(”Gomorra” directed by Matteo Garrone, 2008)

Kein Pate, kein Scarface, keine Good Fellas. Der Film von Matteo Garrone über die italienische Mafia Camorra wirkt dokumentarisch. Mit gutem Grund. Das Drehbuch basiert auf dem Bestsellerroman von Roberto Saviano dem die meisten der Figuren im echten Leben entweder selbst begegnet oder Schicksalsberichte über sie zu Ohren gekommen sind (Saviano steht nach Morddrohungen unter Personenschutz und hat keinen offiziellen Wohnort). Die Fakten sind wohl auch zu tragisch um sie noch zusätzlich zu dramatisieren oder gar zu romantisieren.
Die Camorra, eine Mafia mit Hauptsitz in Neapel deren Ursprünge ins 15 Jhdt. zurückreichen wurde während des zweiten Weltkrieges durch die Faschisten fast ausradiert, feierte aber 1970 ihre Wiederauferstehung als Nuova Camorra Organizzata (NCO). Seit dem hat sie sich durch illegale und legale Geschäfte zu einer der wirtschaftlich bedeutendsten Organisationen Italiens entwickelt. 4000 Menschenleben sind in dieser Zeit von der Camorra ausgelöscht und um das zigfache andere zerstört worden. Der Terror den diese Mafia verbreitet wurde von keiner politischen oder religiösen Organisation jemals mit dieser alle Lebensbereiche durchdringenden Auswegslosigkeit erzeugt. In den Gebieten in denen die Clans ihre Geschäfte abwickeln hat sich der Staat zurückgezogen oder wird durch Korruption unterwandert. Die Polizei wird zwar gefürchtet ist aber gegen die gut organisierten Banden machtlos.
Die Reise in das Reich der Camorra besitzt keinen Unterhaltungswert. Vielmehr erzeugt sie Wut, Abscheu, fast Ekel vor der gnadenlosen Realität in der sich große Teile der Bevölkerung Neapels befinden. Der Plot besteht aus 5 Handlungssträngen die grundsätzlich nichts miteinander zu tun haben ausser, dass sie im selben Umfeld (Neapel und Umgebung) und wärend der Zeit eines Krieges zwischen den sich konkurrierenden Banden Scissionisti di Secondigliano und Clan Di Lauro stattfinden:
Toto (Salvatore Abruzzese) lebt im Stadteil Scampia. Sein Vater sitzt im Gefängnis und seine Mutter wird von den Scissionisti finanziell unterstützt. Der fast noch kindlich wirkende Junge setzt aber mehr Vertrauen in den Clan Di Lauro und beginnt Kuriertätigkeiten für diesen zu übernehmen. Dadurch gerät er zwischen die Fronten und als bei einer Schießerei ein Mitglied seiner Gruppe getötet wird setzen ihn seine „Freunde“ so unter Druck, dass er schließlich seine eigene Mutter in eine tötliche Falle lockt.
Im selben Krieg ist Don Ciro (Gianfelice Imparato) gefangen. Er ist Buchhalter und überbringt Wittwen und Angehörigen von Inhaftierten eine Art Pensionszahlung (die aber meist kaum zum Leben ausreicht). Nach dem er selbst Morddrohungen und Einschüchterungen erdulden musste traut er sich nur mehr mit kugelsicherer Weste auf die Straße und vermeidet jedes unötige Gespräch. Der Mann, der ein Leben lang ohne viel nachzufragen seine Dienste für die Mafia verichtet hat will nun austeigen. Sein Boss lässt ihn aber nicht gehn. Schließlich verrät Don Ciro der gegnerischen Seite den Ort und Zeitpunkt einer Geldauszahlung. Bei dem Überfall werden alle Anwesenden bis auf ihn erschossen und er verlässt blutverschmiert und unter Schock den Tatort.
Roberto (Carmine Paternoster) ist in der „glücklichen“ Lage eine höhere Position in der Camorra bekommen zu haben. Der junge Mann wird Sekretär des Hauptverantwortlichen für die Giftmüllentsorgung. Ein lukratives Geschäft in dem Giftmüll von Firmen aus ganz Europa abgenommen und in illegalen Deponien verscharrt wird (Würde man den Giftmüll, der in den letzten 30 Jahren „entsorgt“ wurde auf einer Fläche von drei Hektar stapeln, dann entstünde ein Gebirge, das doppelt so hoch wie der Mt. Everest wäre). Nach einigen Wochen Einarbeitungszeit erkennt Roberto die ganze Tragweite seiner Tätigkeit und wendet sich angewidert von seinem Arbeitgeber ab, welcher ihn unter Beschimpfungen und Vorwürfen gehn lässt.
Der Schneider Pascale (Salvatore Cantalupo) arbeitet Tag und Nacht als Designer von Ballkleidern für die großen Modehäuser. Die Gewinne streift allerdings sein Boss ein der wiederum der Mafia Abgaben leisten muss. Eines Tages wird er von einem chinesischen Fabriksbesitzer angeworben für 2000 Euro pro Stunde dessen Arbeiter im Schneidern zu unterrichten. Die chinesischen Einwanderer sind Konkurrenten der Mafia, deshalb muss alles in der Nacht unter Sicherheitsvorkehrungen passieren. Die Mafia erfährt trotzdem davon und Pascale überlebt mit schweren Verletzungen einen Mordanschlag. Schließlich gibt er seinen Job auf und arbeitet als LKW Fahrer.
Zu „guter“ Letzt sind da noch die beiden jugendlichen Dummköpfe Marco (Marco Macor) und Ciro (Ciro Petrone). Sie gehören keinem Clan an, träumen aber davon als Gangster ihr Viertel zu beherrschen. Es gelingt ihnen ein Waffendepot zu plündern und Drogen zu erbeuten. Dieses Verhalten untergräbt natürlich die Machtposition der dort ansässigen Bosse, die sie vorerst mit Schlägerkommandos dazu bringen wollen die Waffen zurückzugeben. Als sie selbst nach einer Einladung für den Clan zu arbeiten arrogant ablehnen, werden sie in eine Falle gelockt und erschossen.
Trocken und nervenaufreibend schleppen sich die 135 Minuten langsam dahin. Die Kamera (Marco Onorato) schafft es im Zuseher ein Stressmoment aufrecht zu erhalten, ansonsten kann man nicht von Spannungsbögen sprechen. Die Schauspieler sind großteils Laien aus der Umgebung der Drehorte. Von den Profis ist bis auf Salvatore Cantalupo (Pasquale) und Gianfelice Imparato (Don Ciro) auch keine schaupielerische Hochleistung zu erwarten.
Dennoch ist Gomorrah ein Film den man sich ansehn sollte wenn man von politischen und sozialen Konfliktherden eine Ahnung haben will. Die Machenschaften einer Mafia wurden wohl noch nie so realistisch in einem Film umgesetzt. Zu erwähnen ist vielleicht noch das selbst in der Orignalsprache (Italienisch) Untertitel eingeblendet sind, weil großteils in Dialekt und den Slangs der Banden gesprochen wird.
Der Film wurde mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt und in der internationalen Presse nur positiv bewertet. Als Filmliebhaber stehe ich Gomorrah zwiegespalten gegenüber. Einerseits bemängle ich die kaum vorhandenen künstlerischen Elemente und erwarte mir von einem Spielfilm auch mehr als nur eine schonungslose Darstellung der Realität. Andererseits bin ich froh so viele Details über die Camorra erfahren zu haben und bewundere den Mut und die Entschlossenheit des Regisseurs wie auch des Romanautors so eine Erzählung umzusetzen.
Also unbedingt ansehn, aber vielleicht nicht wenn man sich grade auf einen Blockbuster eingestellt hat!

Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra
3.91 (78.18%) 11 Artikel bewerten

Über den Autor

http://www.youtube.com/watch?v=Tn0_MWsyn7A&feature=fvw

8 Responses

  1. Der kleine Candide

    Danke für dieses sehr ausführliche Review. Hab ihn damals im Kino bei uns leider verpasst, werde ihn aber bestimmt bald nachholen.
    Der Streifen war in Italien nicht unumstritten und er hat für sehr viel Aufruhr gesorgt, vor allem wegen seiner (wie du auch schreibst) schonungslosen Darstellung und vor allem da einem Großteil der (Süd)Italiener mit diesem Film aus dem Herzen gesprochen wurde.
    Was Matteo Garrone abgeliefert hat wurde mancherorts schon mit Bruch der Omerta verglichen.
    Bin schon gespannt, werde ihn allerdings wohl nicht mehr im O-Ton ansehen können. Sobald die DVD erscheint wird das aber nachgeholt, auch wenn die Untertitel dringend benötigt werden…mein napoletano ist doch etwas eingerostet *hust*

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  2. Der kleine Candide

    Nachdem ich ihn nun auch gesehen habe, kann ich die Empfehlung von parker nochmals unterstreichen. Leider wurde er nicht mehr im O-Ton hier in den Kinos gezeigt, werde das aber definitiv nachholen, da die deutsche Synchronisierung teilweise sehr unpassend wirkt und das dreckige aber dennoch faszinierende Napoletano bestimmt ein wesentlicher Bestandteil des Streifens ist. Ich kann mir übrigens gut vorstellen, dass gewisse Wörter gar nicht übersetzt wurden, da es sie nicht mal auf Hochitalienisch gibt.

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  3. parker

    Wusste gar nicht, dass der Film auch in Deutscher Synchro existiert. Habe ihn mit deutschen Untertiteln gesehn. War teilweise recht anstrengend weil die Sätze sehr lang waren und nur kurz eingeblendet wurden. Aber du hättest damit wahrscheinlich kein Problem gehabt 😉

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  4. Der kleine Candide

    Darauf würde ich nicht meinen Arsch verwetten aber ich denke mal in Kombination mit Untertiteln würde es ganz gut klappen. Die süditalienischen Dialekte sind relativ schwierig da keine wirkliche Grammatik existiert sondern jeder nach Gefühl und Gehör spricht. Die Sprache der Neapoletaner wurde übrigens zum UNESCO Kulturerbe erklärt, streng genommen handelt es sich also um eine eigene Sprache.

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  5. fallouter

    toto ist nicht der sohn der frau, er erledigt immer die einkaeufe
    oder es ist so schlecht synchronisiert dass ich mich schon wieder
    aergere

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  6. Der kleine Candide

    Stimmt, nach nochmaligen lesen fällt mir es jetzt auch auf. Ich habe die synchronisierte Version gesehen und dass er nicht ihr Sohn ist war mir klar. Daher wird es sich um einen Flüchtigkeitsfehler von parker handeln, nichts weiter.

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  7. parker

    Oh sorry. Beim Erinnern dachte ich mir schon sowas, aber dann hab ich doch den falschen Gedanken weitergesponnen (es hat doch Vorteile einen Film in der eigenen Muttersprache zu sehn). Mein Fehler, werde es aber stehn lassen.

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