Kritik

Wir beide Deux

„Wir beide“ // Deutschland-Start: 6. August 2020 (Kino)

Seit vielen Jahren schon sind Nina (Barbara Sukowa) und Madeleine (Martine Chevallier) Nachbarinnen und enge Freundinnen, helfen einander, falls nötig ist. Das zumindest denken die anderen im Haus und auch das Umfeld der beiden älteren Damen. Tatsächlich hegen sie aber sehr viel weitergehende Gefühle füreinander, sind ein Liebespaar, das Bett und Leben miteinander teilt. Bislang geschah dies nur im Geheimen, aus Rücksicht vor den Kindern Madeleines. Doch damit soll bald Schluss sein: Sie wollen die Wohnung verkaufen und nach Rom ziehen, um dort ihren Lebensabend zu zweit verbringen zu können. Die Pläne sind lang geschmiedet, der Makler weiß Bescheid – bis ein Zwischenfall alles verändert …

Das Leid der verborgenen Gefühle
Gefühle für einen anderen Menschen zuzugeben, das ist nicht immer einfach, sich zu öffnen und dabei das Risiko eingehen, zurückgewiesen und verletzt zu werden. Noch schwieriger wird es, wenn diese Gefühle nicht dem entsprechen, was uns die Welt da draußen vorlebt. Wenn uns der Eindruck vermittelt wird, man dürfe gar nicht so fühlen, wie man es tut. Das LGBT-Umfeld im Film ist voller Beispiele, dass die Figuren damit hadern aus sich herauszugehen. Dabei werden oft die Themen Coming-out mit Coming of Age verbinden, wenn junge Menschen auf der Suche nach einem Platz in der Welt sich mit der eigenen (Homo-)Sexualität auseinandersetzen müssen.

Im Fall von Wir beide würde wohl niemand auf die Idee kommen, den Begriff Coming of Age zu verwenden. Auch wenn es natürlich keine feste Definition dafür gibt, wann der Übergang ins Erwachsenenalter ein Ende findet, Seniorinnen jenseits der 70 zählen eher nicht darunter. Das Thema Coming-out kann dort dafür nach wie vor aktuell sein, vielleicht sogar besonders dort. Denn wer ein ganzes Leben lang damit verbracht hat, ein Musterbeispiel heteronormativer Gefälligkeit zu sein, dem fällt es verständlicherweise schwer, alles noch mal umzukrempeln. Das gilt besonders, wenn man wie Madeleine erwachsene Kinder hat, denen man dann noch erklären müsste, dass die Beziehung ihrer Eltern nicht so ganz der Wahrheit entsprochen hat – was nun wirklich niemand hören will.

Zwischen Idylle und Kampf
Regisseur und Co-Autor Filippo Meneghetti liefert mit seinem Spielfilmdebüt eine Mischung aus Greta und Die Erbinnen ab, wenn späte sexuelle Selbstentfaltung auf eine eingelebte lesbische Beziehung treffen. Aber auch Vergleiche zu Eine fantastische Frau liegen auf der Hand, denn Wir beide handelt eben auch davon, wie eine Partnerin, die nicht in das Bild der Familie passt, von dieser ausgeschlossen wird. Das spielt besonders in der zweiten Hälfte des Films eine große Rolle, wenn sich der Fokus verschiebt. Ging es zunächst in dem Drama um die traute Zweisamkeit und das Ringen damit, diese öffentlich zu machen, wird es später deutlich konfrontativer. Nina, die es nach den Jahren der Heimlichkeit leid ist, nicht Teil von Mados Leben sein zu dürfen, greift zu dem einen oder anderen fragwürdigen Mittel, um ihren Willen zu bekommen.

Etwas unerwartet wildert das Drama, das auf dem Toronto International Film Festival 2019 Premiere hatte, hier im Genre des Thrillers herum. Meneghetti gibt ein wenig seine so zurückhaltende Art auf, die sich an dem Augenblick erfreute, und versucht hier, das Publikum mit mehr Spannung zu fesseln. Wirklich notwendig wäre das nicht gewesen, der italienische Filmemacher testet hier schon die Grenzen der Glaubwürdigkeit aus. Zum Glück fängt sich Wir beide aber rechtzeitig wieder und besinnt sich auf die eigenen Stärken. Ganz weit oben stehen dort die beiden Hauptdarstellerinnen Sukowa (Enkel für Anfänger) und Chevallier, die zwei sich ergänzende und doch konträre Rollen auszufüllen haben. Am Ende ist der Film das erwartete Plädoyer für Gefühle, welcher Form sie auch immer sein mögen, findet eine schöne Balance aus Nostalgie und Hoffnung, aus Zärtlichkeit und Kampf.

Credits

OT: „Deux“
Land: Frankreich, Luxemburg, Belgien
Jahr: 2019
Regie: Filippo Meneghetti
Drehbuch: Filippo Meneghetti, Malysone Bovorasmy
Musik: Michele Menini
Kamera: Aurélien Marra
Besetzung: Barbara Sukowa, Martine Chevallier, Léa Drucker, Jérôme Varanfrain, Muriel Bénazéraf

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Wir beide
4.33 (86.67%) 3 Artikel bewerten

Wir beide
In „Wir beide“ wollen zwei Frauen Anfang 70 ihre jahrelangen Gefühle füreinander endlich öffentlich machen, haben dabei jedoch mit vielen Hindernissen zu kämpfen. Das Drama verirrt sich später zwar ein bisschen unnötig in Thrillerrichtungen, ist insgesamt aber ein schöner Film über eine späte Liebe und das Plädoyer, Gefühle als solche zu akzeptieren, welche Form auch immer sie haben mögen.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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