Kritik

Impetigore

„Impetigore“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Der Schock sitzt tief, als Maya (Tara Basro) bei der Arbeit von einem seltsamen Mann angegriffen wird, der von irgendeinem Vermächtnis ihrer Familie spricht, das keiner haben will. Verwirrt, was der Mann damit gemeint haben könnte, macht sie sich zusammen mit ihrer besten Freundin Dini (Marissa Anita) auf den Weg in ihr altes Heimatdorf. Dort wollen sie, unter dem Vorwand Studentinnen zu sein, herausfinden, was es mit dem komischen und schrecklichen Zwischenfall auf sich hatte. Ihr altes Familienhaus ist inzwischen verfallen, auch sonst scheint sich einiges verändert zu haben. Doch je mehr die beiden nachbohren, umso gefährlicher wird die Situation für sie – und umso grauenvoller ist, was sie dabei finden …

Im Bereich des indonesischen Horrorfilms ist Joko Anwar sicherlich einer der bekanntesten Namen. Seit einigen Jahren schon ist der Regisseur und Drehbuchautor im Genrebereich unterwegs, hierzulande wurde man mit Modus Anomali – Gefangen im Wahnsinn das erste Mal auf ihn aufmerksam. Sein berühmtester Titeln ist jedoch Satan’s Slaves: In seiner Heimat zählt sein Remake zu den erfolgreichsten Filmen aller Zeiten, es lief auch auf einer Reihe von Festivals. Da durfte man natürlich neugierig sein, wie es mit seiner Karriere weiterging. Etwas überraschend wandte er sich anschließend jedoch dem Superheldenfilm zu, präsentierte mit seiner Comic-Adaption Gundala eine eigene, indonesische Interpretation der beliebten Blockbuster.

Die Suche nach der Wahrheit
Mit Impetigore geht es nun aber zurück zu den Ursprüngen, und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Nicht allein, dass sein neuestes Werk wieder fest im Horrorgenre verankert ist. Anwar kehrt zudem zu dem beliebten Gegensatz von Tradition und Moderne zurück, wenn eine Großstädterin ein abgelegenes, in Vergessenheit geratenes Dorf besucht, in dem die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Man pflegt dort noch alte Rituale, folgt überlieferten Überzeugungen, selbst wenn diese heute als reiner Aberglauben abgetan werden. Vor allem wird früh klar, dass die Menschen von einem Ereignis der Vergangenheit verfolgt werden, sie zu deren Gefangenen geworden sind. Aber weshalb? Und was genau ist vorgefallen?

Zumindest am Anfang zeigt Anwar, dass er durchaus ein Händchen dafür hat, eine unheimliche und mysteriöse Stimmung zu erzeugen. Klar, so richtig subtil ist das nicht, wenn die beiden jungen Frauen durch einen dunklen Wald gehen, später durch ein dunkles Haus, viel mit Schatten gespielt wird. Aber es funktioniert. Es hat zudem eine deutlich unwirkliche Note, wie Impetigore Farben verwendet und damit auf den ersten Blick schon deutlich macht, dass da etwas nicht stimmt. Die audiovisuelle Umsetzung bleibt auch bis zuletzt eine der Stärken des Films. Der Beitrag vom SLASH Filmfestival 2020 zieht eine hinein in eine Welt der Albträume, setzt auf folkloristische Elemente, die dem Film eine ganz eigene Atmosphäre verleihen.

Probleme mit dem Tempo
Inhaltlich ist Impetigore jedoch deutlich weniger interessant. Zum einen ist das grundsätzliche Szenario um abgelegene Dörfer, Familiengeheimnisse und grausame Flüche ein bisschen abgedroschen. Anwar findet kein Mittel, versucht es nicht einmal, sich von den Standards des Genres zu lösen. Schlimmer noch ist aber, dass das Tempo des Films hinten und vorne nicht stimmt. So dauert es viel zu lange, bis die Geschichte endlich mal in die Gänge kommt. Die Kunst eines Geheimnisses ist es, das Publikum nach und nach auf die richtige Fährte zu schicken, immer kleine Puzzleteile zu geben, die sich langsam zu einem Bild zusammensetzen. Anwar tut das nicht, geizt zu lange mit den Antworten, nur um dann in einem Aufwasch alles vor die Füße zu werfen. Die Art und Weise, wie hier das Rätsel gelöst wird, ist schon eine ziemliche Dreistigkeit.

Das ist auch deshalb schade, weil mit einem besseren Drehbuch tatsächlich ein kleines Genre-Highlight aus dem Ganzen hätte werden können. Hauptdarstellerin Tara Basro gefällt als Protagonistin, die von einer Vergangenheit verfolgt wird, die sie selbst gar nicht kennt. Einige der angeschnittenen Themen sind durchaus interessant, etwa das des kollektiven Traumas. Und in manchen Szenen, etwa der zu Beginn, ist der Horror spürbar, trotz oder wegen des gezeigten Minimalismus. So aber ist Impetigore letztendlich nur ein durchschnittlicher Vertreter, der gleichermaßen beeindruckt wie frustriert. Das kommt dann nicht an das besagte Satan’s Slaves heran, die Neugierde, wie es mit Anwar weiter geht, bleibt jedoch.

Credits

OT: „Perempuan Tanah Jahanam“
Land: Indonesien
Jahr: 2019
Regie: Joko Anwar
Drehbuch: Joko Anwar
Musik: Bemby Gusti, Tony Merle, Aghi Narottama
Kamera: Ical Tanjung
Besetzung: Tara Basro, Marissa Anita, Christine Hakim, Asmara Abigail, Ario Bayu

Trailer

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Impetigore
In „Impetigore“ folgen wir zwei jungen Frauen, die in einem abgelegenen Dorf die Antworten auf ein schreckliches Familiengeheimnis suchen. Das ist streckenweise sehr atmosphärisch, gefällt durch eine unwirkliche Stimmung. Inhaltlich ist der indonesische Horrorfilm jedoch weniger interessant, ist zudem beim Tempo ziemlich missglückt.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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