The Activist
© Cinemien

The Activist

The Activist
„The Activist“ // Deutschland-Start: 24. Juni 2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

Andrius (Robertas Petraitis) arbeitet in einer Druckerei in Kaunas und lebt mit dem charismatischen Menschenrechtsaktivisten Deividas (Elvinas Juodkazis) zusammen. Während Deividas den ersten LGBTQ-Pride der Stadt mitorganisiert und öffentlich für Sichtbarkeit kämpft, hält sich Andrius lieber im Hintergrund. Nach einem Streit verlässt er die gemeinsame Wohnung. Als er zurückkehrt, findet er Deividas ermordet vor. Da die Ermittlungen der Polizei nur schleppend vorankommen und die Behörden dem bevorstehenden Pride-Marsch zunehmend Steine in den Weg legen, beginnt Andrius auf eigene Faust nach dem Täter zu suchen.

Unter falscher Identität schleust er sich in eine neonazistische Gruppierung ein, die immer wieder gegen die LGBTQ-Community hetzt. Während seiner Nachforschungen gerät er nicht nur tiefer in die Strukturen der extremen Rechten, sondern auch in die internen Konflikte von „Rainbow Kaunas“, jener Organisation, die Deividas leitete. Je weiter Andrius gräbt, desto mehr Widersprüche, persönliche Eitelkeiten und verborgene Motive treten zutage. Doch die Suche nach dem Mörder entwickelt sich zunehmend zu einer Reise durch ein Geflecht aus politischen Spannungen, persönlichen Verletzungen und gesellschaftlichen Abgründen.

Gute Idee – Schlechte Umsetzung

Mit The Activist versucht Regisseur Romas Zabarauskas, einen queeren Politthriller mit klassischem Whodunit und Neo-Noir-Elementen zu verbinden. Die Ausgangsidee ist dabei ausgesprochen vielversprechend. Ein junger Mann infiltriert eine rechtsextreme Organisation, um den Mord an seinem Partner aufzuklären, während im Hintergrund die gesellschaftliche Situation sexueller Minderheiten in Litauen verhandelt wird. Daraus hätte ein spannender Thriller entstehen können, der zugleich etwas über die Lage der LGBTQ-Community in Osteuropa erzählt. Leider schöpft der Film dieses Potenzial kaum aus.

Das größte Problem liegt bereits im Krimiplot. Die Auflösung wirkt lange vor dem Finale vorhersehbar, wodurch der zentrale Spannungsmotor erheblich an Kraft verliert. Statt einer packenden Mördersuche entwickelt sich die Handlung zunehmend zu einer konstruierten Abfolge von Begegnungen und Wendungen, die selten organisch wirken. Immer wieder treten Figuren auf, deren dramaturgische Funktion unklar bleibt. So hinterlässt etwa die Mutter des Ermordeten bei der Beerdigung zwar einen kurzen Eindruck, verschwindet anschließend aber nahezu vollständig aus der Erzählung. Andere Charaktere tauchen lediglich auf, um bestimmte Informationen zu liefern, ohne jemals echte Konturen zu entwickeln.

Unglaubwürdige Charakterentwicklungen

Besonders problematisch sind die Motivationen einiger Figuren. Die Figur Laima (Tekle Baroti) etwa vollzieht aufgrund persönlicher Kränkungen eine radikale Kehrtwende, die weder vorbereitet noch psychologisch nachvollziehbar erscheint. Solche abrupten Richtungswechsel wirken weniger wie glaubwürdige Charakterentwicklung als vielmehr wie Drehbuchkonstruktionen, die den Plot künstlich vorantreiben sollen.

Dabei hätte gerade die politische Ebene dem Film zusätzliche Tiefe verleihen können. Zwar thematisiert Zabarauskas die Bedrohung queerer Menschen durch rechtsextreme Gruppen und verweist auf gesellschaftliche Spannungen im heutigen Litauen. Doch diese Aspekte bleiben meist Behauptungen. Die politischen Hintergründe werden nur angerissen und selten wirklich analysiert. Weder die gesellschaftlichen Mechanismen hinter dem Rechtsruck noch die konkreten Herausforderungen der LGBTQ-Community erhalten ausreichend Raum. Dadurch bleibt vieles erstaunlich oberflächlich für einen Film, der sich erkennbar als politisches Statement versteht.

Holzbrettartige Figurenzeichnung

Auch die Figurenzeichnung trägt zu diesem Eindruck bei. Viele Charaktere erscheinen holzschnittartig und bewegen sich entlang bekannter Klischees. Die Neonazis sind überwiegend eindimensionale Schreckgestalten, die NGO-Mitglieder schwanken zwischen idealisierten Aktivisten und karikaturhaften Intriganten. Komplexität wird zwar immer wieder behauptet, selten aber tatsächlich ausgearbeitet.

Schauspielerisch fällt vor allem Robertas Petraitis positiv auf. Er verleiht Andrius eine glaubwürdige Mischung aus Trauer, Schuldgefühlen und Verzweiflung und trägt den Film über weite Strecken nahezu allein. Gerade in den ruhigeren Momenten gelingt es ihm, die innere Zerrissenheit seiner Figur spürbar zu machen. Das übrige Ensemble bleibt dagegen häufig erstaunlich hölzern. Viele Dialoge wirken aufgesagt statt gespielt, was die ohnehin oft schematische Figurenzeichnung zusätzlich verstärkt.

Verschenktes Potential

Auch formal überzeugt The Activist nur teilweise. Die düstere Noir-Ästhetik und einige atmosphärische Nachtaufnahmen von Kaunas sorgen zwar gelegentlich für Stimmung. Doch die Inszenierung findet selten die visuelle Kraft, die nötig wäre, um den politischen und emotionalen Konflikten zusätzliche Dimensionen zu verleihen. Stattdessen dominiert über weite Strecken eine funktionale Erzählweise, die weder als Thriller noch als politisches Drama wirklich zündet.

So bleibt am Ende vor allem die Erkenntnis, dass The Activist auf einer starken Idee basiert, aus der sich ein spannender Kriminalfilm und zugleich eine relevante gesellschaftspolitische Analyse hätte entwickeln lassen. Stattdessen verliert sich der Film in konstruierten Wendungen, schwach motivierten Figuren und einer erstaunlich oberflächlichen Auseinandersetzung mit seinen Themen. Das Ergebnis ist ein ambitioniertes, aber letztlich enttäuschendes Werk, das hinter seinen Möglichkeiten deutlich zurückbleibt.

Credits

OT: „Aktyvistas“
Land: Litauen
Jahr: 2025
Regie: Romas Zabarauskas
Buch: Romas Zabarauskas, Vitalija Lapina, Marc David Jacobs
Musik: Ieva Marija Baranauskaite
Kamera: Narvydas Naujalis
Besetzung: Robertas Petraitis, Vaslov Goom, Sinas Kuliesius, Tekle Baroti, Elvinas Juodkazis, Redita Dominaityté, Lukas Malinauskas, Karolis Kasperavicius, Elzbieta Latênaite

Bilder

Trailer

Filmfeste

Tallinn Black Nights 2025

Kaufen / Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.




(Anzeige)

The Activist
fazit
„The Activist“ verbindet queeren Politthriller und Gesellschaftskritik auf dem Papier äußerst reizvoll, scheitert aber an einem vorhersehbaren Krimiplot, konstruierten Figuren und einer oberflächlichen politischen Analyse. Eine gute Idee, die filmisch kaum eingelöst wird.
Leserwertung0 Bewertungen
0
4
von 10