Kritik

First Cow

„First Cow“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Im frühen 19. Jahrhundert reist der gutmütige, arbeitslose Koch Cookie Figowitz (John Magaro) nach Oregon gereist und schließt sich dort einer Gruppe von Pelztierjägern an. Dabei stellt er sich allerdings nicht gerade geschickt an und ist in der harten Männerwelt der Trapper ganz offensichtlich deplatziert. Zu seinem Glück trifft er auf der Suche nach Pilzen den chinesischstämmigen King-Lu (Orion Lee), der sich auf der Flucht befindet. Cookie teilt Vorräte und Kleidung mit ihm und trifft ihn einige Zeit später – die Trappergruppe hat er wohlweislich verlassen – in einem kleinen Fort irgendwo an der Frontier im Niemandsland des noch unerforschten Oregon Territory wieder. Gemeinsam bauen sie ein lukratives, aber nicht ungefährliches Geschäft auf. In dessen Zentrum: die erste Kuh im Oregon Territory.

US-Regisseurin Kelly Reichardt widmet sich in ihrem neuen Film First Cow erneut dem Western-Genre, beziehungsweise ihrer ureigenen Version dessen. Gewohnt geduldig und unaufgeregt erzählt sie die rührende und zugleich überraschend komische Geschichte einer Männerfreundschaft im wilden Oregon des 19. Jahrhunderts. Auf die Qualität der Werke von Kelly Reichardt kann man sich quasi blind verlassen. Gleiches gilt inzwischen für Filme mit dem Siegel der Produktionsfirma A24. Wenn beides zusammen kommt, so geschehen im Fall von First Cow, darf man also getrost einiges erwarten. Davon konnte sich das Publikum der Berlinale selbst überzeugen, wo der Film im Wettbewerb seine Deutschlandpremiere feierte.

Hilfsbereitschaft und Solidarität
Der Filmhandlung ist ein Zitat des britischen Dichters William Blake vorangstellt: „The bird a nest, the spider a web, man friendship.“ Das setzt den Ton für Reichardts neuen Film, der – wie schon Certain Women (2016) – einen merklich optimistischeren Blick auf menschliches Zusammenleben wirft als ihre frühen Filme, etwa Old Joy (2006), Wendy and Lucy (2008) oder auch noch Night Moves (2013). Nicht nur aufgrund des historischen und geografischen Settings, sondern auch angesichts des anachronistischen 4:3-Bildformats und den langen, statischen Einstellungen, erinnert First Cow insbesondere an Reichardts Meek’s Cutoff (2010). In diesem revisionistischen Anti-Western war Oregon noch der unwirtliche Fluchtpunkt einer potenziell tödlichen Odyssee und die Reisegruppe eine reine Zweckgemeinschaft, zerfressen von Neid und Missgunst. In First Cow nun stehen dagegen Hilfsbereitschaft und Solidarität im Vordergrund.

Bild und Gegen-Bild
In einem Saloon, ein klassischer bis stereotyper Handlungsort des Western-Genres, ereignet sich die vielleicht aussagekräftigste Szene des Films, die Reichardts Sichtweise und Haltung auf den Punkt bringt: Wegen eines nichtigen Streits bricht im Saloon eine Schlägerei aus, die sich bald hinaus auf die Straße verlagert. Doch die Kamera, anstatt konventionellerweise der Action dieser Standardsituation zu folgen, bleibt drinnen bei Cookie, der auf das Baby eines der Prügeleiteilnehmer aufpasst. Die Männer, deren einziges Mittel zur Konfliktlösung körperliche Gewalt ist, sind dabei unscharf durchs Fenster zu erahnen. Hier sind in einer Einstellung Bild und Gegen-Bild des Westerns zu sehen. Kelly Reichardt erzählt eine Alternativ- bzw. Parallelgeschichte eines Amerika im 19. Jahrhundert, das es zwar gegeben hat, das aber von den populären Darstellungen des Wilden Westens im Film marginalisiert wurde.

Männer-WG in der Wildnis
Cookie und King-Lu freunden sich schnell an, ziehen gar zusammen und setzen der Wilderness eine fast schon spießbürgerliche, multiethnische Männer-WG entgegen. Das ist dabei keineswegs so absurd, wie es vielleicht zunächst klingen mag, sondern einfach schön und rührend. Die beiden kochen und putzen gemeinsam, waschen Wäsche und reden über ihre Zukunftspläne. Die beiden Start-upper ergänzen sich prächtig und planen, in San Francisco ein Hotel zu eröffnen, sobald sie genug Startkapital erwirtschaftet haben. Ob es dazu kommt oder nicht, sei hier nicht verraten. Doch allein den beiden von ihrer Idee und ihrer Freundschaft beseelten Außenseitern dabei zuzusehen, wie sie ihren persönlichen American Dream träumen – und zeitweise auch leben – ist ein großes Vergnügen. Cookie und King-Lu gehen ihren eigenen Weg, genau wie es die Regisseurin Kelly Reichardt getan hat, immer noch tut und hoffentlich noch sehr viele Filme lang tun wird.

Credits

OT: „First Cow“
Land: USA
Jahr: 2019
Regie: Kelly Reichardt
Drehbuch: Jonathan Raymond, Kelly Reichardt
Vorlage: Jonathan Raymond
Musik: William Tyler
Kamera: Christopher Blauvelt
Besetzung: John Magaro, Orion Lee, Toby Jones, Scott Shepherd, Gary Farmer, Lily Gladstone

Bilder

Trailer

Filmfeste

Telluride Film Festival 2019
Berlinale 2020
Locarno Film Festival 2020

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First Cow
4.12 (82.35%) 17 Artikel bewerten

First Cow
„First Cow“ ist unverkennbar ein Film von Kelly Reichardt. Technisch und erzählerisch souverän, zeichnet der Film ein Gegen- bzw. Parallelbild des klassischen Western-Genres und erzählt bisweilen sehr komisch von Hilfsbereitschaft, Soldiarität und Freundschaft zwischen zwei ungleichen Männern, die sich in der rauen Wildnis Oregons ein kleines und flüchtiges Stück Zivilisation schaffen.
9von 10

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