In dem von einer wahren Geschichte basierten Historiendrama Nahschuss spielt Lars Eidinger einen Mann, der anfängt, für den Geheimdienst in der DDR zu arbeiten und dabei immer tiefer in das System hineingezogen wird. Zunächst noch voller Enthusiasmus wird ihm erst nach und nach bewusst, was diese Arbeit wirklich bedeutet und von ihm fordert. Doch zu dem Zeitpunkt ist es bereits zu spät: Der Versuch, wieder aus dem System auszubrechen, scheitert. Wir haben uns zum Kinostart am 12. August 2021 mit dem Schauspieler über seine Rolle, unser Verhältnis zu Überwachungen und den Kampf des Einzelnen gegen das System unterhalten.

Was hat dich an Nahschuss gereizt? Warum wolltest du diesen Film drehen?

Ich hatte das Gefühl, das ist ein Teil unserer Geschichte, der noch nicht so richtig beleuchtet wurde. Alleine die Tatsache, dass noch 1981 jemand zum Tode verurteilt wurde und dieses Todesurteil auch vollstreckt wurde, war mir völlig fremd. Die Beschäftigung mit diesem Schicksal erlaubte es uns, noch einmal einen Blick auf diese Zeit zu werfen. Ich bin als jemand, der in Westberlin aufgewachsen ist, keiner, der den Westen verklärt und als einzig gutes System ansieht. Im Gegenteil: Ich habe manchmal das Gefühl, es wäre besser gewesen, nach der Wende das Gute in beiden Systemen zu finden und daraus etwas Neues zu machen, anstatt einfach nur ein System drüberzustülpen. Denn das hat zu Konflikten geführt, an denen wir uns bis heute abarbeiten. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass bislang in Filmen vieles verharmlost wurde. Stasioffiziere und die Volkspolizisten wurden oft als ein bisschen trottelig dargestellt. Und das degradiert meiner Meinung nach die Leute, die unter diesem System gelitten haben oder sogar zum Opfer gefallen sind. Außerdem wollten wir die Geschichte von jemandem erzählen, der eben dieses System unterstützt. Wie kommt es, dass jemand Teil der Staatssicherheit wird? Welche Zwänge führen dazu, dass er da funktioniert?

Kanntest du denn die Geschichte von Werner Teske, die den Film inspiriert hat?

Nein, gar nicht. Ich war deshalb auch ziemlich davon überrascht, als ich davon erfahren habe. Franziska Stünkel, die Regisseurin des Films, hat mich vor vier Jahren getroffen und hat mir die Geschichte erzählt. Ein Drehbuch gab es damals noch nicht, aber ich war von Anfang an interessiert an dem Projekt. Ich fand auch sehr spannend an ihr, dass sie den unbedingten Willen hatte, diese Geschichte zu erzählen. Mir hat es sehr imponiert, wie sehr sie dafür brannte, auch aus einem empathischen Moment heraus. Der Film ist zwar nur angelehnt an die Geschichte von Werner Teske. Aber wir hatten das schon sehr präsent im Kopf und wollten dem unbedingt gerecht werden.

Wenn man einen historischen Stoff bearbeitest, hast man natürlich auch den Anspruch, dass das am Ende eine gewisse Authentizität hat. Davon befreit man sich zwar, wenn man am Anfang sagt, dass der Film nur angelehnt ist an historische Ereignisse. Ich finde es auch ganz wichtig zu betonen, dass wir eine fiktive Geschichte erzählen. Trotzdem hatte ich einen wahnsinnigen Respekt davor das darzustellen und zu sagen: Das sind die Beweggründe, das sind die Konflikte. Die ganzen Texte vor Gericht sind tatsächlich Mitschriften aus dem Prozess. Und das fand ich schon sehr berührend. Ich hatte beim Spielen immer die Stimme von Werner Teske im Ohr und habe teilweise mit der Melodik und der Tonalität von Werner Teske gearbeitet. Und mit seinen Pausen: Er hat sehr lange Pausen gelassen und sehr vorsichtig geredet, sehr kontrolliert und alarmiert.

Ein Punkt in Nahschuss, der sehr bewegt, ist, wie deine Figur versucht, aus allem wieder herauszukommen, es aber nicht schafft. Gab es überhaupt einen Punkt, an dem ein Ausstieg noch möglich gewesen wäre?

Schwer. Ich finde es ziemlich nachvollziehbar erzählt, dass er es versucht, es ihm aber nicht gelingt. Auch welche Zwänge dazu führen, dass er Teil des Systems wird und wie schwer es ist daraus auszubrechen. Vertrauen und Misstrauen ist dabei ein elementares Thema. Es gibt auch genügend Beispiele, in denen sich Ehepartner gegenseitig bespitzelt haben. Der Mitarbeiter in der Staatssicherheit argumentiert in unserem Film sogar, dass eine solche Bespitzelung kein Problem ist, wenn man nichts gegen den Staat macht und nichts zu verbergen hat. Das ist ein Argument, gegen das man zunächst nicht ankommt. Warum sollte jemand Angst haben, der konform ist?

Wir leben heute zwar nicht in einem vergleichbaren Überwachungsstaat. Dennoch sind wir oft in Situationen, in denen wir unter Beobachtung stehen. Wir haben Kameras an öffentlichen Plätzen. Wir füttern das Internet mit Informationen über uns. Viele heben von sich aus gern die Grenze zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen auf, indem sie alles online teilen. Ist die Vorstellung eines Überwachungsstaates in einer solchen Gesellschaft überhaupt noch eine Schreckensvision? Man könnte ja auch in der Hinsicht sagen: Solange du nichts zu verbergen hast, droht ja keine Gefahr. 

Da gibt es sehr unterschiedliche Ansichten. Ich ertappe mich auch immer wieder bei dem Gedanken „Ist mir doch egal.“, weil ich mich weigere, dahinter eine böse Absicht zu vermuten. Ich glaube, das ist auch die Folge einer gewissen Systematik. Zum Beispiel habe ich mal gelesen, dass ein Bild, das ich auf Instagram hochlade, mir nicht mehr gehört. Ich kann das auch nachvollziehen. Die Konsequenz für den Betreiber, wenn das Bild immer noch mir gehören würde, wäre für ihn überhaupt nicht mehr zu händeln. Dahinter steckt dann keine böse Absicht. Solche Plattformen können anders gar nicht funktionieren. Das müssen wir also in Kauf nehmen. Das Gleiche gilt für die Algorithmen, über die so oft geschrieben werden. Sie dienen letztendlich dazu, unsere Bedürfnisse zu verstehen und uns entsprechende Angebote zu machen. Das befeuern wir aber auch selbst. Denn wir wollen diese Angebote ja. Gerade der Kapitalismus und der Konsum ist noch sehr demokratischen Kriterien unterworfen. Angebot und Nachfrage. Und ich bilde mir ein, dass wir uns jeden Morgen neu dafür entscheiden. Wir werden ja nicht dazu gezwungen. Es gibt da keine Grauen Eminenzen hinter der Wand, die uns kontrollieren. Wir lassen uns kontrollieren und kontrollieren uns gegenseitig. Die Frage ist daher: Warum machen wir das? Warum stellen wir uns bei einer Schlange bei McCafé an, während nebendran ein Caféhaus leer ist?

Nahschuss

Ein Bild aus glücklicheren Tagen: Noch ahnen Franz Walter (Lars Eidinger) und seine Frau Corina (Luise Heyer) nicht, was ihnen bevorsteht (© Alamode Film)

Habe ich als Einzelner in einem solchen System überhaupt noch einen Einfluss?

Zum Teil schon, ja. Uns wird immer wieder mitgegeben, wie ausschlaggebend die Entscheidung des Einzelnen ist. Ein Beispiel: Ich war von 17 bis 24 Vegetarier und bin dafür an der Schule aufgezogen worden. Da hieß es: „Glaubst du, es werden weniger Tiere geschlachtet, nur weil du kein Fleisch mehr isst?“ Heute gibt es in jedem Restaurant vegetarische Angebote. Insofern glaube ich schon, dass die Vegetarier sehr viel verändert haben. Da merkt man schon, dass jeder Einzelne einen großen Einfluss hat. Und dass sich Sachen ändern können, haben wir in den letzten Monaten während der Pandemie gesehen. Man hätte sich ja gewünscht, dass eine Greta Thunberg den gleichen Impact gehabt hätte wie die Pandemie. Plötzlich konnte man Flughäfen zumachen und alles umsetzen, was sie gefordert hat. Da hieß es vorher nur, nein, das geht nicht. Der wirtschaftliche Schaden ist zu groß. Wenn ich eine Veränderung will, muss ich aber meistens bei mir anfangen und kann nicht auf äußere Veränderungen hoffen. Aber solche Änderungen im Kleinen können auch sehr verfahren sein, wie man an dem Beispiel Franz Walter im Film sieht. Ich glaube, es ist sehr gut nachvollziehbar, warum diese Figur nicht ausbrechen kann und woran sie auch zugrunde geht.

War es trotzdem richtig, dass er es versucht hat? Sind Kämpfe, die man nicht gewinnen kann, sinnlos?

Das ist natürlich eine schwierige Frage, da er seinen Kampf mit dem Leben bezahlt. Ich glaube grundsätzlich schon, dass es wichtig ist zu kämpfen. Ich bin zwar auf der einen Seite eher harmoniebedürftig, gehe oft aber auch in den Konflikt, wenn ich das in dem Moment für unausweichlich halte. Da könnte ich es mir oft auch einfacher machen. Da ist etwas in mir, das nach einer gewissen Aufrichtigkeit mir selbst gegenüber verlangt. Und ich glaube, dass das in dem Fall von Franz Walter auch so ist. Dass er spürt, dass er sich selbst verrät. Wenn man sich damit arrangiert, sich selbst zu verraten, hat man verloren. Dann kann man sich selbst auch nicht mehr vertrauen. Dafür ist es aber wichtig, ein Bewusstsein für die eigenen Moralvorstellungen und Ideale zu haben. Es gibt ja auch Momente, in denen man sich fast verliert und nicht mehr weiß, was richtig und was falsch ist. Die Frage, ob es sich lohnt aussichtslose Kämpfe zu kämpfen, würde ich mit dem Bild beantworten: Lohnt es sich zu leben, wenn man weiß, dass man stirbt?

Letzte Frage: Welche Projekte stehen demnächst bei dir an?

Ich spiele zur Zeit in Salzburg den Jedermann. Es kommen auch viele Filme in die Kinos, die ich gedreht habe, zum Beispiel ein Film, in dem ich den Geliebten von Isabelle Huppert spiele. Fernsehen habe ich auch einiges gemacht in der letzten Zeit, darunter mein dritter Kieler Tatort. Im September drehe ich meinen ersten Film für Hollywood, über den ich aber noch nichts verraten darf. Und im Oktober drehe ich eine HBO-Serie mit Olivier Assayas, meine dritte Zusammenarbeit mit ihm.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person
Lars Eidinger wurde am 21. Januar 1976 in West-Berlin geboren. Er sammelte schon als Kind erste Erfahrungen als Schauspieler. Von 1995 bis 1999 besuchte er die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch und trat parallel im Theater auf. Auch im Anschluss spielte er zunächst primär Theater. Erst später kamen zunehmend Auftritte in Film und Fernsehen hinzu. Zu den bekannteren Werken zählen unter anderem mehrere Tatort-Filme sowie die Roadmovie-Komödie 25 km/h (2018). Abseits der Schauspielerei arbeitete er wiederholt als Musiker und DJ und betätigte sich auch als Fotograf.



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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