Kritik

Undine

„Undine“ // Deutschland-Start: 2. Juli 2020 (Kino)

Für die Historikerin Undine (Paula Beer) bricht eine Welt zusammen, als ihr Freund Johannes (Jacob Matschenz) ihr eines Tages aus heiterem Himmel verkündet, dass er sich von ihr trennen will, um mit einer anderen zusammen zu sein. Und das auch noch in ihrem Stammcafé! Während sie noch überlegt, wie es nun weitergehen soll, macht sie die Bekanntschaft von Christoph (Franz Rogowski), der zuvor auf einer ihrer Führungen war. Für beide ist es Liebe auf den ersten Blick, nach einem etwas holprigen Start sind die beiden unzertrennlich. Doch dann läuft Undine erneut Johannes über den Weg, während er mit seiner neuen Freundin unterwegs ist …

Der Titel ist hier natürlich Programm: Undine lautet nicht nur der Name der Hauptfigur in dem neuen Film von Christian Petzold, sondern bezieht sich auf eine alte Sage um eine weibliche Wassergestalt. Die erhielt nur durch die Vermählung mit einem Menschen eine unsterbliche Seele. Verlässt dieser Mann sie jedoch, muss er dafür sterben. Wenn Undine zu Beginn des Films Johannes ohne die Miene zu verziehen sagt, dass er sterben wird, sollte er fortgehen, dann ist das also nicht allein die Spinnerei einer offensichtlich psychisch gestörten Frau, sondern Teil einer Geschichte, die immer wieder märchenhafte Elemente in sich aufnimmt. Tatsächlich soll das hier der Auftakt einer Trilogie werden, die sich des Motivs der Elementargeister annehmen will.

Zwischen Alltag und Magie
Ein reines Fantasy-Drama ist Undine dadurch aber nicht geworden. Tatsächlich sind die Szenen, welche die alte Sage mit der neuzeitlichen Romanze verbinden, so selten, dass sie manche vermutlich erst einmal irritieren werden. Denn auch wenn das Wasser ständig eine große Rolle spielt, Undine die Figur eines Tauchers hegt, Christoph selbst auf Tauchgänge geht, es hat mehr Symbolcharakter. Viel Zeit verwendet Petzold ansonsten für die Beziehung zwischen den Charakteren, auch den idyllischen Alltag, wenn man meint, dass vielleicht doch noch alle ihr Glück gefunden haben. Dass das auf Dauer nicht gut gehen kann, ist dabei natürlich klar. Eine Geschichte, die mit der großen Liebe beginnt, muss irgendwelche Schwierigkeiten später bereithalten, damit sich das Ganze überhaupt lohnt.

Das Drama, das auf der Berlinale 2020 Premiere hatte und dort auch im Wettbewerb lief, braucht dafür gar nicht viel. Es reicht, dass die Leute mit ihren Gefühlen nicht klarkommen, sich nicht sicher sind, manchmal auch Probleme mit der Kommunikation haben. Das ist zu Beginn fast schon komisch, wenn sich Undine und Johannes über den Inhalt einer Sprachnachricht streiten, später dann ärgerlich, wenn sich alle völlig unnötig gegenseitig Steine in den Weg legen. Andererseits führt Letzteres dazu, dass gerade gegen Ende hin die Geschichte lauter unvorhergesehene Haken schlägt und man nie ganz sicher sein kann, was als nächstes geschieht – oder was real ist.

Ein eingespieltes Team
Verlässlich ist hingegen die sehr gute Besetzung. Wie in seinem letzten Film Transit gab er Paula Beer und Franz Rogowski die Hauptrollen, auch Maryam Zaree, welche hier eine Kollegin von Christoph verkörpert, spielte dort eine größere Rolle. Mit Jacob Matschenz hatte er in Dreileben – Etwas Besseres als den Tod zusammengearbeitet – damals trug seine Figur ebenfalls den Namen Johannes. Ob diese Rückgriffe auf vergangene Filme nun bewusst Assoziationen wecken sollen oder nur die Vorliebe für etablierte Beziehungen ausdrückt, das sei mal dahingestellt. Aber es passt als eine Art Meta-Element für einen Film, in dem es ständig Querverweise gibt, immer wieder die Vergangenheit ihren Weg in den Mittelpunkt findet, und sei es nur bei der Frage, was aus den alten Gebäuden geworden ist. Nicht ohne Grund gab Petzold, der auch das Drehbuch schrieb, seiner Titelfigur den Beruf einer Historikerin.

Was dabei fehlt, ist jedoch ein wenig das Zwingende. Vereinzelt läuft Undine wirklich zur Hochform auf, bietet betörende Aufnahmen und ein hypnotisches Sounddesign, die sich mit der Romanze zu einem mysteriösen, traumartigen und doch bewegenden Wirbelwind verbinden. An anderen Stellen lässt einen das Geschehen eher ein bisschen kalt, die Geschichte an sich ist dann nie so packend wie das sie umgebende Konzept. Aber auch wenn der Film hinter Transit und dem zuvor veröffentlichten Phoenix etwas zurückbleibt und nie ganz das Potenzial ausschöpft, welches das Team und die Idee mitbringen, es ist ein schöner Film, den einem der Regisseur da aus den Tiefen der deutschen Romantik mitgebracht hat und der hoffentlich in der aktuell schwierigen Kinolandschaft sein Publikum finden wird.

Credits

OT: „Undine“
Land: Deutschland, Frankreich
Jahr: 2020
Regie: Christian Petzold
Drehbuch: Christian Petzold
Kamera: Hans Fromm
Besetzung: Paula Beer, Franz Rogowski, Maryam Zaree, Jacob Matschenz

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Deutscher Filmpreis 2020 Bester Film Nominierung
Bester Ton Nominierung

Filmfeste

Berlinale 2020

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Undine
3.57 (71.43%) 7 Artikel bewerten

Undine
Eine wasseraffine Historikern verliebt sich in einen Taucher. „Undine“ hat der Legende um einen Wassergeist entsprechend eine märchenhafte Komponente, die aber nie so wirklich konsequent verfolgt wird. Vereinzelt ist das Drama wunderbar, an anderen Stellen eher etwas leer und konstruiert, insgesamt ein sehenswerter, sehr guter Liebesfilm, wie man ihn nicht alle Tage sieht.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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