Late Night

„Late Night – Die Show ihres Lebens“ // Deutschland-Start: 29. August 2019 (Kino)

Katherine Newbury (Emma Thompson) war es gewohnt, dass ihr das Publikum zu Füßen liegt, viele Jahre lang. Doch zuletzt wurde dieses Publikum stetig etwas kleiner. Wenn sie diesen Trend nicht stoppt, so viel steht fest, dann wird es ihre Talkshow bald nicht mehr geben. Was also tun? In ihrem Versuch, ein bisschen frischen Wind hineinzubringen, fällt die Wahl auf Molly (Mindy Kaling). Die ist nicht nur eine Frau, sondern auch Ausländerin. Und beides gab es bislang nicht in ihrer Autorenrunde. Tatsächlich hat der Neuzugang auch jede Menge Ideen, wie man die Sendung ändern könnte. Damit irritiert sie aber nicht nur Newbury, die bislang keine Widerworte gewohnt war. Auch ihre männlichen Kollegen sind alles andere als angetan …

Dass Frauen in Hollywood nur Bürger zweiter Klasse sind, das ist nicht unbedingt ein großes Geheimnis. Von sexueller Belästigung über die schlechtere Bezahlung bis hin zur fehlenden Anerkennung etwa bei der Vergabe von Filmpreisen: Für Gleichberechtigung ist in der Traumfabrik nur wenig Platz. Late Night – Die Show ihres Lebens geht dieses Ungleichgewicht gleich in doppelter Form an. Nicht allein, dass der Film den Missstand offen anspricht. Er wurde zudem überwiegend von Frauen gemacht. Von Nisha Ganatra, die Regie führte. Von Mindy Kaling, die das Drehbuch schrieb und eine der Hauptrollen übernahm. Auch in den hinteren Rängen – Musik, Produktion, Schnitt – geben vorrangig Frauen den Ton an.

Ein schauspielerisches Schwergewicht mit Biss
Das Hauptaugenmerk liegt dabei aber natürlich auf Emma Thompson. Die zweifache Oscar-Preisträgerin hat schon in einer Vielzahl von Rollen ihre Klasse gezeigt. Ihr ein Lob für ihre Schauspielkunst auszusprechen, kommt da fast schon einer Beleidigung gleich – so selbstverständlich ist es, dass sie die Leinwand beherrscht. Das ist in Late Night – Die Show ihres Lebens nicht anders, wo sie als narzisstische, herablassende Talkshow-Masterin nach Belieben andere beherrscht. Dabei zeigt sie sich dieses Mal, vergleichbar zu Men in Black: International vor einigen Wochen, von einer sehr bissigen Seite. Sie schafft es auf eine geradezu unheimliche Weise, die anderen anzulächeln und dabei Gift über sie zu verschütten.

Alleine schon für die Momente, wenn Katherine ihr Umfeld zusammenstaucht und zu bloßen Nummern reduziert, lohnt sich der Film. Late Night, das auf dem Sundance Film Festival 2019 Weltpremiere hatte und als Abschlussfilm des Filmfest München 2019 gezeigt wurde, ist eine wunderbare Demonstration der Kunst, andere mit Worten in Stücke zu reißen und dabei noch vornehm zu wirken. Dabei hat der Film durchaus etwas zu sagen. Kaling machte selbst Karriere als Autorin in einer Männerdomäne, als sie bei der US-Fassung von The Office einstieg – sie war die einzige Frau in einem achtköpfigen Team. Diese Erfahrungen ließ sie in den Film einfließen, der erste, der aus ihrer Feder kam. Vieles hier ist dann auch sehr authentisch und pointiert, wenngleich manchmal natürlich etwas überzogen.

Ein Witz ist viel Arbeit
Doch auch wenn der Fokus eindeutig auf dem Thema Frauen in der Unterhaltungsbranche liegt, ein paar kleinere Einblicke in das größere Umfeld gibt es obendrein. Was macht beispielsweise einen guten Witz aus? Wie kann man das Publikum für sich gewinnen? Und auch der Wandel des Humors wird angesprochen. Das Ganze erfolgt aber im Rahmen einer leicht verdaulichen Komödie. Die Meta-Elemente sind beispielsweise so niedrig angebracht, dass jeder sie erreichen sollte. Gesellschaftlich relevant ist es, was Kaling und ihr Team vortragen, es soll vor allem aber auch unterhaltsam sein. Und auch wenn es hier mal etwas schärfer zugeht, Late Night schlägt dann doch noch versöhnliche Töne an.

Die Geschichte um zwei Frauen, die aus völlig unterschiedlichen Ecken kommen, ist schlussendlich als Crowdpleaser mit Wohlfühlfaktor konzipiert. Und als solche funktioniert sie sehr gut: Molly mag mit ihrer hyperaktiv-nervösen Bewunderung anfangs ein wenig anstrengend sein, ist dabei jedoch so sympathisch, dass man ihr die Daumen drückt. Und selbst das Oberbiest Katherine geht nicht als völliger Fiesling durch. Wie sie abserviert werden soll, nur um einem jungen Mann mit dümmlichen Humor Platz zu machen, das ist zu bitter, als dass man als Zuschauer tatenlos zusehen wollte. Der eigentliche Verlauf der Geschichte ist daher auch ziemlich vorhersehbar, tatsächliche Überraschungen gibt es praktisch nicht. Selten wurde aber ähnlich unterhaltsam auf traditionelle Mängel aufmerksam gemacht.



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Late Night – Die Show ihres Lebens
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Late Night – Die Show ihres Lebens
„Late Night – Die Show ihres Lebens“ zeigt eine Showmasterin, der nach vielen Jahren das Publikum wegläuft und die durch einen jüngeren Mann ersetzt werden soll. Der Film hat viel über das Geschlechterungleichgewicht zu sagen, verbindet das aber mit Wohlfühlfaktor und einer wunderbar bissigen Emma Thompson. Das macht jede Menge Spaß, auch wenn die Überraschungen sich sehr in Grenzen halten.
8von 10

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