Kritik

Der Fremde am See L’inconnu du lac Stranger by the Lake

„Der Fremde am See“ // Deutschland-Start: 19. September 2013 (Kino) // 29. November 2013 (DVD)

Tag für Tag kommt Franck (Pierre Deladonchamps) an den FKK-Strand, genießt es zu schwimmen, sich in die Sonne zu legen, bis spät in den Abend zu bleiben. Und er genießt den anonymen Sex, denn der Ort ist ein beliebter Cruising-Treffpunkt für Homosexuelle. Bei den meisten weiß Franck nicht, wer sie sind oder wie sie heißen. Diesen Sommer gibt es jedoch zwei Ausnahmen. Da wäre Henri (Patrick d’Assumcao), der immer etwas abseits sitzt und mit dem sich Franck ausgiebig unterhält. Und natürlich Michel (Christophe Paou), den der Junggeselle von Anfang an begehrt und mit dem er ebenfalls zunehmend Zeit verbringt. Während sie sich so näherkommen, überschattet ein Mord, der an dem See geschehen ist, das lustvolle Glück der Männer …

Filme, die nur an einem Schauplatz spielen, gibt es natürlich nicht zu knapp. Oft werden solche kammerspielartigen Settings gern genommen, um damit Beklemmung und Spannung zu erzeugen, entweder weil in einem Thriller ein Mörder umhergeht oder die Figuren auf diese Weise gezwungen werden, sich in intensiven Gesprächen mit Verborgenem und Abgründigem auseinanderzusetzen. Das ist bei Der Fremde am See ganz ähnlich. Statt dunkler, abgeschlossener Räume gibt es hier jedoch einen sonnenüberfluteten Strand, ein idyllisches Plätzchen, an dem jeder seinen Wünschen und Begierden nachgeht. Ein Ort, der eben Freiheit bedeutet, auch in sexueller oder zumindest textiler Natur, wenn ein Großteil der Leute nackt durch die Gegend stolziert.

Sex … na und?
Tatsächlich ist Der Fremde am See ein ausgesprochen expliziter Film. Nicht allein, dass die Männer freimütig und ohne jegliche Scham ihre Geschlechtsteile in der Gegend herumbaumeln lassen – man ist ja schließlich an einem FKK-Strand. Auch bei der Darstellung von Sex wird keine Zurückhaltung gezeigt. Ob oral oder anal, abgesehen von Lars von Triers Nymph( )maniac dürfte es nur wenige Filme gegeben haben, die im letzten Jahrzehnt derart ausführlich auf der großen Leinwand Geschlechtsverkehr gezeigt haben. Wenn man einmal von diversen Hochglanzproduktionen absieht, die ein etwas eigenes Verständnis von Erotik zeigen.

Anders als aber das dänische Enfant Terrible ist der französische Regisseur und Drehbuchautor Alain Guiraudie gar nicht auf Provokation aus. Wenn er Männer beim Masturbieren oder Penetrieren zeigt, dann nicht weil er hier etwas Verbotenes tun will. Vielmehr hat sein Film einen stärker dokumentarischen Charakter, beweist immer wieder ein Auge fürs Detail und ein Talent für genaue Beobachtungen. Kamerafrau Claire Mathon (Porträt einer jungen Frau in Flammen) arbeitet dabei einerseits viel mit starren Einstellungen, die sich zudem wiederholen. Immer wieder werden wir Franck und Henri an einem Platz sehen, auch der Parkplatz mit den kommenden und abfahrenden Autos gehört zum festen Sortiment, welcher die Routine der Männer verdeutlicht. Die Geschichte spielt an zehn aufeinanderfolgenden Tagen, in denen sich gleichzeitig nichts und sehr viel tut.

Der surreale Alltag
Vom Thriller selbst sollte man nicht so wahnsinnig viel erwarten. Wer da wen umgebracht hat, ist eigentlich ziemlich klar. Guiraudi nutzt den Mord auch gar nicht so viel, um Spannung zu erzeugen. Sicher darf man sich fragen, ob es noch einen weiteren Vorfall geben wird, Gelegenheiten dazu bieten sich einige. Bemerkenswert ist aber vielmehr, wie sehr der Mord in Der Fremde am See ignoriert wird. Dann und wann wird darüber gesprochen. Aber es wirkt so weit weg, die Routine geht weiter, der Sex geht weiter, die Autos kommen und gehen. Auf diese Weise entsteht eine ganz eigene, irgendwie surreale Atmosphäre. Die war schon vorher immer wieder latent da bei den zum Teil sonderbaren Cruising-Begegnungen, verstärkt sich später noch mal.

Trotz dieser irgendwie komischen Einschübe ist Der Fremde am See aber auch ein sehr trauriger Film. Hinter der golden schimmernden Fassade warten nicht nur mörderische Abgründe, sondern auch Einsamkeit, die Sehnsucht nach Anerkennung, in anderen Fällen Bindungsängste und der Wunsch nach Anonymität. Über die Figuren erfährt man dann auch recht wenig. Hin und wieder wird es kurze Dialoge zwischen Franck und Henri geben, die aus ihnen mehr machen als zwei Männer am Strand. Die Vorgeschichten erzählen und das Bild von Menschen zeichnen, die auf der Suche sind. Pierre Deladonchamps (Das Familienfoto) als freudig-naiver Junge und Patrick d’Assumçao (Die Erscheinung) als gebrochener Zyniker bilden hier einen Kontrast, der rührend ist, das eigentliche Herz in einer von Oberflächlichkeiten und Verdrängungen geprägten Welt.

Credits

OT: „L’inconnu du lac“
IT: „Stranger by the Lake“
Land: Frankreich
Jahr: 2013
Regie: Alain Guiraudie
Drehbuch: Alain Guiraudie
Kamera: Claire Mathon
Besetzung: Pierre Deladonchamps, Christophe Paou, Patrick d’Assumçao, Jérôme Chappatte

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
César 2014 Bester Film Nominierung
Beste Regie Alain Guiraudie Nominierung
Bestes Original-Drehbuch Alain Guiraudie Nominierung
Bester Nebendarsteller Patrick d’Assumçao Nominierung
Bester Nachwuchsdarsteller Pierre Deladonchamps Sieg
Beste Kamera Claire Mathon Nominierung
Bester Schnitt Jean-Christophe Hym Nominierung
Bester Ton Philippe Grivel Nominierung
Prix Lumières 2014 Bester Nachwuchsdarsteller Pierre Deladonchamps Nominierung

Filmfeste

Cannes 2013
Toronto International Film Festival 2013
Sundance 2014
International Film Festival Rotterdam 2014

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Der Fremde am See
„Der Fremde am See“ spielt an zehn aufeinanderfolgenden Tagen an einem FKK-Strand, erzählt von anonymem Sex, der Suche nach Geborgenheit und einem Mord. Das ist teils dokumentarisch-explizit, teils komisch-surreal, aber auch sehr traurig, wenn einsame Männer in ihren Routinen gefangen sind, aus denen sie nicht ausbrechen können.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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