Kritik

Gundala

„Gundala“ // Deutschland-Start: 28. Mai 2020 (DVD/Blu-ray)

Von klein auf hatte es Sancaka (Muzakki Ramdhan) schwer im Leben. Sein Vater wurde während eines Protests gegen die schlechten Arbeitsbedingungen in einer Fabrik getötet. Seine Mutter verließ ihn ein Jahr später, angeblich um eine Anstellung zu finden, und kam niemals zurück. Und so musste er sich allein durchs Leben schlagen, unterstützt von Awang (Fariz Fadjar), einem weiteren Straßenkind, das ihm beibringt zu kämpfen. Viele Jahre später kann der nun erwachsene Sancaka (Abimana Aryasatya) diese Fähigkeiten gut gebrauchen bei seiner Stelle als Sicherheitsmann. Vor allem aber beim Kampf gegen den Verbrecherboss Pengkor (Bront Palarae) und dessen Schlägertruppen sind seine außergewöhnlichen Kräfte gefragt …

Im Vergleich zu anderen fernöstlichen Nationen wie China, Südkorea und Japan fristete das indonesische Kino lange ein Schattendasein. Es dauerte relativ lang, bis die heimische Filmindustrie mal in Schwung kam, trotz großer Fortschritte in den letzten Jahren ist der Output nach wie vor überschaubar. Gerade mal 100 Filme sollen derzeit im Jahr dort produziert werden. Das ist für eine Nation mit immerhin knapp 270 Millionen Einwohnern – das viertbevölkerungsreichste Land der Welt – nicht sehr viel. In den Westen kommt davon ohnehin so gut wie nichts. Immerhin, ein paar Exportschlager gab es dann doch. Das betrifft zum einen den Actionbereich, der sich durch hohe Brutalität auszeichnet. Aber auch aus dem Horrorgenre schwappte einiges herüber.

Wir wollen mitmachen!
Joko Anwar ist dabei einer der bekannteren Regisseure, hat sich mit Horrortiteln wie Modus Anomali – Gefangen im Wahnsinn und Satan’s Slaves einen Namen gemacht. Gerade Letzterer war überraschend gelungen, deutlich besser als die grauenvollen Werke, die Netflix eine Zeit lang aus Indonesien importiert hat. Besser auch als viele westliche Schlaftabletten, die nur dem Namen nach Horror sind. Insofern durfte man schon etwas gespannt sein, was der Genre-Filmemacher aus Gundala herausholen würde, auch weil er sich hier nicht in seinem üblichen Umfeld aufhält, sondern sich an einem Superheldenfilm versucht. Schließlich hat man auch in dem Inselstaat die große Popularität der Hollywood-Comic-Adaptionen registriert und versucht sich hier an einer eigenen Fassung davon.

Tatsächlich ist die Figur von Gundala in Indonesien schon vor dem Film durchaus etabliert, seit 1969 gibt es sie bereits. Auch Pläne für eine Leinwandadaption sind nicht erst gestern entstanden, viele Jahre überlegte man, wie man den hauseigenen Helden zu neuen Ehren verhelfen könnte. Wobei das Wort „neu“ hier auch wirklich nur in Anführungsstrichen verwendet werden sollte. So wie die diversen Horrorfilme, die zuletzt gezeigt wurden und letztendlich nur Klischees schlecht kopierten, gibt es auch hier vor allem Altbekanntes, das wieder aufgewärmt wurde, ohne große eigenen Ideen oder auch den Mut, etwas tatsächlich Eigenes auf die Beine zu stellen, als Alternative zur formelhaften Hollywood-Konkurrenz.

Eine düstere Zukunftsvision
Am interessantesten ist da noch das Setting, das zusammen mit einer recht herben Kritik am korrupten System Indonesiens für etwas Abwechslung sorgt. Dass Politiker mitunter korrupt sein können, das wissen wir natürlich, sei es nun aus Filmen oder der Realität. Selten aber wird das derart konsequent durchgezogen wie in Gundala. Anwar, der auch das Drehbuch geschrieben hat, präsentiert hier sein Heimatland als einen Ort der Gewalt und der Gier, voller kaputter Leute, dafür ohne viel Hoffnung. Eine dystopisch überspitzte Version, nah genug dran, um sich damit identifizieren zu können, aber eben einem Comic gemäß stilisiert. So lange der Film, der bei den Fantasy Filmfest White Nights 2020 Deutschlandpremiere hatte, diese Stilisierung beibehält, macht das auch Spaß. Gleiches gilt für den mörderischen Pengkor, der ein wenig an den Pinguin aus Batman erinnert. Es fehlt aber an dem Willen oder auch an dem Gespür, das alles konsequent durchzuziehen.

Auch in Hinblick auf die Actionszenen wäre deutlich mehr drin gewesen. Das geht hier zwar mehr zur Sache als bei den US-Kollegen, verzichtet zudem auf die CGI-Exzesse, die keinen Platz mehr für Körperlichkeit lassen. Bei Gundala wird tatsächlich noch mit Händen und Füßen gekämpft, oft sogar, ohne dabei jedoch an die Leistungen der Landsmänner etwa in The Night Comes for Us und natürlich The Raid herankommen zu können. Da ist das hier doch eine ganze Spur kleiner, weniger aufregend auch. Und so bleibt eine typische Origin-Story, die zwar nicht wirklich was verkehrt macht, aber wohl kaum dazu beitragen dürfte, dem indonesischen Kino im Ausland zu einem neuen Schub zu verhelfen. Mit den Platzhirschen von Marvel und DC kann das hier schon aufgrund des geringeren Budgets nicht konkurrieren. Und während der eine oder andere es begrüßen wird, dass hier auf aufgezwungene Oneliner verzichtet wird, man sich also nicht sklavisch an die Vorbilder hält, es hätte dann schon einen Ersatz gebraucht, um zwischen den Kämpfen noch etwas anbieten zu können.

Credits

OT: „Gundala“
Land: Indonesien
Jahr: 2019
Regie: Joko Anwar
Drehbuch: Joko Anwar
Vorlage: Harya Suraminata
Musik: Aghi Narotama, Bemby Gusti, Tony Merle
Kamera: Ical Tanjung
Besetzung: Abimana Aryasatya, Tara Basro, Bront Palarae, Ario Bayu, Rio Dewanto, Muzakki Ramdhan, Fariz Fadjar

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Gundala
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Gundala
Mit „Gundala“ versucht sich Indonesien an einer eigenen Form eines comicbasierten Cinematic Universe. Der Auftakt ist durchaus solide, bietet letztendlich aber nicht genug, um in dem überlaufenen Markt eine reelle Chance zu haben. Die Kämpfe sind zwar körperlicher als bei der US-Konkurrenz, kommen aber gegen die reinen Actionfilme der Landsmänner nicht an. Und auch sonst ist das hier meistens nur zweite Wahl.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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