Inhalt / Kritik

The Last King of Scotland Der letzte König von Schottland

„Der letzte König von Schottland“ // Deutschland-Start: 15. März 2007 (Kino) // 27. August 2007 (DVD)

Seinen Abschluss in der Tasche beschließt der junge schottische Arzt Nicholas Garrigan (James McAvoy), seine Heimat hinter sich zu lassen und sein Glück in Uganda zu suchen. Die Aussichten daheim sind ohnehin nicht so berauschend. Warum also nicht ein kleines Abenteuer wagen? Kaum ist er in dem afrikanischen Land angekommen, erhält er bereits einen wichtigen ersten Auftrag, muss er doch den neuen Staatspräsidenten Idi Amin (Forest Whitaker) verarzten, nachdem dieser sich bei einem Verkehrsunfall verletzt hat. Dieser ist beeindruckt von dem jungen Ausländer und beschließt, diesen zu seinem Leibarzt zu machen. Von der charismatischen Art Amins eingenommen, wird Garrigan zu einem engen Vertrauten und Nutznießer und ignoriert auch die Schattenseiten des ehemaligen Militärs, der mit Gewalt über sein Volk herrscht …

Ein Leben mit Gewalt

Vom Regen in die Traufe. Es gehört leider zur Menschheitsgeschichte dazu, dass der Kampf gegen Ungerechtigkeit neue Ungerechtigkeit hervorrufen kann. So kommt es immer wieder vor, dass Diktatoren gestürzt werden, nur damit neue die Macht übernehmen. Beispiele hierfür hat die Menschheitsgeschichte mehr als genügend hervorgebracht, in allen Ecken dieser Welt. Eines davon ist Idi Amin, der 1971 durch einen Putsch die Macht in Uganda übernahm. Skrupel zeigte er dabei von Anfang an nicht, politische Gegner wurden schnell aus dem Weg geräumt. Doch was zunächst nur der Sicherung der Macht diente, wurde später zu einer Schreckensherrschaft. Obwohl Amin nur acht Jahre an der Spitze stand, bevor er selbst aus dem Land gejagt wurde, fielen ihm 300.000 bis 400.000 Menschen zum Opfer.

Der letzte König von Schottland – In den Fängen der Macht begleitet diese Ereignisse, zeigt auf, wie das Verhalten Amins immer radikaler und brutaler wurde. Dabei wird die Geschichte nur zum Teil aus dessen Sicht erzählt. Vielmehr dient der junge schottische Arzt als Übermittler der Nachrichten an das Publikum. Die Idee dahinter ist offensichtlich: Das westliche Publikum braucht eine Identifikationsfigur. Und das bedeutet eben, irgendwo in die Geschichte noch einen Weißen einzubauen, der an Stelle der Zuschauer und Zuschauerinnen mitansehen muss, wie das Land im Chaos und Blutrausch versinkt. Ein Mann, der zunächst nicht wirklich realisiert, was da vor sich geht, bis es fast zu spät ist.

Die implizite Mitschuld des Westens

Ob es einen solchen Mittelsmann unbedingt gebraucht hätte, darüber lässt sich streiten. Immerhin: Der letzte König von Schottland macht aus dieser Figur keinen Helden. Hier wird nicht dem White Savior Syndrom nachgegeben, demzufolge die ganze Welt nur durch Weiße gerettet werden kann, weil es die anderen einfach nicht hinbekommen. Stattdessen wird Garrigan zu einer ambivalenten Figur gemacht, die selbst zwar nicht an den Gräueltaten teilnimmt, diese aber zunächst ausblendet. Damit steht er auch stellvertretend für die Rolle Europas bzw. des Westens im allgemeinen, die im Zuge des Kolonialismus und darüber hinaus in aller Welt Verbrechen ausübten oder zumindest ermöglichten. So manche Diktatur geht sogar direkt auf die Einflussnahme von außen zurück.

So richtig in die Tiefe geht das nicht. Der letzte König von Schottland spricht zwar am Anfang von der Unabhängigkeit des Landes und den Auswirkungen der britischen Herrschaft. Doch später spielt das keine wirkliche Rolle mehr. Dennoch ist Regisseur Kevin Macdonald (Der Mauretanier) ein spannender Film geglückt, der die starke Diskrepanz zwischen dem naiven Blick Garrigans und der schrecklichen Wahrheit herausarbeitet. Gerade zum Ende hin wird auch einiges an Nervenkitzel geboten, wenn der Nutznießer auf einmal selbst in Gefahr gerät. Denn Amin, so wird bald klar, ist eine tickende Zeitbombe. Gepaart mit seiner sprichwörtlichen Brutalität und einer zunehmenden Paranoia macht ihn das zu einem gefährlichen Umgang, den niemand wirklich kontrollieren kann.

Wahnsinnig faszinierend

Das ist natürlich gerade für Forest Whitaker sehenswert, der hierfür aus gutem Grund die bedeutendsten Filmpreise abgestaubt hat. Bei ihm wird der ugandische Diktator zu einer faszinierenden Gestalt, bei der Charisma und Wahnsinn nicht weit auseinanderliegen. Im direkten Vergleich hinterlässt James McAvoy weniger Eindruck, was aber auch mit der Figurenzeichnung zusammenhängt. Der Möchtegern-Abenteurer Garrigan ist einfach kein sonderlich komplexer Charakter. Der schottische Schauspieler holt aber genügend aus der Rolle heraus, um als Kontrast zum Gewaltherrscher zu funktionieren. Wir sehen hier, wie sich jemand von einem Menschen überrumpeln lässt, dem er letztendlich nicht gewachsen ist. Das ist auch viele Jahre später noch sehenswert. Der letzte König von Schottland ist nicht allein eine Geschichtsstunde zu einem dunklen Kapitel der neueren afrikanischen Geschichte, sondern allgemein ein interessanter bis erschreckender Beitrag zur Korrumpierbarkeit der Menschen.

Credits

OT: „The Last King of Scotland“
Land: UK, USA, Deutschland
Jahr: 2006
Regie: Kevin Macdonald
Drehbuch: Jeremy Brock, Peter Morgan, Joe Penhall
Musik: Alex Heffes
Kamera: Anthony Dod Mantle
Besetzung: Forest Whitaker, James McAvoy, Kerry Washington, Gillian Anderson, David Oyelowo, Simon McBurney

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 2007 Bester Hauptdarsteller Forest Whitaker Sieg
BAFTA Awards 2007 Bester Film Nominierung
Bester britischer Film Sieg
Bester Hauptdarsteller Forest Whitaker Sieg
Bester Nebendarsteller James McAvoy Nominierung
Bestes adaptiertes Drehbuch Jeremy Brock, Peter Morgan Sieg
Europäischer Filmpreis 2007 Bester Film Nominierung
Beste Regie Kevin Macdonald Nominierung
Bester Darsteller James McAvoy Nominierung
Beste Musik Alex Heffes Nominierung
Beste Kamera Anthony Dod Mantle Nominierung
Publikumspreis Nominierung
Golden Globes 2007 Bester Hauptdarsteller (Drama) Forest Whitaker Sieg

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Der letzte König von Schottland – In den Fängen der Macht
„Der letzte König von Schottland – In den Fängen der Macht“ erzählt aus dem Blickwinkel eines jungen schottischen Arztes, wie in Uganda ein Diktator sein Volk terrorisiert – und der Westen dabei zusieht. Auch wenn das Ganze noch mehr Tiefgang hätte haben können, spannend bis erschreckend ist die beeindruckend gespielte Geschichtsstunde auch so.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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