Kritik

Jumbo

„Jumbo“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Jeanne (Noémie Merlant) ist jung und hübsch, ein bisschen zurückhaltend, wie gemacht dafür, dass Männer um sie werben. Zumindest Marc (Bastien Bouillon) tut das auch, der Leiter eines Freizeitparks würde schon ganz gern bei der jungen Frau landen, die als Hausmeisterin bei ihm arbeitet. Dabei hat die ihre Augen auf jemand anderen geworfen: Jumbo. Der ist groß, stark, fürsorglich. Und er ist eine Maschine, eine der vielen Attraktionen in dem Park. Zunächst behält sie ihre verwirrenden Gefühle für sich, möchte sie mit niemandem teilen. Doch irgendwann werden diese zu stark, sie und ihr Geliebter sollen auch ganz offiziell ein Paar werden – zum Entsetzen von Jeannes Mutter Margarette (Emmanuelle Bercot) …

Man muss nicht immer alles im Leben verstehen. Vor allem nicht Gefühle, die oft aus dem Nichts aufzutauchen scheinen, alles schrecklich aufregend machen, manchmal auch einfach nur schrecklich. Versuche, sich diesem Phänomen filmisch zu nähern, die gibt es natürlich ohne Ende. Das kann mal die dramatischere Variante sein, so richtig viel mit Herzschmerz. Oder auch die eher leichte, mit Humor aufgefrischt, damit man beschwingt den Kinosaal verlassen kann. Dann und wann begegnet man aber auch einem Film, der so bizarr mit dem Thema umgeht, dass einem nicht viel übrig bleibt, als verblüfft auf das Geschehen zu starren. Jumbo ist einer dieser Filme.

Eine komische Liebe
Dass es Menschen geben soll, die nicht-belebten Objekten gegenüber Gefühle entwickeln, das ist dabei gar nicht so sehr die große Überraschung. Männer lieben ihre Autos, heißt es einem Klischee zufolge beispielsweise. Mehr als ihre Frauen. Und natürlich ist die enge Verbundenheit der jüngeren Generation zu ihren Handys kaum zu übersehen. Ohne diesen Begleiter an seiner Seite ist man außen vor, kein richtiger Mensch mehr. Aus diesen bizarren Beziehungen zu Gegenständen hätte man sehr leicht eine Satire machen können, zumindest aber eine schwarze Komödie, wie es Quentin Dupieux in Deerskin getan hat.

Die belgische Regisseurin und Drehbuchautorin Zoé Wittock, die mit Jumbo ihr Spielfilmdebüt abliefert, geht aber einen anderen Weg. Bizarr ist es nach wie vor, was hier vor sich geht. Manche Stellen sind dabei komisch, andere eher etwas verstörend. Denn ihr Film begnügt sich nicht mit einer emotionalen Abhängigkeit, sondern fügt auch eine sexuelle Komponente hinzu, durch die einige Szenen ausgesprochen surreal werden. Denn wo der direkte körperliche Austausch fehlt, aus naheliegenden Gründen, da muss man sich anderweitig zu helfen wissen.

Reine Oberflächenromanze
Wittock geht dabei leider nie genauer auf die Anziehungskraft der Maschine ein. Auch der Appell, eine Liebe als solche zu akzeptieren, quasi ein Toleranzplädoyer, verpufft wirkungslos. Was der Film also soll, das bleibt ein Rätsel. Anders als etwa My Holo Love oder Her, die unser Verhältnis zu Technik in Frage stellen, da lässt die Filmemacherin einen mit dem Szenario allein. Sie streut Hinweise, dass Jeanne an einer psychischen Störung leiden könnte, verweist auf das schwierige Verhältnis zwischen ihrer Mutter und ihrem Vater. Tatsächlich ausgeführt wird davon aber nichts, vieles ist willkürlich und vage.

Interessante Aspekte hat Jumbo dabei. Es ist auch durchaus wahrscheinlich, dass der Film nach der Premiere beim Sundance Film Festival 2020 auf zahlreichen weiteren Filmfesten zu Gast sein wird, das ungewöhnliche Szenario bietet sich dafür an. Und auch die Bilder sowie die leidenschaftliche, gleichzeitig rätselhafte Darstellung von Noémie Merlant (Porträt einer jungen Frau in Flammen) tragen dazu bei, dass man hier bis zum Ende dran bleibt. Im Gegensatz zu Jeanne, die in dieser Vereinigung aber Erfüllung findet, lässt einen der Film selbst aber eher unbefriedigt zurück.

Credits

OT: „Jumbo“
Land: Frankreich, Belgien, Luxemburg
Jahr: 2019
Regie: Zoé Wittock
Drehbuch: Zoé Wittock
Musik: Thomas Roussel
Kamera: Thomas Buelens
Besetzung: Noémie Merlant, Emmanuelle Bercot, Bastien Bouillon, Sam Louwyck

Bilder



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Jumbo
„Jumbo“ erzählt die Geschichte einer schüchternen, jungen Frau, die sich in eine Maschine eines Vergnügungsparks verliebt. Das ist bizarr, mal komisch, dann wieder etwas verstörend – und bleibt bis zum Schluss ohne echte Erklärung. Während das Drama viele Interpretationsansätze bietet, wird nichts davon konsequent genug verfolgt, um mehr als eine Sonderbarkeit draus zu machen.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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