kalt den Rücken hinunterlaufen. Bis zum nächsten Gag. Und von denen gibt es jede Menge. Der Kontrast zwischen komischen und unheimlichen Momenten fällt hier noch einmal ein ganzes Stück stärker aus als bei Get Out, was zu einer gewöhnungsbedürftig zerrissenen Stimmung führt. Stoff für Alpträume reihen sich da an unbekümmerte Albernheiten, die an Zombiekomödien erinnern, ohne dass man aus dieser Mischung je schlau würde.

Und ohnehin: Wir, das auf dem South by Southwest 2019 Weltpremiere feierte, ist kein Film, der es einem einfach macht, ihm zu folgen. Die eigentliche Grundgeschichte ist dabei, der bizarren Idee zum Trotz, noch ziemlich simpel. Immer wieder baut Peele aber Verweise und Anspielungen ein, zeichnet Abgründe, die einen fürchten lassen, dass da noch deutlich mehr dahintersteckt. Aber er belässt es bei den kryptischen Anspielungen. Anders als beim zuweilen wenig subtilen Get Out bleibt hier völlig offen, was die seltsamen Aussagen und Handlungen der Eindringlinge zu bedeuten haben. Ob sie denn überhaupt etwas zu bedeuten haben oder ob sich Peele nicht einfach einen Spaß mit seinem Publikum erlaubt und nach dem gesellschaftskritischen Erstling auch hier Erwartungen unterwandert. Vergleichbar zu Under the Silver Lake letztes Jahr. Das kann man nun gemein finden oder frustrierend, enttäuschend oder herausfordernd. Langweilig ist der Film jedoch sicher nicht, vor allem nicht für Filmfans, die hier jede Menge Zitate großer Horrorwerke erwartet.

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Eine Familie muss sich zu Hause gegen seltsame Doppelgänger wehren: „Wir“ kombiniert klassische Horrorelemente mit surrealen Szenen und teils albernem Witz zu einem der eigenwilligsten Genrebeiträge der neueren Zeit. Die vielen Rätsel und Anspielungen laden aufmerksame Zuschauer ein, ein bisschen mehr Zeit mit der Geschichte zu verbringen. Aber selbst wer diesen kryptischen Passagen nichts Konkretes entnimmt, kann hier Spaß haben – vor allem mit den beeindruckend verstörenden Darstellern.
8von 10

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