Kritik

Waves

„Waves“ // Deutschland-Start: 16. Juli 2020 (Kino)

Für Tyler Williams (Kelvin Harrison Jr.) zählt momentan nur eines: seine Karriere als Ringkämpfer. Dafür trainiert der Jugendliche unentwegt, fordert seinem Körper das Maximum an – und ignoriert dabei die Warnungen seines Arztes. Aber auch zu Hause trägt er zahlreiche Kämpfe aus, mit seiner Stiefmutter (Renée Elise Goldsberry) und seinem dominanten Vater (Sterling K. Brown), der immer mehr von ihm fordert. Als dann auch noch Stress mit seiner Freundin Alexis (Alexa Demie) ansteht, wird dies zu einer Zerreißprobe für die ganze Familie, vor allem für Tylers jüngere Schwester Emily (Taylor Russel).

Trey Edward Shults ist kein Regisseur, der es seinem Publikum unbedingt einfach machen würde. Sein letzter Film It Comes at Night wurde einerseits von der Kritik gelobt, war an den Kinokassen zumindest leidlich erfolgreich, wurde aber von den Zuschauern und Zuschauerinnen in der Luft zerrissen, die sich herkömmlichen Endzeit-Horror erhofften, stattdessen aber ein Psycho-Drama erhielten, das sich nicht um die Erwartungen scherte. Beim dritten Werk des amerikanischen Filmemachers ist die Situation schon etwas einfacher, Waves gibt nie vor, etwas anderes zu sein als das Porträt einer aus den Fugen geratenen Familie. Und doch wird auch hier so mancher am Ende denken: Was genau war das jetzt?

Die Kamera als Erzähler
Zum einen neigt Shults dazu, die im Grunde einfache Geschichte durch allerlei inszenatorische Spielereien aufbauschen zu wollen. Als würden ihm der eigentliche Inhalt nicht reichen, die Handlung und Dialoge, nutzt er immer wieder andere Mittel, um seine Geschichte zu erzählen. Auffallend oft wirbelt die Kamera umher, als würde sie selbst weggeschwemmt von den Ereignissen. Waves nutzt ein sehr eindringliches, teils aufdringliches Farbenspiel. Der Bildausschnitt wird mit der Zeit angepasst, um dem Innenleben der Figuren Ausdruck zu verleiden. Und dann wäre da noch die Musik, die jeglichen letzten Zweifel aus dem Weg räumt.

Die zweite größere Irritation: Waves ist im Grund der Zusammenschnitt von zwei Filmen, die zwar thematisch zusammenhängen, aber doch sehr unterschiedlich sind. Während die erste Hälfte sich auf Tyler konzentriert und dessen gewaltsame Eskalation aufzeigt, steht im Anschluss Emily im Vordergrund und deren Versuch, sich wieder ein normales Leben aufzubauen. Damit geht auch ein krasser Wechsel der Stimmung einher. Während Teil eins von Aggressivität geprägt ist, kaum eine menschliche Begegnung ohne Streit und Wort abläuft, ist der zweite Teil deutlich ruhiger, entspricht mehr der Vorstellung und der Sensibilität eines Indie-Dramas.

Geht das auch langsamer?
Der zweite Teil ist damit deutlich einfacher und angenehmer. Er ist aber auch sehenswerter. So interessant die Versuche von Shults sind, die Wut und Verzweiflung von Tyler zu zeigen, ebenso die Kämpfe einer amerikanischen Mittelklassefamilie, die sich durch den eigenen Willen zerreibt, etwas zu erreichen, so anstrengend sind diese Versuche auch – nicht zuletzt weil Sympathieträger fehlen. Waves geht so schnell in die Vollen, dass einem gar nicht die Zeit bleibt, eine Verbindung zu der Familie oder auch Tylers Freundin aufzubauen, bevor alles den Bach runtergeht. Die angeschnittenen Themen – beispielsweise Rassismus oder Abtreibung –werden nicht vertieft, es bleibt kein Raum, um mal etwas auszuarbeiten.

Sehr schön sind hingegen die zaghaften Schritte von Emily, sich wieder selbst zu finden, auch dank ihres Mitschülers Luke (Lucas Hedges), der auf eine charmant-tollpatschige Weise versucht, bei ihr zu landen. Taylor Russell (Escape Room) avanciert hier zum eigentlichen Star des Films, zeigt die Verletzlichkeit ihrer Figur, aber auch die langsam aufkeimende Hoffnung. Das ist zwar deutlich konventioneller, vermittelt aber die Art von Emotionalität, die zuvor mit roher Gewalt zerstört wurde. Insgesamt ist der Film mit seiner Laufzeit von knapp 140 Minuten schon recht lang geworden. Wer sich aber nicht daran stört oder auch an der nicht immer zielführenden Verspieltheit, den erwartet hier ein sehenswertes Drama, das die Hässlichkeit des Lebens aufzeigt, aber auch die Schönheit des Lebens, das wellenförmige auf und ab, mal wild ist, mal sanft.

Credits

OT: „Waves“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Trey Edward Shults
Drehbuch: Trey Edward Shults
Musik: Trent Reznor, Atticus Ross
Kamera: Drew Daniels
Besetzung: Kelvin Harrison Jr., Taylor Russell, Sterling K. Brown, Renée Elise Goldsberry, Alexa Demie, Lucas Hedges

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Film Independent Spirit Awards 2020 Beste Nebendarstellerin Taylor Russell Nominierung
Gotham Awards 2019 Bester Film Nominierung
Beste Nachwuchsdarstellerin Taylor Russell Sieg

Filmfeste

Telluride Film Festival 2019
Toronto International Film Festival 2019

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Waves
4 (80%) 2 Artikel bewerten

Waves
„Waves“ ist eigentlich zwei Filme in einem, wenn zuerst von einem Jugendlichen in der Krise erzählt wird, bevor der Fokus zu seiner Schwester wechselt. Das Drama spricht eine Reihe von Themen an und ist auch formal ambitioniert, scheint zu oft aber mit sich selbst beschäftigt zu sein als mit dem eigentlichen Inhalt. Dennoch, interessant ist der Versuch, in der zweiten Hälfte auch schön.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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