Kritik

Die Toten vom Bodensee - Der Wegspuk

„Die Toten vom Bodensee: Der Wegspuk“ // Deutschland-Start: 18. Januar 2021 (ZDF)

Der Schock ist groß bei den drei Kindern. Eigentlich sollte es eine harmlose Mutprobe sein, als sie eine seit Jahren unbewohnte Villa aufsuchen. Doch dort müssen sie mitansehen, wie ein Mann einen anderen tötet. Dieser Mann stellt sich bald als Jakob Stocking (Robert Finster) heraus, als er sich nach anfänglichem Schock der Polizei stellt. Für Micha Oberländer (Matthias Koeberlin) und Hannah Zeiler (Nora Waldstätten) fangen die Fragen damit aber erst richtig an. Was genau wollten Stocking und der andere Mann dort? Und wie kommt es, dass seine Anwältin ausgerechnet Mia Burgstaller (Katharina Lorenz) ist, die gleich in mehrfacher Hinsicht mit dem Fall in Verbindung steht? Die Suche nach Antworten führt die beiden weit zurück in die Vergangenheit …

Und wie geht es weiter?

Es ist das Problem jeder Serie und Filmreihe, die über mehrere Jahre läuft: wie die bekannte Geschichte frisch halten, damit auch weiterhin das Publikum zusieht? Belässt man alles beim Alten, ohne etwas zu ändern, dann droht irgendwann Langeweile und Zuschauerschwund. Bewegt man sich jedoch zu weit von dem fort, was die Titel auszeichnete, dann riskiert man ebenfalls den Unmut der Fans – vor allem, wenn die Konkurrenz groß ist. Und das ist sie im Fall der deutsch-österreichischen Produktion Die Toten vom Bodensee, die sich seit dem ersten Film im November 2014 eine Stammkundschaft aufgebaut hat. Bei der gibt es zwar zahlenmäßige Schwankungen, vom Rekord, den man 2018 mit Die vierte Frau aufgestellt hat, ist man inzwischen ein gutes Stück entfernt. Dennoch, konstant mehr als sechs Millionen Zuschauer und Zuschauerinnen, das lohnt sich.

Es ist sogar bemerkenswert, wenn man sich vor Augen führt, wie weit sich die Reihe in den vergangenen Jahren von ihren Anfängen entfernt hat. Im Mittelpunkt stand dabei lange das besondere Verhältnis zwischen Oberländer und Zeiler. Während der Deutsche unkonventionell und locker unterwegs war, war die Österreicherin distanziert und rational, was in den ersten Fällen immer wieder für komische Reibungen gesorgt hat. Inzwischen ist davon nichts mehr übrig, die beiden sind typische Ermittelnde ohne nennenswerte Eigenschaften. Überhaupt hat man sich dafür entschieden, den nationalen Faktor komplett zu streichen. Zwar geht es inhaltlich nach wie vor um das deutsch-österreichische Grenzgebiet, man merkt jedoch recht wenig davon.

Ganz unerheblich sind die zwei Figuren deswegen aber nicht. Vielmehr greift Drehbuchautor Timo Berndt, der mit Der Wegspuk schon den zehnten Fall in Folge schrieb, auf die Ereignisse von Der Blutritt zurück. Dort hatte Oberländer in einer reaktionären Vorstellung von Galanterie Gewalt an dem von Christopher Schärf gespielten Raphael Stadler in Kauf genommen, das Love Interest von Zeiler. Dass das gewisse Auswirkungen auf die Beziehung der zwei Hauptfiguren mit sich bringt, ist klar. Tatsächlich besteht sie darin, dass sich die zwei einen Großteil des Films angiften oder anschweigen. Verständlich ist das schon, macht das Ganze aber auch noch weiter austauschbar, da nun so gar keine Chemie mehr zwischen den beiden herrscht.

Rätselhaft-verschlungener Fall

Dafür ist der Kriminalaspekt stärker als so manches Mal in der Reihe. Hier geht es ausnahmsweise nicht darum herauszufinden, wer der Mörder ist. Wir sehen die Szene ja gleich zu Beginn. Doch daran schließen sich Fragen an, die mit der Zeit eher mehr als weniger werden. Denn je mehr Oberländer und Zeiler ermitteln, umso mehr Querverbindungen decken sie auf. In Der Wegspuk hängt jeder mit jedem und alles mit allem zusammen, doch das „wie“ und „warum“ stellt vor Rätsel. Das Ergebnis ist zwar schon recht konstruiert. Dafür ist hier mal die Motivation plausibel. Zudem gibt es unterwegs schön viele Hinweise, weshalb man hier wieder eigene Schlüsse ziehen darf – was heutzutage keine Selbstverständlichkeit mehr ist.

Wer Krimis mag, kann hier deshalb ruhig reinschauen. Im Gegensatz zu vielen anderen TV-Krimis der letzten Zeit – unter anderem Nord bei Nordwest: Conny und Maik und Tatort: Das ist unser Haus –, die das Genre zu anderen Zwecken nutzen, ist Die Toten vom Bodensee: Der Wegspuk ein recht klassischer Vertreter, bei dem die Suche nach der Wahrheit im Mittelpunkt steht. Die ist wie so oft nicht sehr schön. Hier wird im Laufe der 90 Minuten so viel Geschirr zerschlagen, dass die Probleme von Oberländer und Zeiler recht harmlos wirken. Dennoch wäre es schön, wenn man das Duo in Zukunft wieder stärker miteinbeziehen könnte, anstatt sie zu bloßen Beobachtern zu machen.

Credits

OT: „Die Toten vom Bodensee: Der Wegspuk“
Land: Deutschland, Österreich
Jahr: 2021
Regie: Michael Schneider
Drehbuch: Timo Berndt
Musik: Chris Bremus
Kamera: Matthias Pötsch
Besetzung: Matthias Koeberlin, Nora Waldstätten, Hary Prinz, Christopher Schärf, Robert Finster, Katharina Lorenz, Thomas Unger

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Die Toten vom Bodensee: Der Wegspuk
„Die Toten vom Bodensee: Der Wegspuk“ zeigt zwar gleich zu Beginn den Täter, weshalb es sich um keinen klassischen Whodunnit handelt. Rätselfans bekommen dennoch mehr als genug Stoff, wenn die Fragen mit der Zeit eher mehr als weniger werden. Dafür enttäuscht das Ermittlerduo, das sich inzwischen gar nichts mehr zu sagen hat, womit man sich zu weit von den Stärken der Reihe entfernt.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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