
Zürich, 1956: Die Werbetexterin Emmi Creola (Sarah Spale) arbeitet in einer von Männern dominierten Werbeagentur und erhält den Auftrag, eine Kampagne für eine Speiseölfirma zu entwickeln. Aus einer spontanen Idee entsteht die Kunstfigur Betty Bossi – eine perfekte Köchin und Ratgeberin für den modernen Haushalt. Was zunächst als Werbegag gedacht ist, entwickelt sich zum schweizweiten Phänomen. Als Leserinnen beginnen, Betty für eine reale Person zu halten, wird Emmi zunehmend gedrängt, selbst das Gesicht ihrer Erfindung zu werden. Mit dem Erfolg wachsen jedoch auch die Spannungen zwischen beruflicher Selbstverwirklichung, öffentlicher Rolle und familiären Verpflichtungen.
Betty Bossi – eine Schweizer Ikone
Mit Hello Betty erzählt Regisseur Pierre Monnard die Geschichte einer Frau, die eine fiktive Figur erschafft und schließlich Gefahr läuft, von ihr überschattet zu werden. Die historische Vorlage ist dabei ebenso interessant wie die Fragen, die der Film aufwirft. Denn obwohl die Handlung in den 1950er Jahren angesiedelt ist, wirken viele der verhandelten Themen erstaunlich gegenwärtig. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die ungleiche Verteilung von Care-Arbeit oder die Schwierigkeiten von Frauen, sich in männlich geprägten Arbeitswelten durchzusetzen, haben auch siebzig Jahre später nichts von ihrer Aktualität verloren.
Monnard gelingt es, die Geschichte von Emmi Creola nicht nur als nostalgisches Biopic über die Entstehung einer bekannten Marke zu erzählen, sondern als Spiegel gesellschaftlicher Strukturen, die bis heute fortbestehen. Betty Bossi wird dabei zur Projektionsfläche für Erwartungen an Weiblichkeit: modern, erfolgreich und sichtbar, aber bitte weiterhin zuständig für Haushalt und Familie. Die Ambivalenz dieser Figur arbeitet der Film durchaus nachvollziehbar heraus.
Männliche Perspektive
Allerdings bleibt Hello Betty in seiner Auseinandersetzung mit diesen Themen oft erstaunlich vorsichtig. Obwohl Emmi und ihr Ehemann Ernst (Martin Vischer) immer wieder aneinandergeraten, werden die Konflikte selten wirklich schmerzhaft oder unbequem. Die Ehe erscheint letztlich harmonischer, als die Situation eigentlich vermuten ließe. Streitigkeiten werden rasch entschärft, grundlegende gesellschaftliche Widersprüche eher angedeutet als konsequent durchgespielt. Dadurch entsteht mitunter der Eindruck, dass Drehbuch (André Küttel) und Regie die Konflikte lieber auf Nebenfiguren auslagern.
Eine Figure wie Maxi (Rabea Egg), die als eine Art Managerin von Emmi fungiert, trägt viele der schärferen gesellschaftlichen Spannungen des Films aus, während Emmi und Ernst vergleichsweise behutsam behandelt werden. Man spürt dabei durchaus, dass hier eine Geschichte über weibliche Selbstermächtigung erzählt wird, deren Perspektive jedoch maßgeblich von männlichen Autoren geprägt ist. Die Widersprüche werden benannt, aber selten wirklich ausgehalten.
Sympathischer Film
Dennoch bleibt Hello Betty ein ausgesprochen sympathischer Film. Sarah Spale, die auch schon in Monnards Film Platzspitzbaby eine Hauptrolle gespielt hat, trägt die Geschichte mit viel Charme und einer angenehmen Mischung aus Zurückhaltung und Entschlossenheit. Ihre Emmi ist nie bloß Opfer der Umstände, sondern eine Frau, die sich ihren Platz in einer patriarchalen Gesellschaft erkämpfen muss. Auch die Ausstattung überzeugt: Die 1950er Jahre werden mit liebevoller Detailarbeit rekonstruiert, ohne dass der Film völlig in nostalgischer Verklärung versinkt. Farbgestaltung, Kostüme und Szenenbild erzeugen eine warme Retro-Atmosphäre, die den Unterhaltungswert zusätzlich steigert.
Gleichzeitig bleibt Monnards Inszenierung erstaunlich konventionell. Weder formal noch dramaturgisch wagt der Film größere Risiken. Die Handlung folgt weitgehend dem bekannten Muster klassischer Erfolgsgeschichten: Aufstieg, Rückschläge, Ehekrise, berufliche Niederlagen, Selbstzweifel und schließlich die verdiente Anerkennung. Das funktioniert solide, überrascht aber selten. So entsteht letztlich ein Film, der angenehm zu schauen ist, jedoch kaum über das Niveau eines gehobenen Fernsehfilms hinauswächst. Die interessanten Fragen sind vorhanden, werden aber oft nur gestreift, wo eine tiefere Auseinandersetzung möglich gewesen wäre.
Am Ende bleibt Hello Betty ein durchaus unterhaltsames Biopic mit sympathischen Figuren, ansprechender Ausstattung und relevanten Themen. Gerade weil die Geschichte bis in die Gegenwart hineinragt, hätte man sich allerdings etwas mehr Reibung, Mut und analytische Schärfe gewünscht.
OT: „Hallo Betty“
Land: Schweiz
Jahr: 2025
Regie: Pierre Monnard
Buch: André Küttel
Musik: Nicolas Rabaeus
Kamera: Tobias Dengler
Besetzung: Sarah Spale, Martin Vischer, Rabea Egg, Cyril Metzger, Leonardo Nigro, Viviana Zappa, Üeli Jäggi, Esther Gemsch,
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