Inhalt / Kritik

Nahschuss

„Nahschuss“ // Deutschland-Start: 12. August 2021 (Kino)

Für Franz Walter (Lars Eidinger) scheint ein Traum in Erfüllung zu gehen, als er direkt nach seiner Promotion an der Humboldt-Universität ein Angebot vom Auslandsnachrichtendienst der DDR erhält. Ein interessantes Arbeitsumfeld, spannende Aufgaben, dazu die Aussicht auf eine Professur, was will man mehr? Und auch mit seinem neuen Chef Dirk Hartmann (Devid Striesow) versteht er sich auf Anhieb gut. Als er mit seiner Freundin Corina (Luise Heyer) die schick eingerichtete neue Wohnung bezieht, welche ihm der Geheimdienst zur Verfügung stellt, glaubt er deshalb , das große Los gezogen zu haben. Doch nach einigen erfolgreichen ersten Einsätzen, bei denen Walter sein Talent unter Beweis stellt, kommen ihm erste Zweifel an seiner Aufgabe. Immer weitreichender sind die Aktionen, die er und seine Kollegen zum Wohle seines Landes durchführen zu müssen, immer gravierender die Folgen, worunter bald auch seine Beziehung zu leiden hat. Aber wie jetzt noch aus der Sache wieder herauskommen?

Erinnerung an einen erschreckenden Fall

Als sich der Mauerfall in Berlin und die Wiedervereinigung Deutschlands zum 30. Mal jährten, nahmen das viele Filmschaffende zum Anlass, an diese besondere Zeit zu erinnern. Das konnten Werke sein, die eben diesen Umsturz zum Thema machten und anhand persönlicher Geschichten veranschaulichten, wie das damals so war – etwa Zwischen uns die Mauer oder Fritzi – Eine Wendewundergeschichte. Andere nutzten die Aufmerksamkeit, um noch einmal ganz allgemein an die Schattenseiten der DDR zu erinnern. Nahschuss geht ebenfalls letzteren Weg, nimmt dafür aber ein anderes „Jubiläum“ zur Vorlage. Erzählt wird hier, angelehnt an den Fall Werner Teske im Jahr 1981, wie sich ein bislang unbescholtener Bürger in den Seilschaften des Geheimdienstes verheddert und dafür einen hohen Preis bezahlt.

Als Zuschauer bzw. Zuschauerin ahnt man selbst ohne Vorwissen um Teske, dass das hier nicht wirklich gut ausgehen kann. Wer es mit dem Geheimdienst zu tun bekommt, der wird – zahlreiche Geschichten wurden dazu schon erzählt – entweder zum Täter oder zum Opfer. Interessant ist an Nahschuss, wie wir hier einem Menschen folgen, der beides irgendwie ist. Wenn wir zu Beginn des Films Walter kennenlernen, sehen wir keinen typischen Spion oder auch Opportunisten. Er ist wissenschaftlich interessant, freut sich auf die Aussicht auf eine Professur und nimmt dafür auch den kleinen Umweg in Kauf, den seine Stelle beim Nachrichtendienst bedeutet. Denn was soll da schon groß passieren in einem Rechtsstaat wie der DDR, die sich Gemeinschaftlichkeit auf die Fahnen geschrieben hat?

Der allmähliche Weg in den Abgrund

Ob Walter an dieser Stelle nur naiv ist oder nicht sehen will, worauf er sich einlässt, darüber lässt sich streiten – gerade aus der heutigen Distanz gesehen. Es gelingt Regisseurin und Drehbuchautorin Franziska Stünkel aber sehr anschaulich, diese allmähliche Progression aufzuzeigen. Zunächst sind die Ereignisse in Nahschuss noch harmlos genug, dass das Wegschauen vergleichsweise einfach ist, vor allem wenn derart mit Zuckerbrot und Peitsche gearbeitet wird. Da ist von Anfang an dieser Druck, dass alle am selben Strang ziehen sollen. Dafür gibt es Annehmlichkeiten wie die Wohnung und natürlich die Auslandsreisen, welche auf Walter eine ungeheure Faszination ausüben. In Hamburg unterwegs zu sein, das ist schon eine ganz andere Erfahrung als die, die er daheim sammelt. Das Drama, welches auf dem Filmfest München 2021 Weltpremiere hatte, zeigt zwei Welten, die geografisch nah beieinander liegen und doch unterschiedlicher nicht sein könnten.

Das ist visuell nicht ganz subtil dargestellt, wenn in der DDR eine offensichtliche Vorliebe für ein Gemisch aus Beige und Grau herrscht. Auch die Passagen um einen gefangenen Vogel sind etwas sehr direkt. Nur selten gewährt einem Nahschuss auch mal unbeschwerte Momente, gleich zu Beginn an einem See etwa. Ansonsten dominiert eine Stimmung mit klaustrophobischen Zügen. Das Gefühl gefangen zu sein, nicht mehr herauszukönnen. Das geht natürlich mit dem Fortlauf der Geschichte einher, wenn Walter zunehmend Zweifel an seiner Arbeit kommen. Doch diese Erkenntnis ist zu spät: Wer Teil dieses Netzes ist, fängt nicht nur andere – er fängt auch sich selbst. Vor allem die zweite Hälfte handelt davon, wie er versucht, sich aus demselben wieder zu lösen und damit alles nur noch schlimmer macht. Denn auch wenn er langsam ahnt, was richtig und was falsch ist, leitet sich daraus nicht ab, was konkret zu tun ist. Was überhaupt getan werden kann.

Die Tragik des (nicht-)freien Willens

Lars Eidinger (Proxima: Die Astronautin, Schwesterlein) spielt die Figur, die weder Held noch Schurke ist, in all ihrer Widersprüchlichkeit aus. Ein Mann, der intelligent und eloquent ist und doch überfordert, einem System nicht gewachsen, das mit aller Gewalt eine Gleichförmigkeit erreichen will. Wer nichts falsch macht, hat nichts zu befürchten, wird gegen Ende des Films einmal gesagt. Und damit suggeriert, dass jeder über sein eigenes Leben bestimmen kann. Doch manchmal reicht es, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, einmal zu oft Ja gesagt zu haben, um einen Automatismus auszulösen, gegen den man schwer wieder ankommt. Die Tragik der Geschichte liegt daher zum einen darin, wie jemand chancenlos versucht, einen Fehler zu beheben oder sich diesem zumindest zu entziehen. Aber auch, dass er aus freiem Willen heraus Teil des Systems wurde und sich in diese Lage gebracht hat.

Credits

OT: „Nahschuss“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Franziska Stünkel
Drehbuch: Franziska Stünkel
Musik: Karim Sebastian Elias
Kamera: Nikolai von Graevenitz
Besetzung: Lars Eidinger, Luise Heyer, Devid Striesow, Paula Kalenberg, Peter Benedict, Victoria Trauttmansdorff

Bilder

Trailer

Interview

Wie war es für ihn, die Rolle des Franz Walter zu übernehmen? Und lohnt es sich zu kämpfen, selbst wenn man dabei zum Scheitern verurteilt ist? Diese und weitere Fragen haben wir Hauptdarsteller Lars Eidinger in unserem Interview zu Nahschuss gestellt.

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Nahschuss
Angelehnt an eine wahre Geschichte erzählt „Nahschuss“, wie ein Mann für den DDR-Geheimdienst arbeitet und erst zu spät erkennt, worauf er sich eingelassen hat. Spannend ist dabei, wie die widersprüchliche Figur gleichzeitig Täter und Opfer ist und für seine anfängliche Naivität einen hohen Preis zu bezahlen hat.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Eine Antwort

  1. Bernd Müller

    War gerade in „Nahschuss“ – große Erwartungen auf große Handlung und große Darsteller und .. große Enttäuschung. Wer schnell Schaum vorm Mund hat, bei DDR und Stasi, ist da bestens versorgt: es wird wirklich jedes Klischee bedient! Warum waren die im Weltmasstab eigentlich so erfolgreich, wenn sie doch immer so hohl und dumm dargestellt werden?

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