Kritik

Zu weit weg

„Zu weit weg“ // Deutschland-Start: 12. März 2020 (Kino) // 25. September 2020 (DVD)

An seiner ehemaligen Schule und in seinem Fußballverein war der 12-jährige Ben (Yoran Leicher) überaus beliebt, der Starstürmer schlechthin. Doch davon ist nicht viel geblieben, als er mit seiner Familie umzieht und noch einmal komplett von vorne anfangen muss. Statt Torrausch ist nun Bankhüten angesagt, auch in der Klasse kommt er nicht wirklich an. Das ändert sich, als er den ein Jahr jüngeren Tariq (Sobhi Awad) kennenlernt, der aus Syrien geflohen ist und ebenfalls Anschluss sucht. Allmählich entsteht zwischen den beiden eine Freundschaft, die jedoch diverse Prüfungen zu überstehen hat …

Auch acht Jahre nach den Anfängen des Krieges steht Syrien immer wieder in den Schlagzeilen, oft wegen neuer Gräueltaten oder gewalttätigen Auseinandersetzungen, die sich aus dem Chaos und der Vielzahl an Interessensgruppen ergeben. Insofern ist es nur folgerichtig, dass auch das Kino nicht von dem Thema ablassen kann. Nachdem letzte Woche die mitreißende Dokumentation Für Sama aus dem belagerten Aleppo berichtete, geht es diese Woche mit dem Spielfilm Zu weit weg weiter, der sich auf eine andere Weise der Geschichte annähert, eine neue Perspektive bietet.

Ja, das Gefühl kenne ich …
Den Krieg selbst sehen wir hier nicht, zumindest nicht direkt. Stattdessen stehen die Auswirkungen auf die Menschen im Vordergrund, die vor der Gewalt geflüchtet sind. Spezieller ist es Tariq, in dem sich das Grauen der Bevölkerung bündelt, wenn er selbst in der Fremde die traumatische Vergangenheit mit sich herumträgt. Aber wie will man diese Erfahrungen begreifbar machen, ohne sie zu zeigen? In Zu weit weg wird dazu Ben ins Spiel gebracht. Der hat mit Kriegen keine Erfahrungen, wohl aber damit, zwangsweise die Heimat verlassen zu müssen – in seinem Fall, um einem Braunkohlewerk Platz zu machen.

Für das anvisierte jüngere Zielpublikum ist das ein durchaus geschickter Zug, da der Film auf diese Weise anschaulich und einfühlsam vorführt, wie schwierig es ist, woanders neu anfangen zu müssen, niemanden zu kennen, vielleicht sogar gemobbt zu werden. Das sind Erfahrungen, wie sie Kinder immer mal wieder machen können, losgelöst vom konkreten Kontext. Zu weit weg handelt davon, sich selbst zu finden in einem Umfeld, das einem völlig fremd ist. Und wenn das schon im eigenen Land so ist, wie schwierig muss das erst im Ausland sein, wo eine ganz andere Kultur herrscht, eine andere Sprache gesprochen wird?

Freundschaft kennt keine Grenzen
Zu weit weg, das vor dem Kinostart unter anderem beim Schlingel Filmfest 2019 lief, ist damit implizit auch ein Plädoyer dafür, Fremde bei sich willkommen zu heißen, egal woher sie denn nun kommen. Dabei verzichtet der Film darauf, Rassismus als solchen noch unterbringen zu wollen. Anders als etwa bei Zoros Solo im letzten Jahr, das thematisch ähnlich aufgestellt war, interessiert es die anderen gar nicht wirklich, dass Tariq aus dem Ausland kommt. Das könnte man als verpasste Chance ansehen, da auch dieses Thema nicht früh genug angegangen werden kann. Andererseits hätte der Film so auch schnell überladen sein können.

Empfehlenswert ist das Drama schließlich so oder so: Zu weit weg ist ein schöner Familienfilm über eine Freundschaft, die Grenzen überwindet, aber auch über Verlust bzw. Verlustängste. Das klappt auch deshalb gut, weil die beiden Jungdarsteller gut miteinander harmonieren, es einfach Spaß macht dabei zu sein, während hier langsam etwas entsteht, wie sich zwei Menschen annähern und ihre Verletzlichkeit zeigen. Richtig komplex wird es dabei zwar nicht, aus Rücksicht vor dem jungen Publikum. Doch selbst die einfachere Nachricht ist am Ende gern gesehen.

Credits

OT: „Zu weit weg“
Land: Deutschland
Jahr: 2019
Regie: Sarah Winkenstette
Drehbuch: Susanne Finken
Musik: Leonard Petersen
Kamera: Monika Plura
Besetzung: Yoran Leicher, Sobhi Awad, Anna König, Andreas Nickl

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Zu weit weg
In „Zu weit weg“ hadert ein Junge mit seiner neuen Heimat, bis er einen syrischen Flüchtling kennenlernt. Der Film behandelt dabei die Themen Freundschaft, Verlustängste und Entfremdung. Das geht zwar nicht übermäßig in die Tiefe, ist aber sympathisch und einfühlsam für das junge Zielpublikum erzählt.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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