Die sieben Samurai

9. März 2010 Candide Keine Kommentare
/2009/10/Akira-Kurosawa.jpg Review 1 von 4 von Akira Kurosawas Hinterlassenschaft [ Nächste Rezension»]

Nicht nur sein Meisterwerk “Die sieben Samurai” fand Anklang in der westlichen Welt sondern seine gesamte Filmographie gilt weltweit als eine der bedeutendsten überhaupt. Als Inspiration für John Sturges oder Sergio Leone führte er die oftmals so unterschiedlichen Kulturen näher zusammen, auch wenn nur auf Zelluloid gebrannt.

(„Seven Samurai“ directed by Akira Kurosawa, 1954)

ARTE zeigt im Zuge seines Programmschwerpunkt „Japan“ fünf tolle Samurai-Filme die man nicht verpassen sollte. Nicht nur dass die Beiträge in HD (720p + DD) ausgestrahlt werden, das wirklich tolle daran ist dass wie gewohnt keine nervigen Werbeunterbrechungen das Spektakel unnötig in die Länge ziehen.
Gestern startete das Ganze mit dem Klassiker „Die sieben Samurai“ den man wohl als DEN Samurai-Film schlechthin bezeichnen könnte. Akira Kurosawas monumentales Meisterwerk wurde nicht nur von Publikum und Kritik in höchsten Tönen gelobt sondern gilt als einer der einflussreichsten Filme überhaupt. Sein bekanntester Verehrer und Imitator dürfte wohl „Die glorreichen Sieben“ sein. Die westliche Adaption von John Sturges ist durchaus sehenswert doch verblasst sie im direkten Vergleich zum japanischen Vorbild. Der Western ist recht oberflächlich und wenig durchdacht, wohingegen Kurosawas Vorlage präzise und perfektionistisch wirkt. Er lässt sich mit seinen Szenen sehr viel Zeit und vermittelt ein äußerst realistisches Bild des japanischen Mittelalters, wobei auch „Die sieben Samurai“ ganz klar vom spannenden und zweitweise  ergreifenden Plot lebt.
Ein von skrupellosen Banditen ständig heimgesuchtes Bauerndorf steht kurz vor dem wirtschaftlichen Untergang. Unmut und Verzweiflung machen sich breit als die unvermeidliche Hungersnot ausbricht und der zu leistende Frondienst kaum Hoffnung verspricht. Die Lösung ihrer Probleme scheint aber einfach zu sein: herrenlose und ehrenwerte Samurais sollen engagiert werden um ihre Felder vor den Ganoven zu beschützen die die Bevölkerung einschüchtern und sämtliche Ernteerträge stehlen. In Kanbê Shimada (Takashi Shimura), einem alternden Ronin, scheint der Grundpfeiler der bäuerlichen Privatarmee gefunden zu sein, doch es ist nicht allzu leicht weitere noble Krieger auf ihre Seite zu bringen.
Kurosawa vermischt seine Story gekonnt mit einzelnen Schicksalen, Romanzen oder Familiendramen  und setzt das Ganze in ein politisch wie gesellschaftlich äußerst interessantes Zeitalter ohne aber dabei den roten Faden zu verlieren. Demontiert man seinen Film bleibt im Grunde genommen das altbekannte Gut gegen Böse-Spielchen. Da der Regisseur aber so viel Liebe zum Detail investiert bekommt „Die sieben Samurai“ eine ganz andere Dimension.
Zuvor hatte ich nur die internationale Version gesehen die etwa 160 Minuten dauert. Ausgestrahlt wurde gestern eine gestochen scharf restaurierte 193 minütige Fassung im Originalton mit Untertiteln, was übrigens absolut empfehlenswert ist, denn die deutsche Synchronisation klingt einfach nur lächerlich. Alleine diese ewig lange Spielzeit ist Beweis genug dass Kurosawa sich nicht die Zeit nehmen lies um seine Geschichte so wie er sie sich vorstellte zu erzählen.
Zwar hat jeder der sieben Samurai sein eigenes Profil allen voran ist aber der herrlich aufspielende Toshirô Mifune („Lone Wolf & Cub“) zu erwähnen. Er spielt Kikuchiyo, einen Wannabe-Samurai, der lauthals und prahlend sein überdimensioniertes Katana schwingt im Herzen aber ein gutmütiger Tollpatsch ist.
Obwohl der Film darauf bedacht ist das historische Japan möglichst authentisch wiederzugeben und somit auch damals herrschende Systeme aufzeigt sollte man sich keinen tiefsinnigen Streifen erwarten, vielmehr ein groß angelegtes und gut unterhaltendes Epos das aber Lichtjahre entfernt von heutigen eindimensionalen Blockbustern ist.
Wie auch in seinen späteren Werken ist der Regisseur und Autor darum bemüht zwischenmenschliche Beziehungen in einem gewissen Kontext wiederzugeben und die Grausamkeit von Konflikt und Krieg darzustellen.
In der Internet Movie Data Base rangiert „Die sieben Samurai“ nicht umsonst auf Platz 15 der bestbewerteten Streifen. Die abgegebenen Stimmen, die im Vergleich zum Rest doch recht mager ausfallen, lassen aber darauf schließen, dass dieser Meilenstein der Filmgeschichte einem großen Teil immer noch nicht bekannt ist…

Shutter Island

8. März 2010 Candide 2 Kommentare

(„Shutter Island“ directed by Martin Scorsese, 2010)

Martin Scorseses letzter Kinospielfilm besticht weniger durch Innovation sondern viel mehr damit wie routiniert der Altmeister eine packende Story in  gestochen scharfe Bilder einwickelt.
Ich war schon immer ein Fan seines Kinos doch in den letzten Jahren enttäuschte mich der Italoamerikaner ein wenig. Nach dem eher langatmigen wenn auch grandios inszenierten „Gangs Of New York“ oder „Aviator“ war sein überflüssiges Remake von „Infernal Affairs“ dran. Jedes mal holte er sich für die Hauptrolle seinen neuen Schützling, Leonardo DiCaprio, so auch diesmal. Wenn mir persönlich der Schauspieler früher überhaupt nicht gefiel so muss ich mittlerweile zugeben dass er unter Scorsese durchaus aufgeblüht ist. In „Shutter Island“ spielt er den US Marshall Teddy Daniels, einen Schnüffler der mitte der Fünfziger einen flüchtigen Kriminellen einer Heilanstalt für Geisteskranke wiederfinden soll.
Gemeinsam mit seinen neuen Partner Chuck (Mark Ruffalo) gelangt er per Fähre nach Shutter Island, der Ort der zu untersuchen gilt und als eiserne Festung gilt. Die Anstalt unter der Führung von Dr. Cawley (Ben Kingsley) gilt insofern als Besonders da neumoderne Heilmethoden angewandt werden. Die psychisch gestörten Verbrecher werden weniger wie Inhaftierte sondern vielmehr wie pflegebedürftige Patienten behandelt, eine Lobotomie – für diese Jahre ein gängiges Mittel um diese „Schandflecken der Gesellschaft“ ruhig zu stellen -  stellt nur die allerletzte Möglichkeit dar.
Teddy hält von dem Ganzen aber recht wenig, schließlich wurde seine Familie selbst Opfer eines verrückten Feuerteufels: seine Frau (Michelle Willliams) und die drei Kinder starben beim Anschlag eines Brandstifters auf brutale Weise. Dies ist aber nicht die einzige Last die Teddy mit sich trägt. Neben seiner fast schon panischen Angst vor Wasser, verfolgen den Kriegsveteranen ständig Erinnerungen der Befreiung Dachaus im 2. Weltkrieg, bei der er an vorderster Front dabei war. Die Gräueltaten der Nazis verursachen bei ihm ständige Migräneattacken die den anwesenden Doktoren auf Shutter Island (u.a. Max von Sydow) selbstverständlich sofort auffallen und ihn deshalb darauf ansprechen.
Der Marshall ist über die Hilfsbereitschaft aber keineswegs erfreut, schließlich ist er nicht seinetwegen auf die Insel gekommen sondern möchte die flüchtige Patientin einfangen. Umso mehr ärgert es ihn dass das Personal sich nicht gerade kooperativ verhält und die Insassen womöglich einer Gehirnwäsche unterzogen wurden, denn die Antworten auf seine Fragen klingen zu perfekt, zu abgesprochen, vor allem wenn man bedenkt dass es sich um  geistig gestörte Menschen handelt.
Daniels kombiniert sehr schnell dass es sich hier um eine Verschwörung handeln muss, die einzige Person der er noch vertrauen kann ist sein Partner Chuck.
Anders als viele Besprechungen der letzten Tage in der Blogosphäre möchte ich an dieser Stelle nichts verraten, auch wen der aufmerksame Kinobesucher recht schnell den Braten riechen wird. Nicht desto trotz konnte mich der insgesamt 138 minütige Streifen aber prächtig unterhalten.
Scorsese begeht keinen Fehler, überlässt nichts dem Zufall indem er z.B. künstlerische Experimente ausprobiert oder irgendwelche Tabus bricht. Es gibt eigentlich nichts das man nicht schon einmal gesehen hätte und dennoch fesselt die Story die auf den gleichnamigen Roman von Dennis Lahen basiert.
Die einzelnen Darsteller spielen ihre Rollen allesamt gekonnt ohne jetzt aber irgendwelche Maßstäbe setzen zu können. Ein richtiger Soundtrack ist eigentlich nicht vorhanden, dafür tragen die wenigen, eingesetzten Klänge aber wesentlich zur Stimmung bei.
Ein massentaugliches Werk ohne viele Kanten und Ecken ja, aber nach langem wieder mal ein Scorsesefilm der es absolut Wert ist auf der großen Leinwand zu sehen (was nicht bedeutet dass dies bildtechnisch gesehen bei „Aviator“ nicht so war).

Dirty Harry IV – Dirty Harry kommt zurück

6. März 2010 Candide Keine Kommentare
/2010/02/Dirty-Harry.jpeg Review 4 von 4 von Dirty Harry - Der etwas andere Cop [«Vorherige Rezension ]

Clint Eastwood ist Harry Callahan, ein von Selbstjustiz angetriebener Bulle der sich auf seine ganz persönliche Art und Weise Platz im Verbrechensdschungel verschafft. Damals wie heute liebt ihn das Publikum, längst rühmt sich diese Figur mit Kultstatus.

(„Sudden Impact“ directed by Clint Eastwood, 1983)

Der deutsche Titel „Dirty Harry kommt zurück“ trifft den Nagel auf den Kopf. Harry Callahan (Clint Eastwood) is back in town, diesmal wieder herrlich kompromisslos und zielstrebiger denn je. Nachdem Teil 3 etwas enttäuschend war übernahm diesmal  Clint Eastwood selbst die Regie und macht eigentlich alles richtig.
Bis auf das etwas vorhersehbare Ende bekommt der San Franciso-Cop wieder den groben Schliff den man aus den ersten beiden Teilen gewöhnt war. Während die Vorgänger sich weniger damit befassten warum die Kriminellen zu solchen wurden, konzentriert sich hier Eastwood vor allem darauf die Perspektive der kaltblütigen Killerin (Sondra Locke) dem Zuschauer nahezulegen. Wenn man zuvor immer darauf bedacht war den Täter in ein unbekanntes Mysterium zu hüllen, so wird hier von Beginn an verraten wer der Mörder ist.
Ihr Rachefeldzug gegen einer Gruppe von Männern wird in regelmäßigen Abständen mit Flashbacks erläutert. Ihr Motiv wird Callahan am Ende – der wohl schwächste Abschnitt des ansonsten gelungenen „Sudden Impact“ – sogar dazu verleiten seinen eigenen Kodex zu hintergehen.
Den Rest der fast 2 Stunden Laufzeit verbringt man damit Dirty Harry bei Gangsterverfolgung und den oftmals regelrechten Exekutionen zu assistieren, nie verliert man aber den roten Faden, nämlich das Katz und Maus spiel zwischen Eastwood und Locke. Aufgrund seiner brutalen Vorgangsweise wird Callahan wieder mal suspendiert, später sogar in die Kleinstadt San Paolo versetzt. Es dürfte logisch erscheinen dass dort das Böse auch nicht ruht und dass es für einen Idealisten wie Harry immer etwas zu tun gibt.
Interessant fand ich auch dass man sich diesmal die Zeit nimmt um endlich neue Figuren in Callhans Umwelt einzuführen. Da ist nun Fresssack, eine äußerst witzige Bulldogge, die er von Kumpel und scheinbar Seelenverwandten Horace (Albert Popwell) geschenkt bekommen hat. Die beiden sorgen ganz klar für das humoristische Element im Streifen, Popwell schafft es aber keineswegs seiner Rolle Tiefe und Profil zu verleihen. Eine nennenswerte Charakterdarstellung bleibt somit auch im vierten Teil einzig Eastwood vorbehalten denn auch Sondra Locke, die bereits mit ihm in „Der Texaner“ spielte, vermag es nicht Clints Schatten hervorzustechen.
Fazit: toller Unterhaltungsfilm mit einem Eastwood in Höchstform und guter musikalischer Untermalung von Lalo Schifrin, die bisher beste der Serie.

Tideland

4. März 2010 Candide Keine Kommentare
/2010/02/Terry-Gilliam.jpg Review 2 von 3 von Der Hofnarr des Kinos [«Vorherige Rezension ]

Das ehemalige Mitglied der Monty Python-Crew hat durch seine durchgeknallten Filme als Drehbuchautor, Regisseur und Schauspieler einen Kultstatus erreich. Seine surrealen und unkonventionellen Filme bestechen durch eine individuelle und künstlerische Filmsprache

(„Tideland“ directed by Terry Gilliam, 2005)

Nachdem Terry Gilliam mit den Produzenten von „Brothers Grimm“ in Zwist geraten war wandte er sich aus Protest und um Druck auszuüben seinem Independent-Streifen „Tideland“ zu. Beide Filme entstanden quasi zeitgleich unterscheiden sich in Punkto Atmosphäre und Verspieltheit aber wie die Nacht vom Tag.
Der Name Jeff Bridges alleine übt bei mir schon einen gewissen Reiz aus, doch so richtig überwältigt war ich von der damals erst zehnjährige Hauptdarstellerin Jodelle Ferland. Das Mädchen führt ihren Job grandios aus, sogar Gilliam beteuert in Interviews er hätte kaum Anweisungen geben müssen da die Kleine bereits eine „Pro“ sei.
Der Ausnahmeregisseur, der sich hier am gleichnamigen Roman von Mitch Cullin bedient, steckte Jodelle in die Rolle der Jeliza-Rose, ein angeblich schwer traumatisiertes Kind dessen drogensüchtige Eltern verstorben sind. Ihre Mutter (Jennifer Tilly) krepiert gleich zu Beginn des etwa zweistündigen Streifens wegen einer gepantschten Droge, der Vater (Jeff Bridges) verlässt daraufhin von Paranoia getrieben die Junkiehöhle, seine einzigen Begleiter sind Jeliza-Rose und sein geliebtes Heroin. Das Ziel seiner panikartigen Flucht ist sein frührer Heimatort, ein seit Jahren verlassenes Haus mitten in der Prärie.
Für Jeliza-Rose ist das Ganze aber keineswegs schockierend sondern eine auffegende Reise, sogar das Ableben ihrer Mutter steckt das Mädel locker weg. Wie gewohnt bereitet sie liebevoll das H vor, das sich ihr Vater später in den Kreislauf spritzen wird und spielt mit ihren einzigen Freunden, ihren vier Fingerpuppen. Im Glauben ihr Daddy verbringe nach dem Schuss einen erholsamen Urlaub wird es ihr auch gar nicht mulmig als dieser nach ein paar Tagen immer noch nicht „zurückgekehrt“ ist.
Inzwischen verbringt sie weiterhin abenteuerliche Stunden im und um den alten Haus  und stößt alsbald auf die einäugige Hexe Dell (Janet McTeer) und dessen zurückgebliebenen, epileptischen Bruder, den vermeintlichen Kapitän bzw. Sumpfmonster Dickens (Brendan Fletcher). Dickens wird relativ schnell ihr neuer Spielgefährte, doch das Haus in dem Dell und er leben scheint ein grausames Geheimnis zu verbergen. Jeliza-Rose verliert sich aber mehr und mehr in ihrer imaginären Welt sodass es auch für den Zuschauer recht schwammig wird zwischen Filmrealität und Kinderphantasterei zu unterscheiden.
Wie Gilliam in seiner Einleitung betont sollte man bei „Tideland“ am besten sämtliche Vorurteile ablegen und sich vom Geschehen einfach tragen lassen. Der gewollte Alice im Wunderland-Touch übt einen hypnotisierenden Sog aus und reißt das willige Publikum mit. Ein Entkommen – hat man sich erst einmal darauf eingelassen – ist fast unmöglich.
Es geht Gilliam hier ganz eindeutig nicht darum ein massentaugliches Produkt zu schaffen sondern er will schlicht gesagt sein eigenes Genre kreieren, originell sein und die Leute zum staunen bringen, was auch seinem Verständnis für Kino entspricht. Für Leser des Blogs ist es kein Geheimnis dass ich zu der Sorte von Menschen gehöre die Gilliams Art mögen und schätzen, deshalb war ich auch bei „Tideland“ von der ersten Sekunde an begeistert.
Seine tollen Weitwinkelaufnahmen sind hier besonders gut gelungen, die Farben wirken äußerst warm aber gleichzeitig doch so bedrohlich und geheimnisvoll.
Er provoziert gekonnt damit wenn er zuvor in seiner Einleitung den Zuschauer darum bittet möglichst naiv und unschuldig an dieses Werk heranzugehen und dann eine Romanze zwischen den 20 jährigen Dickens und Jeliza-Rose inszeniert. Das Ganze hat wohl gemerkt aber nichts mit Pädophilie sondern viel mehr mit einem kindlichen Rollenspiel zu tun.
Auf den Punkt gebracht ist „Tideland“ aber keine reine Provokation sondern vor allem ein Zugeständnis an die Stärke der Kinder die gerade in unserem Zeitalter doch zu sehr bevormundet und ihrer Phantasie beraubt werden. Gilliams Werk plädiert dafür unseren Kids den nötigen Freiraum zuzugestehen, ihre so wundervolle aber keineswegs gewaltlose Welt auskosten und erlernen zu lassen. So gesehen kann man auch diesen Film als höchst kontrovers bezeichnen, sei es inhaltlich wie technisch geht der nunmehr alte Terry Gilliam komplett andere Wege als der Mainstream.
Jeff Bridges spielt wie von ihm gewohnt phänomenal und trotz oder genau wegen der wenig Dialogzeilen verdient er sich nochmals ein Extralob. Den großen Coup landete Gilliam aber wie gesagt mit Jodelle Ferland, ein kleiner Star den man auf alle Fälle im Auge behalten sollte.
Wie man übrigens den Film dem Horrorgenre zuweisen kann bleibt mir ein Rätsel, von daher ist auch die Schrift auf dem Disc-Cover aber auch der Trailer sehr irreführend.

Durst

28. Februar 2010 Candide Keine Kommentare

(„박쥐“ directed by Chan-wook Park, 2009)

Vampire erfreuen sich in letzter Zeit wieder größter Beliebtheit. Neben TV-Serien wie „True Blood“ oder „The Vampire Diaries“ überzeuge letztes Jahr vor allem der schwedische Streifen „So finster die Nacht“, der schon längst kein Geheimtipp mehr ist.  In „Durst“ nimmt sich kein geringerer als Chan-wook Park dieser Thematik an und zeigt wie im Gegensatz zum stinklangweiligen „Blood: The Last Vampire“ ein echter Asia-Blutsauger-Flick aussehen soll.
Er holt sich mit Kang-ho Song, der mir schon in „The Good The Bad The Weird“ unheimlich gefiel, einen brillanten Schauspieler, verpasst ihn ein Priesterkostüm und verwandelt ihn kurzerhand in ein blutrünstiges Monster. Diese Definition wird der Figur Sang-hyeon allerdings nicht gerecht, denn im Gegensatz zu seiner  späteren Flamme Tae-ju (Ok-bin Kim) handelt er stets nach einen selbstauferlegten Moralkodex. Um seinen Blutdurst zu stillen beschränkt sich der katholische Pfarrer nämlich auf potentielle Selbstmörder die zu ihm in die Beichte kommen oder auf Komapatienten von denen er fast schon liebevoll ein gewisses Maß an Lebenssaft abpumpt.
Park arrangiert hier eine äußerst makabere Romanze und bettet diese in den etwa 130 Minuten in ein optisch vorzügliches Szenenbild ein. Wie bisher konzentriert sich der Südkoreaner auf zwischenmenschliche Beziehungen, so wird die verbotene Liebe des Geistlichen Sang-hyeon und der mit Kang-woo (Ha-kyun Shin) verheirateten Tae-ju ganz klar in den Mittelpunkt gestellt.
Das kränkliche Mutersöhnchen Kang-woo wirkt für Tae-ju wie ein Klotz am Bein, ihre frühere Zieh- und nun griesgrämige Schwiegermutter Lady Ra (Hae-sook Kim) die mit ihnen unter einem Dacht lebt, wie eine Schlinge um den Hals. Die Affäre mit dem Pfarrer, bei der sie ihre geheimen Perversionen ausleben kann, ist für sie deshalb eine prickelnde Abwechslung und Ventil um den deprimierenden Alltag zu vergessen.
Chan-wook Park teilt seinen Streifen grob gesagt in zwei Teile auf. Im ersten beobachten wir das Aufkeimen der  Liebesbeziehung, im zweiten die fatalen Folgen dieser Bindung. Die Zäsur dabei stellt ohne Zweifel die Ermordung von Kang-woo dar, worauf die gute Lady Ra sogar in einen Lähmungszustand verfällt.
Aber nicht nur das Interagieren der Charaktere sind die Sträken von „Durst“, sondern auch Themen wie Euthanasie werden angerissen. Der Regisseur vermeidet aber hier allzu sehr ins Detail zu gehen denn der Film ist primär Unterhaltung wenn auch auf hohem Niveau. Fast gänzlich verzichtet man hier auf unnötige und verwackelte Actionsequenzen, Park beschränkt sich bei der Gewaltdarstellung auf das Notwendigste, auch wenn diese dann sehr blutig zum Zuge kommt.
Wie schon in seiner Rache-Trilogie kommt auch hier sein Faible für Streichorchester zur Geltung. Herrlich untermalt Young-ook Cho die Szenen des Autors, kommt allerdings nicht an die fast schon monumentalen Töne von einem „Oldboy“ heran.
Neben Kang-ho Sang trumpft die unschuldig wirkende Ok-bin Kim auf. Ihre Figur, das vermeidliche Opfer und hilflose Mädchen, kristallisiert sich als Knackpunkt der Geschichte heraus. Ha-kyun Shin, der schon in Park’s  “Sympathy For Mr. Vengeance” überzeugte, hat ihr im Verhältnis zu den Hauptdarstellern sehr wenig zu tun, wirkt aber als dauererkälteter Hosenscheißer glaubhaft.
Insgesamt fand ich den Plot dann aber nicht so stark wie bei früheren Filme des Koreaners. Trotz der Lykanthropie und den doch sehr spezifischen Charakteren kann man sich mit den Figuren sehr gut identifizieren, vor allem weil sie schlussendlich doch noch sehr viele menschliche Seiten aufzeigen. Vor allem das grandiose Ende empfand ich irgendwie als herzzerbrechend auch wenn es aus Sang-hyoen’s Sicht eine logische Schlussfolgerung war.
Noch nicht gesichtet habe ich vom Südkoreaner „I’m a Cyborg, But That’s OK“, steht aber auf alle Fälle schon mal auf dem Merkzettel.

Wüstenblume

26. Februar 2010 Candide Keine Kommentare

(„Desert Flower“ directed by Sherry Horman, 2009)

Die bewegende Autobiographie von Waris Dirie, die 1997 erstmals als Buch erschienen ist, auf Zelluloid zu bannen mag ein nobles Vorhaben sein, das Ganze in rund 2 Stunden Laufzeit reingezwängt hat aber so seine Schwächen.
Das in der Filmwelt relativ unbekannte Modemodel Liya Kebede, die angeblich in „Lord Of War“ zu sehen war aber wohl in der Masse unterging, hatte die schwierige Aufgabe die weltbekannte Dirie zu mimen, doch meistert sie dies wie ich finde sehr gekonnt. Man kauft der Äthiopierin ihre tragische Kindheit ab in der sie wegen eines uralten, angeblich religiös bedingten Rituals im Genitalbereich verstümmelt wurde.
Tatsächlich wird die grausame und lebensgefährliche Beschneidung noch heute Tag für Tag in vielen Ländern der Welt, überwiegend aber in Afrika, praktiziert. Der Abspann erinnert den Unwissenden nochmals daran dass er es hier mit einer wahren Geschichte zu tun hat und dass Millionen von Frauen dieses brutale Schicksal erwartet.
Aufgewachsen irgendwo in der Wüste von Somalia als Nomadenkind flüchtet Waris bereits als Kind nach Mogadischu zu ihrer Oma, von wo aus sie später London erreichen wird. Diese Bilder der Vergangenheit werden durch etwas zu kurz geratene Flashbacks  wiedergegeben, zu Beginn befindet sich der Zuschauer nämlich schon mit Waris in der britischen Metropole und ihren ersten Schritten als „freier“ Mensch. Ihren Werdegang zum Top-Model und schließlich die berühmte Rede vor den UN-Rat runden das Ganze inhaltlich ab.
Auch wenn ich das Buch selbst nicht gelesen habe, merkt man dass das Screenplay von Smita Bhide zugunsten einzelner Momente gestrafft wurde. Anstatt das Unmögliche zu versuchen, nämlich das Ganze Buch Zeile für Zeile zu verfilmen, konzentriert man sich auf Schlüsselmomente und lässt sich dabei Zeit. Einzelne Szenen ziehen sich deshalb relativ in die Länge was zuweilen auch etwas ermüdend wirkt. Auch hätte ich mir ein bisschen mehr Liebe zum Detail gewünscht. Ich meine damit weniger eine Makroaufnahme einer Klitoris-Abtrennung à la „Antichrist“ aber gerade diesen doch fundamentalen Akt der Gewalt hätte man intensiver und somit noch abstoßender einbringen sollen, so wie dies auch die Vorlage tut (ein Mitzuschauer hat die Autobiographie gelesen, daher mein Wissen darüber).
Nichts desto trotz bietet „Wüstenblume“ aber auch heitere Momente, meistens wenn  Waris und ihre erste wahre Freundin Marylin (Sally Hawkins) interagieren. Gefallen fand ich dann auch noch an Timothy Spall („The Damned United“) der hier den Starfotografen Terry Donaldson verkörpert und Waris effektiv entdeckt. Die (mittlerweile Ex) UN-Sonderbeauftragte Dirie beteiligte sich hier „nur“ als Co-Produzentin.
Alles im allem ein durchaus sehenswerter Streifen der leicht dahin tendiert auf Kosten der Detailtreue ein größtmögliches Publikum anzulocken und womöglich sogar ein wenig als Werbespot für die Waris Dirie Foundation in Wien dient, was in diesem Fall ja nichts Schlechtes bedeuten muss.

Fargo

22. Februar 2010 Candide Keine Kommentare
/2009/10/Ethan-Joel-Coen.jpg Review 1 von 6 von Die Coen Brüder und ihr Werk [ Nächste Rezension»]

Ethan & Joel Coen sind bekannt für ihre eigene Handschrift. In ihren uramerikanischen Filmen zeigen sie skurrile Figuren in bitterbösen Filmhandlungen. Ihren rabenschwarzen Humor verbinden sie nicht selten mit einer sozial-psychologischen Beobachtungsgabe für das menschliche Wesen.

(„Fargo“ directed by Joel & Ethan Coen, 1995)

Für mich immer noch der bis dato beste Coen-Film. Atmosphärisch übertrifft „Fargo“ alles was ich bisher von den beiden Brüdern gesehen habe auch wenn mancherorts – und dies durchaus zurecht – behauptet wird „No Country For Old Men“ sei ihm hier sehr ähnlich nur mit Wüste und so.
Ihre Story siedeln sie wie so oft im mittleren Westen an mitten im klirrenden Winter. Herzstück ihrer Arbeit sind einmal mehr die skurrilen Figuren die sich durch die knapp 100 Minuten wuseln. Da sind zum einen die Kidnapper Carl Showalter (Steve Buscemi) und Gaear Grimsrud (Peter Stormare) die einen Deal mit dem Autoverkäufer Jerry Lundegaard (William H. Macy) schließen. Die beiden Chaoten sollen seine Frau entführen, das erhaltene Lösegeld sollen die Gangster aber mit ihren Auftraggeber teilen. Jerry, der in finanzielle Schwierigkeiten geraten ist, erhofft sich nämlich dass sein schwerreicher Schwiegervater und wenig beliebter Arbeitsgeber (Harve Presnell) für die erpresste Summe aufkommen wird. Was im ersten Moment wie ein harmloser wenn auch makaberer Betrug aussieht entwickelt sich alsbald zu einem Sog der Gewalt der ungeahnte Ausmaße annehmen wird.
Fantastisch sind nicht nur die Auftritte der genannten Schauspieler, allen voran leistet Joel Coens Ehefrau Frances McDormand als Kleinstadtpolizistin Marge Gunderson hervorragende Arbeit. Die akribisch einstudierten Dialoge mit stets passendem, abe  für meine Wenigkeit sehr schwer verständlichen, Dialekte im O-Ton allein sind eine Sichtung dieses Meisterwerks schon wert. Es handelt sich aber keinesfalls um eine Autobiographie, vielmehr geht es ihnen darum auf Mikroebene einen Fleck Erde einzufangen und ihn auf Zelluloid zu bannen. Auch wenn es die Betroffenen womöglich nicht so sehen werden, spötteln die Coens nicht über ihre Minneapolis-Wurzeln, sondern verpacken eine packende Story mit viel schwarzen Humor den man am besten mit einem Augenzwinkern begegnet. Besonders witzig fand ich wie sie das sogenannte Minnesota Nice, die überfreundliche Art der Bewohner besagten US-Staates, auf die Schippe nehmen.
Wenn die Coens zu Beginn übrigens behaupten es handle sich hier um eine wahre Geschichte bei der nur die Namen geändert wurden, erlauben sich die beiden lediglich einen dreisten Schulbubenscherz. Ein gewisses Maß an Wahrheit, so die Brüder, enthalte „Fargo“ aber allemal, denn der Streifen gibt ihren Heimatort dermaßen realistisch wieder dass man sie nicht als Lügner abstempeln können.
Und wahrlich der Film wirkte damals nicht zuletzt aufgrund diesen Realitätsgehalt fast schon revolutionär, sie schufen etwas noch nie Dagewesenes was sogar ein Umdenken in der Oscar-Prämierung erzwang. Nicht weniger als 2 goldene Mannen und etliche andere Preise heimsten die Independent-Schreiber mitte der Neunziger damit ein. Viel wichtiger als jeder Preis ist aber das Monument das sie hiermit erschufen und sich damit endgültig in der Filmwelt etablierten.
Fargo“ ist für mich einfach nur gute Unterhaltung auf höchstem Schauspielniveau, enttäuscht könnte vielleicht derjenige sein der sich etwas tiefsinnigeren Inhalt wünscht.

Halloween II (2009)

19. Februar 2010 Oliver Forst 1 Kommentar

(„Halloween 2“ directed by Rob Zombie, 2009)

Als 2007 Rob Zombies Remake des John Carpenter Klassikers die Kinoleinwände heimsuchte, ließ der Regisseur verlauten, dass er Michael Myers menschlicher darstellen wolle und nicht als die unzerstörbare Killermaschine, die er in den ursprünglichen Filmen war. Er sei verletzlich und so durfte er am Ende den scheinbar finalen Kopfschuss durch Laurie einstecken. Und nun gibt Zombie uns Halloween II. Laurie ist zunächst halbwegs wahnsinnig und Michael, nun ja, er ist eine unzerstörbare Killermaschine.

Ein Jahr nach seinen Gräueltaten in Haddonfield kehrt Michael Myers zu seinem Ursprung zurück und wahrlich, er macht keine Gefangenen. Jeder, der sich ihm bei seiner Heimkehr in den Weg stellt oder ihm aus eben diesem gehen will, wird in seine Einzelteile zerlegt. Man hat also keine Wahl. Schnell werden dann auch Michaels Schritte gen die zur aufmüpfigen Tussi mutierten Laurie und deren Freundinnen gerichtet und fertig ist die Schlachtplatte. Derweil ist auch Doktor Loomis zu einem geld- und ruhmsüchtigen Kerlchen verkommen, der keine noch so lächerliche Talkshow ausschlägt, um sich zu profilieren. Soweit die Handlung der zweistündigen Gewaltorgie.

Ich muss zugeben, dass ich mich nicht daran erinnern kann, dass ein Film mich dermaßen zwiegespalten zurückgelassen hat. Was will Herr Zombie mit dem Sequel bezwecken? Er schmeißt praktisch alles über Bord, was die Pluspunkte des ersten Teiles waren. Es gibt unter den Hauptakteuren keine Identifikationsfiguren mehr, alle Beteiligten sind unausstehlich, durch den Wind oder arrogante Arschlöcher. Oder eben Killer. Oder alles zusammen. Aber nein! Da ist ja noch Brad Dourif als Sheriff Brackett! Seine Figur bleibt weitgehendst nachvollziehbar und vermag auch beim Zuschauer so etwas wie Sympathie zu wecken. Aber alles nach der Reihe.

Was sich bereits bei “The Devil’s Rejects” und “Halloween” angedeutet hat, ist Zombies Umgang mit den moralischen Aspekten. Waren die Herren Vorhees, Krueger oder eben Michael Myers in der Blütezeit der Slasher noch allesamt moralische Instanzen, die Sex, Drogen und Alkohol unverzüglich aufs Härteste bestraften, so zeigt sich der „neue“ Myers erfreulich unmoralisch. Wer raucht, bekommt eine Hacke ins Kreuz, wer nicht, der auch. Die „emotionalsten“ Momente hat “Halloween 2” dann auch, wenn beispielsweise die sympathische Krankenschwester ins Gebet gerufen wird oder wenn das Mädchen, das den Maskenträger eigentlich beschützen möchte, kaltblütig ausradiert wird. Gewalt, so Rob Zombie, dürfe keinen Spaßfaktor besitzen, sie müsse dem Zuschauer wehtun. In manchen Momenten gelingt dies vorzüglich, weniger jedoch, wenn das Opfer ohnehin ein Schwein ist. Dazu kommt, dass der Bodycount derart immens ist, sodass es einem ohnehin irgendwann egal ist, wer da nun mit zerbrochenem Kiefer ins Gras beißt. Und dann ist die Gewalt eben gar nichts mehr, weder abstoßend noch Spaßfaktor. Die Gewaltausbrüche sind zudem dermaßen extrem und over the top, dass man eigentlich bereits nach dem ersten Zerbersten von Körpern förmlich spürt, dass hier keine Party gefeiert wird. Aber warum dann das alles? Ist “Halloween 2” also nur ein allgemeines Statement gegen Gewalt? Wohl kaum. Wer kann sich schon mit Michael identifizieren, außer er hat den unstillbaren Drang, sich eine Maske aufzusetzen, um sich danach bunt durch den Verkehr zu schnitzen. Einfach nur so oder wegen einer schlimmen Kindheit. An diesem Punkt wünscht man sich dann vielleicht doch so etwas wie eine Ambition und sei sie noch so moralisch fadenscheinig und fragwürdig wie beim Jigsaw-Killer.

Gestalterisch hat der Film dann aber einiges zu bieten und auch hier ist die Axt recht zweischneidig. Wenn Myers sich auf den Weg nach Haddonfield begibt und die Kamera ihm über die Wiese entgegen- und über ihn hinweg fliegt, wird dies von Impressionen der ahnungslosen Stadt unterbrochen. Das ist atmosphärisch und schon irgendwie großes Kino, wie man so schön sagt. Auch wenn ein Mord zunächst lediglich angedeutet und letztendlich durch Flashbacks während der Ermittlungen am Tatort rekonstruiert wird, hat das einfach eine große Wirkung. Doch leider strapaziert der Regisseur dieses Stilmittel während des Filmes über, sodass dem Rezipienten auch das schnell überdrüssig wird. Ebenso ergeht es einem beim Auftritt Captain Claggs und seinen Kreaturen der Nacht. Man fühlt sich an “From Dusk Till Dawn” erinnert, wenn Tito & Tarantula zum Tanze aufspielen. Doch was Rodriguez effizient einzusetzen vermag, will Herrn Zombie so gar nicht gelingen. Statt die Band einen Song spielen zu lassen, fordert er so ziemlich deren ganzes Repertoire, das immer wieder durch, richtig, Myers Geschnatzel unterbrochen wird. Auch hier wäre weniger mal wieder deutlich mehr gewesen.

Also, lieber Rob, was soll das nun alles? Das Gewalt scheiße ist, war mir tatsächlich schon vorher klar, da muss ich einfach nur auf die Straße gehen. Spaß machen soll’s aber auch nicht. Ja, was denn? Bei den einigen guten Ansätzen wär’s vielleicht gut, mal einen Director’s Cut herauszubringen, der einfach eine halbe Stunde kürzer ist. Na?

Black Dynamite

18. Februar 2010 Candide Keine Kommentare

(„Black Dynamite“ directed by Scott Sanders, 2009)

Nicht vor allzu langer Zeit habe ich erst „Jackie Brown“ besprochen, Tarantinos Hommage an das Blaxploitationkino. Scott Sanders und Drehbuchautor/Hauptdarsteller Michael Jai White gehen aber mit „Black Dynamite“ ein ganzes Stück weiter und fabrizieren sogar eine Parodie des Genres, die aber keineswegs respektlos sondern vielmehr authentisch wirkt.
Black Dynamite ist schwarz, muskulös und sexy aber vor allem ist er die Coolness in Person. Seine CIA-Lizenz (zum töten) hat er seit einiger Zeit verloren aber spätestens als die Drogen in seinem Viertel die Überhand gewinnen kehrt er auf die Straße zurück um in ein paar Ärsche zu treten. Gemeinsam mit seinen Bros Bullhorn (Byron Minns) und Cream Corn (Tommy Davidson) und einer politisch, militanten Truppe (angelehnt and die Black Panthers) stellt er sich tapfer gegen das Verbrechen und räumt dabei ohne seinen Afro zu ruinieren Block für Block sauber.
Als schließlich hochkommt dass eine angeblich speziell für die schwarze Gesellschaft konzipierte Superdroge kurz vor ihrer „Markteinführung“ steht, braucht Black Dynamite all seine Spürsinne und sein griechisch, mythologisches Wissen um hinter die Verschwörung zu kommen.
Black Dynamite“ mischt feuchtfröhlich coole Sprüche, Zuhälter, Dealer, Kung-Fu und fette Magnums in einem Topf und wartet mit sehr viel (schwarzen) Humor auf. Spätestens wenn aber beispielsweise Mikrofone im Bild zu sehen sind, wenn der Hauptdarsteller direkt in die Kamera blickt oder wenn Szenen „fälschlicherweise“ in den Endfilm gelandet sind, sollte jedem klar sein dass der Streifen sich selbst nicht allzu ernst nimmt.
Michael Jai White spielt seine Rolle zur Perfektion. Neben seinem ausgezeichneten Overacting, schafft er es auch noch mit Lockerheit so zu spielen als wäre er ein Laie. Zu urkomisch wirkt sein Panther-Kung-Fu-Stil,  zu lächerlich wie er mit zwei 44-Kaliber-Knarren, wild umherfuchtelnd und mit geschlossenen Augen die Gangster niederstreckt und im nächsten Moment eine Uzi-Salve so einfach mir nichts dir nichts wegsteckt. Halt, das stimmt so nicht: ein gebrochener Arm (!) scheint die Folge zu sein, aber die süße, behandelnde Krankenschwester ist schnell erobert und dadurch heilen logischerweise auch die Wunden schneller.
Die einzelnen Figuren fand ich allesamt gut bis sehr gut gelungen, erwähnenswert sind hier vor allem noch Tasty Freeze (Arsenio Hall) oder Bösewicht Fiendish Dr. Wu (Ryan Yuan), dessen Name Programm ist.
Der Endkampf mit Präsident Richard Nixon (James McManus) im Weißen Haus steht schlussendlich exemplarisch dafür wie ausgefallen und frech dieses Werk ist.
Der Running-Gag „Can you dig it?“ ist omnipräsent und auch der Black-Dynamite-Jingle, der ertönt wenn der Hauptcharakter die Bühne betritt, ist eine der vielen kleinen Feinheiten die den Film zu einem Unikat des zeitgenössischen Kinos machen. Auch der restliche Soundtrack ist passend „cool“ gewählt und tut seinen Dienst.
Gerne wird hier schon mal die Rassistenkarte gespielt aber vor allem jonglieren die Autoren mit ethnischen Vorurteilen. Dass Black Dynamite fünf Frauen gleichzeitig sexuell befriedigt, dabei nicht ins schwitzen gerät und anschließend seine ausgelaugten „Bitches“ alleine im Bett lässt da er das Verbrechen bekämpfen muss, gehört da genauso dazu wie die ständigen Anspielungen auf die Länge des Geschlechtsteils bei Afroamerikanern. Nie wirkt der Film dabei aber per se rassistisch oder anmaßend sondern lediglich herrlich überzogen.
Ein grandioser Beweis dass eine neuzeitliche Komödie nicht notwendigerweise mit einer Romanze verknüpft werden müssen. „Black Dynamite“ ist im Gunde nichts Neues sondern erinnert uns dass Kino damals vielleicht handwerklich schlechter aber wenigstens unterhaltsamer war.

Antichrist

17. Februar 2010 Candide 5 Kommentare

(„Antichrist“ directed by Lars von Trier, 2009)

Enttäuschend? Nein, schließlich wusste ich von vornherein auf was ich mich hier einlasse. Angewidert? Oh ja, und wie.
Warum kann ich dann nicht behaupten „Antichrist“ sei ein schlechter Film? Ganz einfach, weil Lars von Trier, mit oder ohne Depression, es wieder einmal schafft ein interessantes Kunstwerk auf die Leinwand zu transportieren. Da sich über Kunst aber bekanntlich streiten lässt, habe ich vollstes Verständnis für diejenigen die diesen Streifen verabscheuen oder erst gar nicht sehen wollen. Der Däne zehrt erbarmungslos an den Nerven seines Publikums, die dargestellte Gewalt und die Sexszenen – die ohne weiteres aus einem Pornofilm stammen könnten – machen die etwa 110 Minuten Spielzeit zumeist unerträglich.
Auch wenn die Kameraführung vorzüglich und die visuelle Inszenierung grandios ist, hat man das Gefühl mehr und mehr den Überblick zu verlieren, ein roter Faden ist irgendwann nicht mehr erkennbar, die verschwommenen Bilder stehen hier fast schon metaphorisch für das Befinden des Zuschauers. Anders als sonst, tischt uns von Trier eine scheinbar willkürlich zusammen gemischte Bilderflut in vier Kapiteln auf.
Auch diesmal spielt die Natur, vor allem aber die menschliche, eine elementare Rolle. Die einzigen Schauspieler, Willem Dafoe und Charlotte Gainsbourg, führen uns in die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele. Wie die Figuren heißen erfährt man nicht, lediglich ihr auf tragische Weise verstorbenes Baby wird beim Namen genannt. Der kleine Nic wird nämlich das weitere Geschehen ins Rollen bringen.
An der Performance der Darsteller gibt es nichts zu meckern, vielmehr verwunderte es mich dass ein renommierter Künstler wie Dafoe (der zuvor aber auch schon bei „Manderlay“ mitspielte) für ein solche gewagtes Projekt zu gewinnen war.
Lars von Trier spielt wie immer auch hier mit diversen Symbolen, so tauchen beispielsweise öfters „die drei Bettler“ auf, deren Erscheinen in diversen Gestalten stets den Tod vorhersagt. Daneben ist das wohl kaum übersehbare und womöglich gestörte Frauenbild des Dänen omnipräsent. Er gibt sich nicht damit zufrieden dass im (rosaroten) Titel auch das Venus-Symbol untergebracht ist, sondern bringt unter anderem auch das Motiv der Hexenverbrennung und Patriarchat ein, mal ganz davon abgesehen wie er sein Werk terminiert.
Wie allerorts bekannt, verarbeitet Trier seine persönlichen Ängste und Erfahrungen in seinen Filmen. Die dunklen Wälder, als die gefährlichste aller Bedrohungen wirkt vielleicht banal, der Regisseur und Autor lässt jedoch ansatzweise erkennen dass hier aber eher von Gärten, genauer gesagt Garten Eden, die Rede ist. Den zu Beginn befürchteten religiösen Touch weist dann „Antichrist“ aber doch nicht auf. Nicht mehr aber auch nicht weniger begnügt er sich mit einigen biblischen Anspielungen (neben dem bereits genannten Paradies, erkennt man zum Beispiel deutlich den brennender Dornenbusch), konzentriert sich aber primär auf die weltlichen Ereignisse.
Dass sein Menschenbild äußerst pessimistisch ist dürfte Kennern auch schon längst bekannt sein, doch in seinem letzten Streich erreicht von Trier kurz gesagt seinen traurigen Tiefpunkt. Hoffnung ist überhaupt keine mehr erkennbar, der Wald wirkt wie eine Sackgasse und genau wie bisher scheitert auch diesmal sein Idealist kläglich.
Die brutale Darstellungsweise gibt dem konzentrierten Beobachter den Rest (spätestens nach der abgeschnittenen Klitoris war bei mir eine Pause angesagt) und lässt ihn erst gar nicht die Möglichkeit sich näher mit dem Geschehen zu befassen. Zumindest mir war das Ganze zu heftig und ich glaube behaupten zu können dass „zart besaitet“ nicht auf mich zutrifft, zumal ich auch Gaspar Noè oder Lukas Moodysson relativ gut wegstecken kann.
Und dennoch: Kunst muss nicht gefallen sie muss Aufsehen erregen, provozieren und wenn man bedenkt dass sein Film neben den damaligen Chartstürmern in aller Munde war hat er diese Mission somit auch erfüllt. Dass von Trier u.a. mit Sicherheit danach aus war beweist auch dass er „Antichrist“ noch vor den Credits dem von ihm vergötterten Tarkowski widmet.
Erst neulich habe ich gelesen dass Lars von Trier ein Remake von „Taxi Driver“ plant, bleibt zu hoffen dass er seine persönlichen Depressionen endgültig überwunden hat und wieder einen Streifen zu Stande bringt der auch inhaltlich mehr überzeugen kann.

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