Kritik

Rascal Vaurien

„Rascal“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Viel hat Djé (Pierre Deladonchamps) nicht. Er hat praktisch kein Geld, kaum Klamotten, auch keine Perspektive, was er genau mit seinem Leben anfangen will. Aber vielleicht braucht es das ja gar nicht, erst einmal heißt es ab nach Paris, der Rest wird sich finden. Zu seinem Glück ist er nicht gerade auf den Mund gefallen, immer wieder schafft er es, sich durch knifflige Situationen zu manövrieren. Außerdem ist er durchaus bereit zu arbeiten, er nimmt auch die einfachsten Jobs an, um über die Runden zu kommen. Doch erst als er Maya (Ophélie Bau) begegnet, die zusammen mit anderen ein Haus besetzt und auch sonst nicht viel von Besitztümern hält, scheint er am Ende seiner Reise angekommen zu sein …

Der unbekannte Held?
Ein bisschen trügerisch ist der Titel ja schon. Sowohl das französische Vaurien wie auch die internationale Übersetzung Rascal können negative wie positive Konnotationen haben, lassen einen eher an einen gewitzten Gauner denken als an einen tatsächlich nichtsnutzigen Menschen. Der Film selbst lässt das ebenfalls sehr lange offen. Zwar ist Djé praktisch in jeder Einstellung zu sehen, die komplette Geschichte dreht sich um ihn und die Menschen, denen er unterwegs so begegnet. Doch wenn das französische Thrillerdrama eines zeigt, dann das: Du kannst unendlich viel Zeit mit jemandem verbringen und ihn am Ende doch nicht wirklich kennen.

Die Besetzung mit Pierre Deladonchamps (Der Fremde am See, Das Familienfoto) ist in dieser Hinsicht dann auch sehr geschickt. Der Franzose spielt in seinen Filmen oft Sympathieträger mit Macken. Figuren, die zwar schon nett sind und mit denen man gern Zeit verbringt, die gleichzeitig aber irgendwie verkorkst sind. Wer genau Djé ist, wird dabei lange nicht klar. Die ersten Szenen zeigen ihn als jemanden, der die Menschen, denen er begegnet, ganz gerne provoziert. Er muss sie dafür nicht einmal kennen. Ob es nun eine Passagierin in einem Zug ist oder eine Gruppe von Jugendlichen, denen er in einer Kneipe über den Weg läuft: Er genießt es sichtlich, sie aus dem Konzept zu bringen. Eine Weile sieht es dann auch danach aus, als wolle Rascal in erster Linie einen Menschen zeigen, der sich mit einer gehörigen Portion Dreistigkeit durchs Leben mogelt.

Ein Irrweg durchs Leben
Doch das ist eben nur ein Aspekt unter vielen. Tatsächlich ist am Ende des Films gar nicht klar, was Regisseur und Drehbuchautor Peter Dourountzis bei seinem Langfilmdebüt genau beabsichtigte. Zeitweise handelt Rascal davon, wie sich Djé tatsächlich bemüht, sein Leben in den Griff zu bekommen, einer Arbeit nachzugehen, eigenes Geld zu verdienen. Aber das ist nicht einfach, die berühmte zweite Chance bietet sich dann doch nicht unbedingt. Der Eindruck, es ginge dem Filmemacher vielleicht mehr um eine Art Gesellschaftsporträt verfestigt sich später, als die Hausbesetzer*innen mit ins Spiel kommen. Einerseits entsprechen sie durchaus dem Vorgehen des Gauners, wollen dies aber moralisch begründen – was zu einer interessanten Dynamik führt.

Weniger überzeugend ist der Umgang mit Djés inneren Abgründen. Die werden zwar immer wieder angedeutet, gerade auch im Hinblick auf seine Vorgeschichte, die erst mit der Zeit und nur bruchstückhaft erzählt wird. Indem Dourountzis aber seinen Fokus ständig verschiebt, sind die einzelnen Momente, die das Drama in die Thrillerrichtung schieben, recht irritierend. Sind Fremdkörper in einem Werk, das sich nie ganz greifen lässt. Andererseits macht das den Beitrag vom Filmfest Hamburg 2020 auch sehenswert. Rascal ist eine Mischung aus Realismus und Rätsel, setzt uns eine Identifikationsfigur vor, die uns bis zum Schluss fremd bleibt. Ein sympathisches Lächeln, das zum Teil verbirgt, was sich dahinter abspielt, dabei offen lässt, wo die Grenzen zwischen Freundlichkeit und Abgrund liegen.

Credits

OT: „Vaurien“
Land: Frankreich
Jahr: 2020
Regie: Peter Dourountzis
Drehbuch: Peter Dourountzis
Musik: Constantin Dourountzis
Kamera: Jean-Marc Fabre
Besetzung: Pierre Deladonchamps, Ophélie Bau, Sébastien Houbani

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Rascal
In „Rascal“ streift ein Mann durch Paris, provoziert andere, versucht irgendwie durchzukommen. Der Film wechselt dabei zwischen Gesellschaftsporträt und Thriller umher, verbringt viel Zeit mit einer Figur, die dennoch nie ganz zu durchschauen ist. Das Nebulöse ist dabei Stärke und Schwäche eines Dramas, welche das Publikum derart stark im Unklaren lässt und mit dem Widerspruch von Freundlichkeit und Abgrund spielt, dass man am Ende selbst nicht genau weiß, was das sollte.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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