Kritik

Enkel fuer Anfaenger

„Enkel für Anfänger“ // Deutschland-Start: 6. Februar 2020 (Kino) // 20. August 2020 (DVD/Blu-ray)

Eigentlich hatte Gerhard (Heiner Lauterbach) schon mehr oder weniger mit seinem Leben abgeschlossen, nachdem sein Partner gestorben ist. Da läuft er eines Tages seiner alten Bekannten Karin (Maren Kroymann) über den Weg. Die konnte nie Kinder haben und ist das eintönige Rentnerdasein daheim satt. Warum sich also nicht ehrenamtlich als Leihoma betätigen, so wie es ihre Schwägerin Philippa (Barbara Sukowa) auch tut? Gerhard will damit natürlich nichts zu tun haben. Als er aber selbst von einem kleinen Jungen als Wunschopa ausgesucht wird, steckt er schon mitten drin im Gewusel und lernt wie die beiden anderen das Leben noch einmal völlig neu kennen …

Das Alter ist heute auch nicht mehr das, was es mal war. Schließlich steigt die Lebenserwartung nicht nur ständig, man ist auch länger fit. Soll heißen: Während die Menschen früher jenseits der 70 vielleicht schon auf dem Abstellgleis vor sich hin vegetierten, wollen sie jetzt noch richtig was erleben. Das hat nicht nur die Industrie entdeckt und ältere Mitbürger und Mitbürgerinnen als Zielgruppe ausgemacht – schließlich haben die oft Kohle, aber nicht mehr die großen Ausgaben wie früher. Auch im Filmbereich häuften sich in den letzten Jahren viele Beispiele, die alle irgendwie davon handelten, als Senioren noch einmal Spaß haben zu dürfen, siehe beispielsweise Book Club und Tanz ins Leben.

Ich bestimme mein Leben!
Enkel für Anfänger schlägt da in eine ganz ähnliche Richtung, wenn die drei Rentner*innen auf diese Weise noch einmal aufblühen, sich selbst und die Welt ganz neu kennenlernen. Der Unterschied dabei ist, dass dies hier mal ganz ohne das Thema Liebe auskommt. Oder besser: Der Film strebt eine Liebe an, die über traute Zweisamkeit hinausgeht. Dabei wären die drei dafür eigentlich prädestiniert. Ein Witwer, eine lebenslustige Single-Frau und eine unglücklich Verheiratete, das schreit geradezu danach, dass da irgendwo noch der passende Partner vorbeikommt. Die Komödie flirtet zwar auch mit der Möglichkeit, ohne sich ihr aber ganz hinzugeben. Das Leben hat mehr zu bieten als nur Partnerschaft.

Das ist etwas überraschend, aber sympathisch, so wie der Film sich allgemein gerne mal etwas kratzbürstig gibt. Gerade Heiner Lauterbach zeigt nach Kalte Füße letztes Jahr erneut sein Talent für einen Humor, wenn er einen trockenen Spruch nach dem anderen abfeuert. Barbara Sukowa (Hannah Arendt) kann hier aber gut mithalten, obwohl ihre Figur der Hippie-Oma so ziemlich das genaue Gegenteil des stocksteifen Gerhard darstellt. Wobei das natürlich kalkuliert ist, das von Robert Löhr geschriebene Drehbuch arbeitet sehr viel mit Gegensätzen. Tatsächlich hat man den Eindruck, dass er vor dem Schreiben erst einmal überlegt hat, wo man überall Kontraste finden kann und dann diesen Weg verfolgt, der Rest kam erst später.

Aus spaßigem Biss wird Wohlfühlpflicht
Das bedeutet einerseits, dass die Figuren schon sehr überzeichnet sind und nicht unbedingt mit Vielschichtigkeit glänzen. Aber es macht eben meistens auch Spaß, zumal der Film wirklich kreuz und quer schießt. Ob nun in Routine erstarrte Langweiler, gesundheitsfanatische Helikoptereltern, vermeintliche Freigeister oder grummelige Teenager, hier bekommt jeder sein Fett ab. Allerdings verliert Enkel für Anfänger mit der Zeit seine Garstigkeit. Vergleichbar zu Willkommen bei den Hartmanns vor etwas mehr als drei Jahren wird genüssliche Bissigkeit zum Ende hin gegen Wohlfühlkitsch eingetauscht. Das ist nicht nur mutlos, der Weg dorthin überzeugt auch wenig. Weder die plötzlichen Konflikte noch die ebenso rasante Auflösung ergeben sich organisch aus der Situation. Das hat mehr mit pflichtbewusstem Abhaken einer Checkliste zu tun als dem Wunsch, eine eigene Geschichte zu erzählen.

Aber trotz dieser Mankos und der generellen Vorhersehbarkeit der Geschichte, Enkel für Anfänger ist schon ein sehr netter und liebenswürdiger Film. Ein Film, der ein bisschen piesackt, aber am Ende doch will, dass alle wieder etwas glücklicher nach Hause gehen. Dagegen ist nicht wirklich etwas einzuwenden, das selbstgesteckte Ziel wird schon erfüllt. Außerdem ist das Plädoyer, wieder offener fürs Leben zu sein, Neues auszuprobieren und auf andere Menschen zuzugehen, eines, das man nicht wirklich zu oft wiederholen kann, egal welches Alter die Adressaten in dem Moment auch haben. Das Ergebnis dürfen dann gern auch erst einmal nur kleine Schritte sein. Es werden sich schon noch Leute finden, die dann mitgehen. Und selbst wenn nicht: Das Glück kann man überall finden, selbst wenn man alleine unterwegs ist.

Credits

OT: „Enkel für Anfänger“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Wolfgang Groos
Drehbuch: Robert Löhr
Musik: Helmut Zerlett
Kamera: Andreas Berger
Besetzung: Maren Kroymann, Heiner Lauterbach, Barbara Sukowa, Julius Weckauf, Dominic Raacke, Günther Maria Halmer, Lavinia Wilson, Palina Rojinski, Bruno Grüner

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Enkel für Anfänger
4.05 (81%) 20 Artikel bewerten

Enkel für Anfänger
„Enkel für Anfänger“ ist ein weiterer Film, der aufzeigt, dass man selbst in einem fortgeschrittenen Alter noch etwas fürs Leben lernen kann. Das ist durchaus spaßig, auch wegen der zahlreichen Kontraste, die eingebaut wurden, und einem zuweilen garstigen Humor. Mit der Zeit wird es aber ein bisschen unbeholfen versöhnlich, wenn die Komödie das obligatorische Wohlfühlfinale anvisiert.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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