
Es gibt Begriffe, die aus den sozialen Netzwerken in die Alltagssprache wandern. „Pick Me Girl“ ist so ein Begriff. Sophie Passmann hat daraus erst einen Bestseller gemacht, dann unter der Regie von Christina Tscharyiski einen Theaterabend am Berliner Ensemble – und nun folgt davon eine Kinoauswertung. Pick Me Girls zeigt, wie ein zeitgenössischer Diskursstoff den Weg von der Timeline auf die Theaterbühne und schließlich auf die Kinoleinwand finden kann, ohne dabei an Schärfe zu verlieren.
Der Abend – beziehungsweise die nun im Kino gezeigte Aufzeichnung – gehört ganz Sophie Passmann. Allein auf der Bühne bewegt sie sich zwischen Stand-up, Lecture Performance und autobiografischem Bekenntnis. Nachdem die Kamera Passmann durch den Backstage-Bereich folgt, setzt schon ihr Auftritt durch einen Glitzervorhang neben einer überdimensionalen Venusmuschel den Ton: Hier wird Popästhetik nicht nur genutzt, sondern zugleich kommentiert. Passmann spielt mit den Mechanismen der Selbstinszenierung, die sie gleichzeitig analysiert. Das ist klug, oft sehr komisch und manchmal überraschend berührend.
Feminismus im Scheinwerferlicht
Im Zentrum steht die Frage, warum Frauen so häufig lernen, sich durch die Augen anderer – genauer: durch den männlichen Blick, den Male Gaze – zu betrachten. Passmann zerlegt das Phänomen der „Pick Me Girls“, jener Frauen, die sich demonstrativ von „anderen Frauen“ abgrenzen, um männliche Anerkennung zu gewinnen. Das ist keine neue feministische Erkenntnis, aber Passmann besitzt die seltene Gabe, theoretische Zusammenhänge in alltagsnahe Beobachtungen zu übersetzen. Ihre Pointen sitzen präzise, ohne bloß auf Lacher aus zu sein. Hinter fast jedem Gag lauert eine unangenehme Wahrheit.
Besonders stark wird der Abend dort, wo er persönlich wird. Wenn Passmann über die Frau spricht, die sie vielleicht geworden wäre, hätte sie sich nicht so lange an männlichen Erwartungen orientiert, bekommt die Analyse eine existenzielle Dimension. Dann entsteht jene Mischung aus Selbstironie und Selbstbefragung, die ihre besten Texte schon immer ausgezeichnet hat.
Theatercharakter bleibt bestehen
Die Kinoaufzeichnung von Regisseur Maximilian Duwe macht dabei vieles richtig. Statt die Aufführung lediglich zu dokumentieren, nutzt sie die Möglichkeiten des Mediums, ohne den Theatercharakter zu zerstören. Nahaufnahmen fangen Passmanns Mimik ein, Totalen bewahren das Gefühl des Bühnenraums, und die Reaktionen des Publikums bleiben als wichtiger Teil der Aufführung präsent. Gerade weil die Kamera nie versucht, aus dem Theater einen Spielfilm zu machen, funktioniert die Übertragung so gut.
Natürlich gibt es Momente, in denen sich die essayistische Struktur etwas wiederholt. Manche Argumentationsschleifen wirken vertraut, manche Pointe könnte man aus Passmanns Kolumnen oder Podcast-Auftritten bereits kennen. Doch selbst dann trägt ihre Bühnenpräsenz den Abend souverän weiter. Die knapp achtzig Minuten vergehen erstaunlich schnell.
Gerne mehr davon
Darüber hinaus besitzt Pick Me Girls eine kulturpolitische Nebenbedeutung. Solche Kinoauswertungen von Theaterproduktionen könnten in Deutschland gern häufiger stattfinden. In Großbritannien gehören Übertragungen des National Theatre längst zum kulturellen Alltag, ebenso wie die Opern-Liveübertragungen der Metropolitan Opera aus New York. Beides füllt mittlerweile auch in Deutschland regelmäßig Kinosäle. Dass nun eine zeitgenössische deutschsprachige Theaterproduktion diesen Weg geht, wirkt wie ein Schritt in die richtige Richtung. Nicht jede erfolgreiche Inszenierung muss auf Berlin, Hamburg oder München beschränkt bleiben.
Pick Me Girls ist deshalb nicht nur ein gelungener Theaterabend auf der Leinwand, sondern auch ein interessantes Modell für die Zukunft kultureller Auswertungsketten. Vor allem aber ist es ein unterhaltsamer, intelligenter und selbstkritischer Abend mit einer Performerin, die genau weiß, wie man gesellschaftliche Analyse in Pop verwandelt, ohne ihre Komplexität zu opfern.
OT: „Pick Me Girls“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Maximilian Duwe
Buch: Sophie Passmann
Vorlage: Sophie Passmann, Christina Tscharyiski
Musik: Lex Landergott
Besetzung: Sophie Passmann
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