Wie geht man damit um, wenn man die eigene Heimat verloren hat? In ihrem Spielfilmdebüt Zu weit weg, das seit dem 2. Juli 2020 wieder im Kino läuft, erzählt Regisseurin Sarah Winkenstette vom 12-jährigen Ben, dessen Heimatdorf einem Braunkohletagebau weichen musste und der an der Schule den 11-jährigen Tariq kennenlernt, der aus Syrien geflohen ist. Wir haben mit der Filmemacherin über ihren preisgekrönten Familienfilm gesprochen, über den Umgang mit Rassismus und veraltete Rollenbilder.

Wie bist du zu dem Projekt gekommen?
Ich kenne die Autorin Susanne Finken schon ziemlich lange. Wir wurden damals von einer ganz anderen Produktionsfirma zusammengebracht, die der Meinung waren, dass wir themenmäßig gut zusammenpassen würden. Aus den Projekten damals ist am Ende leider nichts geworden, aber wir sind trotzdem seitdem freundschaftlich verbunden. Und als sie mir von der Idee zu Zu weit weg erzählte, war ich sofort begeistert.

Und was hat dir an dem Stoff gefallen, dass du ihn auch wirklich machen wolltest?
Es war vor allem das Thema des Heimatverlustes unserer Hauptfigur und dieser Geisterdörfer, das ich spannend fand. Ich habe ein totales Faible für verlassene Orte.

Verbunden wurde diese Heimatlosigkeit mit der eines syrischen Jungen, der vor dem Krieg geflohen ist. Das Flüchtlingsthema wurde in den letzten Jahren von vielen Filmen aufgegriffen. Warum heute noch einen Film dazu machen?
Tatsächlich arbeitet Susanne Finken schon seit 2014 an diesem Stoff, also quasi schon vor der Zeit, in der das Flüchtlingsthema so groß wurde. Und auch momentan ist zu beobachten, dass diese Themen nach wie vor sehr aktuell sind, wenn man die derzeitigen Entwicklungen in Sachen Fremdenfeindlichkeit und  Rassismus  auf der ganzen Welt anschaut.

Hattest du denn selbst schon mal dieses Gefühl ausgegrenzt zu werden?
Als weiße Mitteleuropäerin passiert dir so etwas eher selten. Ich habe wegen meiner roten Haare zwar auch schon Witze über mich ergehen lassen müssen, aber das ist kaum damit vergleichbar. Wo ich es hingegen merke, ist beim Thema Frauen in der Filmbranche, weil wir dort leider nach wie vor sehr unterrepräsentiert sind. Das ist schon eine Form der Ausgrenzung. Dabei finde ich es absolut wichtig, dass Frauen Filme machen, weil wir eben Geschichten aus Frauensicht erzählen und damit natürlich andere Frauenfiguren und andere Themen auf die Leinwand bringen. In der Hinsicht muss noch sehr viel geschehen. Ich werde zum Beispiel in fast jedem Interview gefragt, wie ich es schaffe, mit zwei kleinen Kindern als Regisseurin zu arbeiten. Männer – oder besser Väter – in meinem Alter werden so etwas wahrscheinlich nie gefragt. Als Mutter steckst du nach wie vor in diesen Rollenbildern. Da muss auch in Filmen noch viel getan werden.

Dann habe ich eine andere Frage zum Muttersein: Ist es ein Vorteil beim Dreh eines Kinderfilms selbst welche zu haben?
Ich weiß nicht, ob das wirklich ein Vorteil ist. Wobei es mir früher, als ich noch keine Kinder hatte, leichter fiel Mädchen zu inszenieren, weil ich nun mal selbst ein Mädchen war. Jetzt hab ich aber zwei Jungs. Und das hat mir bei Zu weit weg tatsächlich geholfen, in dem ja zwei Jungs die Hauptrollen spielen.

War bei euch zu Hause Rassismus oder Fremdsein allgemein schon mal ein Thema?
Nicht wirklich. Meine Kinder gehen auf eine Schule, in der viele Kinder mit Migrationshintergrund sind, auch Flüchtlingskinder. Als sie noch kleiner waren und ich weniger gearbeitet habe, habe ich mich um eine Flüchtlingsfamilie gekümmert. Wir waren dann oft bei ihnen und die Kinder haben zusammen gespielt. Dadurch haben meine Kinder beispielsweise auch keine Scheu vor Frauen mit Kopftüchern, weil sie einfach schon früh damit in Berührung gekommen sind.

Hätten wir als Gesellschaft mehr tun müssen, damit es diese Scheu nicht gibt und sich diese Flüchtlingsfamilien nicht fremd fühlen? Was hätten wir überhaupt tun können?
Ich denke, wichtig ist es erst mal offen auf die Leute zuzugehen. Das wollten wir auch mit Zu weit weg zeigen. Natürlich reagiert Tariq manchmal seltsam und man kann ihn komisch finden. Umso wichtiger ist es aber, einmal genauer hinzuschauen und sich zu fragen: Warum macht er das? Jeder hat seine eigene Geschichte und individuelle Erlebnisse, in seinem Fall sind es die traumatischen Erfahrungen des Krieges und der Flucht. Das weiß du aber erst, wenn du dich mit ihm beschäftigt hast. Sicher macht Tariq Fehler. Die macht Ben aber auch, wenn er am Anfang ziemlich arrogant ist und beleidigt reagiert, als er nicht Stürmer wird. Das ist nicht cool, aber menschlich. Und ich wünsche mir, dass Zu weit weg es schafft, Kindern zu vermitteln, anderen mit Empathie und Verständnis zu begegnen, selbst wenn die sich nicht so verhalten, wie wir es erwarten oder uns wünschen.

Wenn du insgesamt auf Zu weit weg zurückblickst, wie war die Erfahrung für dich? Es war ja dein erster Spielfilm, nachdem du vorher einige Kurzfilme gedreht hast.
Die Länge war auf jeden Fall eine Herausforderung. Du arbeitest ein ganzes Jahr Vollzeit an dem Projekt. Allein der Dreh hat schon zwei Monate gedauert. Da musst du mit deinen Kräften haushalten. Bei einem Kurzfilm kommt es vor, dass du zehn Tage lang kaum Schlaf bekommst. Das kannst du bei einem Spielfilm so nicht machen. Es war auf jeden Fall schön, das erste Mal mit einem professionellen Team zusammenarbeiten zu können. Für viele war es zwar auch der erste Langfilm in den jeweiligen Verantwortungspositionen, aber es wusste jeder, was zu tun ist. Das hat mir schon sehr viel Last von den Schultern genommen. Beim Kurzfilm bist du die eierlegende Wollmilchsau, die sich um alles kümmern muss, von der Produktion bis zum Catering. Dafür ist der Druck bei einem Spielfilm, der auch Fördergelder bekommen hat, sehr viel höher, denn du weißt: Wenn du das verhaust, kannst du dir einen neuen Job suchen. Für mich sah es sogar kurz danach aus, als uns zehn Tage vor Dreh alle Motive in der Geisterstadt weggebrochen sind.

Nachdem das mit dem Film glücklicherweise doch geklappt hat: Was steht als nächstes an?
Ich habe danach noch einen Block der Kinderserie Schloss Einstein gedreht und einen TV-Film für Erwachsene, der im Herbst ausgestrahlt wird. Und aktuell arbeite ich an der Entwicklung verschiedener Stoffe – sowohl im Kinder- als auch im Erwachsenenbereich.

Sarah Wikenstette

© Andreas Kühlken

Zur Person
Sarah Winkenstette wurde am 2. Januar 1980 in Rheda-Wiedenbrück geboren. Nach Praktika und Volontariat im Redaktionsbereich studierte sie von 2007 bis 2011 Film an der Kölner Kunsthochschule für Medien. Ihr 20-minütiger Abschlussfilm Gekidnapped (2011) lief auf einer Reihe von Festivals. 2019 gab sie ihr Langfilm mit dem Familienfilm Zu weit weg über einen zwölfjährigen Außenseiter, der sich mit einem syrischen Flüchtlingsjungen anfreundet.



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Sarah Winkenstette [Interview]
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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