Kritik

The High Note

„The High Note“ // Deutschland-Start: 26. Juni 2020 (Kino) // 3. September 2020 (DVD/Blu-ray)

Für Maggie (Dakota Johnson) war es der absolute Traumjob: Sie darf Assistentin der großen Sängerin Grace Davis (Tracee Ellis Ross) sein! Deren besten Tage liegen zwar schon eine Weile hinter ihr, die Künstlerin lebt mehr vom Glanz vergangener Zeiten. Doch Maggie hält unbeirrt an ihr fest, erfüllt noch den kleinsten Wunsch von der nicht immer ganz einfachen Grace. Dabei wäre es ihr eigener Wunsch, nicht nur Termine zu koordinieren und Einkäufe zu erledigen. Vielmehr würde Maggie gern das geplante Live-Album produzieren, womit sie regelmäßig Jack Robertson (Ice Cube) verärgert, den Manager von Grace. Als sie dann aber die Bekanntschaft von David (Kelvin Harrison Jr.) macht, einem ebenso begnadeten wie unbekannten Sänger, sieht sie ihre Chance gekommen, doch noch Produzentin zu werden …

Kommt es oder kommt es nicht? Während viele ursprünglich geplante Kinofilme entweder nach hinten verschoben wurden oder stattdessen als Video on Demand erschienen, war man sich bei The High Note nicht so ganz sicher, was die beste Strategie ist – und versucht deshalb beides. Das ist einerseits natürlich verständlich und kaum dem Film als solchen anzulasten. Aber es ist doch auch irgendwie bezeichnend für ein Werk, das es irgendwie allen Recht machen will, sich überall ein bisschen versucht und damit am Ende letztendlich völlig belanglos und ohne echte Persönlichkeit bleibt. Dabei hat der Film durchaus einige inhaltliche interessante oder zumindest gesellschaftlich relevante Themen, mit denen man viel hätte anfangen können.

Doppelnachteil weiblich und schwarz
Dass es Frauen in der Musikindustrie schwerer haben als Männer, das ist nun nicht wirklich ein Geheimnis. Zwar hält sich The High Note mit tatsächlichen #MeToo-Momenten zurück, nicht zuletzt weil im Mittelpunkt zwei Frauen stehen und die meisten Männer gar nicht wirklich was zu sagen haben. Das Drama verpasst es aber nicht, immer wieder zu betonen, dass man sich als Frau doppelt und dreifach anstrengen und beweisen muss. Ein wenig wird zudem auch auf die Benachteiligung schwarzer Künstler und Künstlerinnen eingegangen. Und dann wäre da natürlich der Faktor, dass Grace bereits Mitte 40 ist und damit zum alten Eisen zählt. Während Männer noch in ihren 70ern auf Bühnen herumtoben dürfen, bleibt Frauen irgendwann nur noch der Rückzug aufs Las-Vegas-Altenteil, wo man gemeinsam mit einem ebenfalls älteren Publikum von früher träumen darf.

Doch Drehbuchautorin Flora Greeson war das alles noch nicht genug. Also baute sie einen Hauptstrang ein, wie sich Maggie als Produzentin versucht und nebenher Gefühle für David entwickelt. Dass das ein bisschen viel Stoff ist, um alles in eine einzelne Geschichte zu packen, war ihr offensichtlich nicht bewusst. Regisseurin Nisha Ganatra, die letztes Jahr mit Late Night – Die Show ihres Lebens durchaus erfolgreich ganz ähnliche Themen beackerte, dort in den Bereichen Comedy und Talk Show, gelingt es hier nicht, aus den vielen Puzzleteilen etwas Interessantes zu machen. Die zahlreichen Klischees, welche das Skript zusammenbastelt, in irgendeiner Form lebendig und spannend zu gestalten.

Mit Biss und Gesang
Den stärksten Eindruck hinterlässt noch Tracee Ellis Ross. Die Tochter von Soullegende Diana Ross hat in den letzten Jahren schon eine Karriere im Fernsehen hingelegt, mit The High Note kommt der erste nennenswerte Film, in dem sie zudem ihr Debüt als Sängerin gibt. Letzteres ist ganz ordentlich geworden. Vor allem aber zeigt sie wie vor in den Sitcoms Girlfriends und Black-ish, dass sie über komödiantisches Talent verfügt. Ihre Auftritte gehören zu den Glanzmomenten, egal ob sie nun gerade die Künstlerin mimt oder die exzentrische Diva, die mit Worten, teils auch nur mit ihrer ausdrucksstarken Mimik alle anderen durch die Gegend scheucht.

Der Rest des Ensembles verblasst daneben jedoch merklich. Dakota Johnson, deren Karriere nach Fifty Shades of Grey nie so wirklich in die Gänge kam, bleibt hier doch recht blass. Auch Kelvin Harrison Jr. (Waves) hat schon mal stärkeren Eindruck hinterlassen. Die sich anbahnende Beziehung zwischen den beiden Figuren ist mehr behauptet als gefühlt, zeitweise ist nicht mal klar, ob das überhaupt eine Romanze sein soll. Und das gilt dann auch für den Film als solchen, der so viel erzählen wollte, dabei aber vergisst, wirklich was zu sagen, und sich stattdessen mit Wohlfühlmomenten den Tag versüßt. Wer für solche empfänglich ist, gerade in Zeiten, in denen Aufmunterung nicht verkehrt ist, der kann sich hiermit schon die Zeit vertreiben. Mit künstlerischer Entfaltung hat das jedoch, trotz gegenteiliger Behauptung, eher weniger zu tun.

Credits

OT: „The High Note“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Nisha Ganatra
Drehbuch: Flora Greeson
Musik: Amie Doherty
Kamera: Jason McCormick
Besetzung: Dakota Johnson, Tracee Ellis Ross, Kelvin Harrison Jr., Ice Cube

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The High Note
In „The High Note“ träumt die Assistentin einer bekannten Sängerin, Karriere als Produzentin zu machen. Der Film schneidet dabei diverse wichtige Themen an, etwa zur Benachteiligung von Frauen, verwässert diese Ansätze aber durch zu viel Wohlfühlmomente, uninteressante Figuren und eine lieblose Romanze. Das kann man sich ansehen, vor allem für Tracee Ellis Ross, das Drama bleibt insgesamt aber zu beliebig.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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