Kritik

1917

„1917“ // Deutschland-Start: 16. Januar 2020 (Kino)

Auf dem Höhepunkt des Ersten Weltkriegs erhalten die beiden jungen britischen in Nordfrankreich stationierten Soldaten William Schofield (George MacKay) und Tom Blake (Dean-Charles Chapman) den Auftrag, eine wichtige Nachricht an eine andere britische Einheit zu übermitteln. Einfach wird das nicht, führt der Weg doch mitten durch das Feindesland. Um möglichst wenig Aufmerksamkeit zu erregen, sollen die beiden deshalb allein reisen, ohne Unterstützung der Armee. Doch die Zeit drängt: Kommen sie nicht rechtzeitig bei ihren Kameraden an, laufen diese in eine Falle der Deutschen und damit in den sicheren Tod. Einer der Kameraden: Toms eigener Bruder …

Als gäbe es heute nicht genug eigene Kriege, deren Geschichten nicht oder zu wenig erzählt werden, kehren Filmemacher immer wieder zu denen aus der Vergangenheit zurück. Dabei sind die Präferenzen klar verteilt: Der Zweite Weltkrieg hat nie wirklich aufgehört, jedes Jahr kommen eine Reihe von Werken heraus, die sich einen oder mehrere Aspekte davon herauspicken – nicht zuletzt aufgrund des schön klaren Feindbilds der Nazis. Der Erste Weltkrieg wird hingegen nur selten bedacht, schon gar nicht im Rahmen einer großen Produktion. Und um eine solche handelt es sich bei 1917 zweifelsfrei, nicht allein des Budgets wegen.

Mehr Erlebnis als Geschichte
Wenn der Film zu den meist erwarteten des neuen Jahres gehört, dann liegt das aber nicht daran, dass sich Regisseur und Co-Autor Sam Mendes den weniger beachteten Krieg ausgesucht hat. Über das eigentliche Szenario erfahren wir relativ wenig. Es ist auch nicht so, als hätte 1917 eine allzu umfangreiche Geschichte zu erzählen. Die Handlung besteht fast ausschließlich darin, dass die beiden Soldaten durch das Kriegsland reisen, mit dem Ziel, die wichtige Nachricht zu übergeben. Unterwegs begegnen sie Freunden wie Feinden, was aber nur Minuten, teils sogar nur Sekunden dauert. Der namhafte Cast, mit dem der Film wirbt – unter anderem Benedict Cumberbatch, Andrew Scott, Colin Firth und Mark Strong –, ist da etwas irreführend. Sie haben nicht mehr als Gastauftritte.

Aber was sich nach einer Enttäuschung anhört, ist letztendlich keine. Zum einen hat sich Mendes mit MacKay (Das Geheimnis von Marrowbone, Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück) und Chapman (Blinded by the Light) zwei passende Darsteller ausgesucht, die prima als Identifikationsfiguren funktionieren – umso mehr, da Tom einen persönlichen Grund für das Abenteuer hat. Außerdem ist es gerade diese Rastlosigkeit, welche dem Film seine Wirkung verleiht. Nichts hat hier Bestand, bietet Schutz. Hinter jeder Ecke könnte ein Kamerad stehen oder der Tod auf dich warten. Ruhepausen gibt es kaum. Selbst wenn die beiden anhalten, etwa um etwas zu trinken, hat man das Gefühl, dass gleich etwas Schlimmes passieren wird – auch weil die Kamera so nah dran ist, dass man kaum den Überblick hat, was drumherum geschieht.

Bilder, (nicht) von dieser Welt
Die Kamera ist es auch, die im Vorfeld für den meisten Gesprächsstoff sorgte: Altmeister Roger Deakins, der mit Blade Runner 2049 den längst überfälligen Oscar für die beste Kamera gewonnen hat, dürfte auch hierfür ganz weit vorne mitspielen, wenn die nächsten Preise verliehen werden. Vergleichbar zu Werken wie Cocktail für eine Leiche wurde bei 1917 mit der Illusion gespielt, dass alles ohne Schnitt gedreht wurde. Das ist hier besonders wichtig, da der Eindruck eines Echtzeitgeschehens entsteht und damit einer unglaublichen Dringlichkeit. Wir schauen hier nicht nur zu, wie zwei Soldaten durchs Land laufen, schleichen, manchmal auch rennen. Wir sind mitten dabei, bekommen ebenso wenig wie sie ein bisschen Ruhe von dem Inferno. Vereinzelt meint man sogar, versehentlich in einem Horrorfilm gelandet zu sein.

Über den Krieg an sich sagt das dann kaum etwas aus. Das Spektakel ist teilweise so unübersichtlich, dass man im Anschluss eher weniger als mehr weiß. Mendes lässt dem Publikum auch keine Zeit, wirklich mal etwas sacken zu lassen, selbst die emotionaleren Momente werden bald von der Hektik eingeholt. Doch was als Historienfilm letztendlich zu dünn ist, das wird zu einem Erlebnis, das man so bald nicht wieder vergisst, selbst wenn man dies will. 1917 schafft es, das Gefühl auf das Publikum zu übertragen, dass jeder Moment der letzte sein könnte, selbst wenn der Abspann bereits läuft, braucht es eine Weile, um das Gesehene verarbeiten zu können. Dazu gibt es Aufnahmen, die mal dreckig, dann wieder gespenstisch schön sind, unmittelbar Teil des Lebens und gleichzeitig erschreckend surreal.

Credits

OT: „1917“
Land: UK, USA
Jahr: 2019
Regie: Sam Mendes
Drehbuch: Sam Mendes, Krysty Wilson-Cairns
Musik: Thomas Newman
Kamera: Roger Deakins
Besetzung: George MacKay, Dean-Charles Chapman, Mark Strong

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 2020 Bester Film Nominierung
Beste Regie Sam Mendes Nominierung
Bestes Original-Drehbuch Sam Mendes, Krysty Wilson-Cairns Nominierung
Beste Musik Thomas Newman Nominierung
Beste Kamera Roger Deakins Sieg
Bestes Make-up und Haare Naomi Donne, Tristan Versluis, Rebecca Cole Nominierung
Bestes Szenenbild Dennis Gassner, Lee Sandales Nominierung
Bester Tonschnitt Oliver Tarney, Rachael Tate Nominierung
Bester Ton Mark Taylor, Stuart Wilson Sieg
Beste Spezialeffekte Guillaume Rocheron, Greg Butler, Dominic Tuohy Sieg
BAFTA Awards 2020 Bester Film Sieg
Herausragender britischer Film Sieg
Beste Regie Sam Mendes Sieg
Beste Musik Thomas Newman Nominierung
Beste Kamera Roger Deakins Sieg
Bestes Make-up und Haare Naomi Donne, Tristan Versluis, Rebecca Cole Nominierung
Bestes Szenenbild Dennis Gassner, Lee Sandales Sieg
Bester Ton Scott Millan, Oliver Tarney, Rachael Tate, Mark Taylor, Stuart Wilson Sieg
Beste Spezialeffekte Greg Butler, Guillaume Rocheron, Dominic Tuohy Sieg
Golden Globe Awards 2020 Bester Film Sieg
Beste Regie Sam Mendes Sieg
Beste Musik Thomas Newman Nominierung



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1917
4.11 (82.11%) 19 Artikel bewerten

1917
„1917“ nimmt uns mit, direkt hinein in den Schrecken des Ersten Weltkriegs, wenn zwei junge Soldaten allein durchs Feindesland müssen. Das ist als Erlebnis der Wahnsinn, vor allem dank der Bilder und der vielgerühmten Kameraarbeit, gleichzeitig unmittelbar direkt und doch auch gespenstisch-surreal, wenn man wie die Protagonisten das Gefühl hat, jeder Moment könnte der letzte sein.
9von 10

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