(„The Visit“ directed by M. Night Shyamalan, 2015)

„The Visit“ läuft ab 24. September im Kino

Seit vielen Jahren schon ist die junge Mutter (Kathryn Hahn) mit ihren Eltern zerstritten, haben kein Wort mehr miteinander geredet. Entsprechend angespannt ist sie dann auch, als ihre eigenen Kinder Rebecca (Olivia DeJonge) und Tyler (Ed Oxenbould) eine Woche zu ihnen fahren wollen. Die sind jedoch Feuer und Flamme, brennen nicht nur darauf, ihre Großeltern das erste Mal zu sehen, sondern sind auch fest entschlossen, alles auf Kamera festzuhalten, um so die Versöhnung der beiden Parteien voranzutreiben. Und anfangs ist auch alles wunderbar, Oma (Deanna Dunagan) und Opa (Peter McRobbie) sind reizende Menschen, wenn auch nicht unbedingt in der Moderne angekommen. Doch je mehr Zeit verstreicht, umso seltsamer kommen sie Rebecca und Tyler vor. Warum zum Beispiel dürfen sie nach 21.30 Uhr nicht mehr ihr Zimmer verlassen? Und weshalb sind manche Orte für die Kinder tabu?

Was wurde nicht im Vorfeld spekuliert, ob M. Night Shyamalan nach diversen kommerziellen und künstlerischen Reinfällen mit The Visit wieder zur alten Stärke zurückfindet. Schließlich stattet er hier wieder dem Horrorfilm einen Besuch ab, also jenem Genre, das ihn einst mit The Sixth Sense zu einem der meistbeachteten Nachwuchsregisseure machte. Und auch budgetmäßig verabschiedete er sich von seinen großen Ambitionen, die er noch bei Die Legende von Aang und After Earth zeigte, statt 130-150 Millionen Dollar kostet sein neuer nur noch 5 Millionen. In dem Genre muss das noch kein Manko sein, denn Spannung und Atmosphäre lassen sich nur zum Teil mit Geld kaufen, oft hält einen eben das in Atem, das nicht gezeigt wird – ein Segen für das Portemonnaie der Filmstudios.

Leider ist The Visit aber auch in anderer Hinsicht ein äußerst billiger Film. Schon der Anfang lässt einen zusammenzucken, wenn wieder das das totgetretene Found-Footage-Prinzip herangezogen werden soll, um die Geschichte zu erzählen. Da werden Tablet-Videochats zur Rekapitulation benutzt, mit der mitgebrachten Kamera Interviews geführt, manchmal sollen sie auch nur ungewöhnliche Perspektiven dienen. Nun muss man im Jahr 2015 schon gute Grunde anführen, warum man das durch The Blair Witch Project und Paranormal Activity so populär gewordene Stilmittel noch verwendet, eine inhaltliche oder optische Rechtfertigung.

Shyamalan tut das nicht. Er, der bei aller Kritik zumindest immer nach dem Ungewöhnlichen gesucht hat, biedert sich an, verliert bei der Inszenierung seine persönliche Note und ergibt sich Standards und Klischees. Einige der Perspektiven sind tatsächlich etwas eigenwillig. Aber sie sind selten, zu selten, und noch dazu nicht durch Found Footage bedingt. Man hätte diese auch ohne künstliche Kameras problemlos einfügen können, was nicht nur ehrlicher gewesen wäre, sondern auch die vielen Szenen überflüssig gemacht hätte, in denen sich der Film nur für seine Form interessiert und während derer The Visit zu einer ausgesprochen zähen Angelegenheit wird.

Andererseits wäre dann der maue Inhalt vermutlich noch stärker entlarvt gewesen. Eine Horrorkomödie soll der Film sein, gleichzeitig spannend und lustig. Letzteres trifft tatsächlich manchmal zu, gerade durch den Gegensatz der weltfremden Großeltern und der technikabhängigen Enkel gibt es des Öfteren Anlass zum Lachen. Weniger geglückt sind hingegen die Rap-Einlagen von Ed Oxenbould, die anfangs kurios, später nur noch anstrengend sind. Was die Spannung angeht, da versagt der Film jedoch fast auf ganzer Linie. Nur wenige Momente deuten an, dass da tatsächlich etwas Unheimliches vorgeht, und sie alle hängen mit der großartig spielenden Deanna Dunagan zusammen, die fast alleine die Katastrophe verhindert. Eine solche ist The Visit – der seine Deutschlandpremiere bei der Münchner Ausgabe des Fantasy Filmfests 2015 feierte – dann auch nicht geworden, von einem tatsächlichen Comeback sollte man hier aber besser nicht sprechen, dafür ist das Ergebnis trotz der niedrigen Erwartungen einfach zu mäßig. Einen Twist zum Schluss gibt es übrigens, wie man es von Shyamalan erwarten kann. Der ist jedoch vergleichsweise harmlos, so wie der Film insgesamt harmlos ist und nur aufgrund des Namens überhaupt erwähnenswert ist.



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The Visit
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The Visit
M. Night Shyamalans Rückkehr zum Horrorgenre fällt recht ernüchternd aus. Lustig ist „The Visit“ zuweilen und kann sich mit einer großartig spielenden Hauptdarstellerin rühmen. Inhaltlich ist der Ausflug zu den Großeltern jedoch mau, spannend so gut wie nie, nervt zudem mit überflüssigen Rap-Einlagen und einfallslosen Found-Footage-Spielereien
4von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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