Das Familienfoto

„Das Familienfoto“ // Deutschland-Start: 16. Mai 2019 (Kino)

Großvater ist tot. Das ist traurig. Ein bisschen. Noch trauriger aber ist, dass nun auch Großmutter (Claudette Walker) dauernd vom Sterben spricht. Sie möchte nämlich unbedingt in ihrem Heimatort Saint Julien sterben. Aber wie soll das gehen, wenn die alte demente Dame schon mit dem Leben überfordert ist? Also müssen die Enkel ran und sie nach und nach bei sich zu Hause aufnehmen. Was nicht einfach ist, denn jeder von ihnen hat seine eigenen Probleme. Gabrielle (Vanessa Paradis) arbeitet als lebende Statue, was ihrem Sohn Solal (Jean Aviat) mehr als peinlich ist. Elsa (Camille Cottin) hätte ganz gerne Kinder, kann aber nicht. Und der an Depressionen neigende Mao (Pierre Deladonchamps) bekommt sowieso nichts auf die Reihe. Deren getrennt lebenden Eltern Claudine (Chantal Lauby) und Pierre (Jean-Pierre Bacri) machen die Sache auch nicht gerade leichter. Die eine mischt sich zu viel ein, der andere will sich raushalten.

Man hat es schon nicht immer leicht mit der Familie. Jahrelang angesammelte Verletzungen, nie wirklich ausgetragene Konflikte, Ereignisse, die wir nicht vergessen oder vergeben haben, es hat schon seine Gründe, warum bei vielen der Kontakt mit den Jahren etwas seltener wird. Wenn die Familienmitglieder doch dazu gezwungen werden, noch einmal zusammenzukommen, dann kann es schon mal schnell zur Sache gehen. Siehe Weihnachten. Siehe Ostern. Ganz hoch im Kurs, zumindest bei Filmemachern, sind auch Beerdigungen. Denn davor kann man sich so schlecht drücken, was Protagonisten dazu zwingt, sich doch noch mit den anderen auseinandersetzen zu müssen.

Sind hier denn alle bekloppt?
Auch Cécilia Rouaud ist sich dieser reinigenden Kraft einer Zwangsbegegnung bewusst. Und sie weiß sie auch zu nutzen: Denn wo viel Reibung entsteht, da entsteht oft Komik, da treten Geschichten hervor, die erzählt werden wollen. Zu erzählen hat die französische Regisseurin und Drehbuchautorin eine ganze Menge. Das hat jedoch weniger mit der Beerdigung an sich zu tun, an den Großvater denkt selbst in dem Moment kaum einer. Vielmehr sind es die Lebenden und deren wuchernden Marotten und Macken, um die sich in Das Familienfoto alles dreht.

Das kann manchmal ganz komisch sein, etwa beim Running Gag, dass Oma ihren eigenen Sohn nicht wiedererkennt. Oder Gabrielle, die von den Herausforderungen ihres Berufes spricht. Wie oft lernen wir schon die Menschen hinter der goldenen Farbe kennen, die sich als Statuen in Parks oder Einkaufsstraßen präsentieren? Nach diesem Prinzip funktioniert Das Familienfoto dann auch: Da wird das Alltägliche mit dem Skurrilen vermischt, das Gewöhnliche mit dem Ungewöhnlichen. Vieles von dem, was hier geschieht und was die Leute so umtreibt, kennen wir aus unserem eigenen Leben. Nur sind unsere Versionen selten so unterhaltsam und leicht verrückt, wie es Rouard uns präsentiert.

Lachen, bis es weh tut
Eine reine Ensemblekomödie à la Monsieur Claude und seine Töchter oder Das Leben ist ein Fest ist das hier jedoch nicht, auch wenn es ein Wiedersehen mit Schauspielern dieser Titel gibt. Oft müsste man das „Komödie“ in „Tragikomödie“ schon sehr klein schreiben. Denn selbst wenn der Ton eher heiter ist, die einzelnen Geschichten leicht übertrieben – derart kaputt sind Familien dann doch eher selten –, dahinter verbergen sich schon verdammt traurige Themen. Einsamkeit und unerfüllter Kinderwunsch, Vernachlässigung und Depression, Demenz und Entfremdung, Rouaud mutet ihren Figuren und dem Publikum schon eine ganze Menge zu.

Dabei sind viele der unzähligen Probleme hausgemacht: Das Familienfoto erzählt, wie man sich und anderen aus Unachtsamkeit oder sonstiger Inkompetenz das Leben zur Hölle machen kann. Dennoch, der Film macht sich nicht über die Figuren lustig, sondern begegnet ihnen mit Verständnis und Wärme. Man selbst tut dies als Zuschauer ebenso. Vor allem das Zusammenspiel der drei Filmgeschwister Paradis, Cottin (Call My Agent!) und Deladonchamps (Sorry Angel) als Geschwister, die sich in ihrer Erinnerung an die Kindheit wieder annähern, trägt dazu bei, dass man hier mit ganzem Herzen dabei ist. Und so wird die Geschichte, die mit einem Tod beginnt und danach viele andere Gräben und Abgründe streift, sogar zu einer Art Wohlfühlfilm, bei dem vieles nicht ideal, bei dem aber auch deshalb für jeden Platz ist. Eine Liebeserklärung an all die Familien da draußen, so kaputt sie auch sein mögen.

Das Familienfoto
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Das Familienfoto
Beginnend mit der Beerdigung des Opas nimmt uns „Das Familienfoto“ mit zu einer Familie, wo wirklich alle und alles irgendwo kaputt ist. Das ist nicht zuletzt wegen kleinerer Übertreibungen manchmal komisch, oft aber auch richtig emotional. Vor allem das wunderbare Ensemble trägt dazu bei, dass trotz der etwas geballt auftretenden Probleme sich jeder hier wiederfinden kann, am Ende auch will.
7von 10

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