Könntest du uns etwas über die Entstehungsgeschichte von „Verflucht normal“ verraten? Wie hast du von John Davidson erfahren?
1989 habe ich die Dokumentation „John’s Not Mad“ gesehen. John hat damals einen so starken Eindruck bei mir hinterlassen, dass ich ihn nicht vergessen konnte. Als ich vor einigen Jahren darüber nachgedacht habe, welchen Film ich als nächstes drehen könnte, bin ich wieder auf die Dokumentation gekommen. Dabei habe ich festgestellt, dass es noch zwei weitere Dokumentationen über ihn gab, als er älter war. Und ich dachte: Wenn ich die Geschichte 1989 gut fand und 2022 gut fand, dann war das vielleicht insgesamt eine gute Idee, daraus einen Film zu machen. Also bin ich nach Schottland gefahren und habe John getroffen, um mit ihm darüber zu sprechen.
Und weshalb hast du dann zusätzlich noch einen Spielfilm gedreht, wenn es schon Dokumentationen gab?
Eine Dokumentation ist immer das Fenster in das Leben eines Menschen zu einer ganz bestimmten Zeit. Wenn die Macher Zeit mit John verbracht haben, dann haben sie immer einen kurzen Ausschnitt aus seinem Leben mitgemacht. Ich fand, dass das Leben von John so außergewöhnlich war, dass es ein Format brauchte, das ihm gerecht wird und ihn vom ersten Tag des Syndroms bis in die Gegenwart begleitet. Das zeigt, wie er jeden Tag kämpfen musste. Seine Schwierigkeiten, als er jünger war. Die Art und Weise, wie er sein Leben in Griff bekommen und anderen geholfen hat und dafür von der Queen gewürdigt wurde. Für mich war die Geschichte so groß, dass keine Dokumentation das so je hätte abbilden können.
In der Zeitspanne, die dein Film beschreibt, hat sich sehr viel im Leben von John getan. Doch wie hat sich in der Zeit die Situation für Leute mit Tourette-Syndrom allgemein verändert?
Ich habe John einmal eine ganz ähnliche Frage gestellt. Genauer habe ich ihn gefragt, ob es 2026 leichter ist, mit Tourette-Syndrom zu leben, als es 1989 der Fall war. Ich war davon ausgegangen, dass die Situation jetzt besser ist, weil die Erziehung besser ist und wir mehr von dem Thema mitbekommen. Er meinte aber, dass es damals einfacher war, weil heute der Umgang mit Sprache sehr viel bewusster ist, wenn von Geschlechtern oder Ethnien gesprochen wird. Die Menschen sind respektvoller und achten mehr darauf, was sie sagen. Das ist eigentlich etwas Positives. Für Leute mit Tourette wurde dies jedoch zu einem Minenfeld, weil die Reaktionen auf die Beschimpfungen sehr viel heftiger sind. 1989 waren die Menschen toleranter, was solche Ausdrücke anging. Sie waren damals weniger beleidigend, als sie es heute sind. Auch wenn Tourette heute präsenter ist, ist es heute gefährlicher, damit zu leben.
Wie können wir lernen, von diesen Beleidigungen weniger getroffen zu werden?
Tourette ist eine neurologische Störung, bei der dein Gehirn dich dazu zwingt, die kontroversesten und gemeinsten Dinge zu sagen, ohne dass du einen Einfluss darauf hast. John hat keine Ahnung, was er sagt, bis es seinen Mund verlässt. Wenn du Tourette verstehst, verstehst du schnell, dass diese Wörter absolut keine Bedeutung haben und nicht Ausdruck von Johns Überzeugungen sind. Wenn John die Straße entlanglaufen und „Würste“ rufen würde, würde sich niemand darum scheren, weil das Wort nichts bedeutet. Ich hatte vorher Angst, dass „Verflucht normal“ meine Eltern aufregen könnte, weil sie keine Beleidigungen dulden. Aber schon nach ein paar Minuten haben diese Beleidigungen für sie jede Bedeutung verloren. Ich habe auch bis heute keine Kritik des Films gesehen, wo sich jemand über diese Beleidigungen aufgeregt hätte. Das zeigt mir, dass die Menschen verstehen, dass John keine Kontrolle darüber sagt.
Es ist aber immer noch ein Unterschied, ob man diese Beleidigungen als Unbeteiligter hört oder ob man selbst von diesen betroffen ist.
Das hängt von deiner Einstellung ab. Als ich ihn das erste Mal besucht habe, fragte ich ihn beim Hereinkommen, ob ich meine Schuhe ausziehen soll. Darauf sagte er: „Lass uns Sex haben.“ Da ich jemand bin, der zu allem einen Witz bringen kann, und die Situation so peinlich war, erwiderte ich: „Soll ich vorher meine Schuhe ausziehen?“ Ich dachte, dass ich damit die Situation retten kann. Aber er versuchte dann, sich zu erklären. In einer anderen Situation telefonierte er gerade und sagte: „Ich bin hier mit Kirk. Und ich kann seinen Penis durch die Hose sehen.“ Das stimmte natürlich nicht, aber es war das Schockierendste, was seinem Gehirn da eingefallen ist.
Abgesehen von diesen Momenten, wie war es, mit John zusammenzuarbeiten?
Es war wundervoll! Nachdem er mich näher kennengelernt hatte und wir ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hatten, gab es lange Gespräche, ohne dass sich sein Tick zu Wort meldete. Wenn er sich auf seine Antworten konzentrierte, über sein Leben und seine Kindheit sprach und er sich nicht unter Druck gesetzt fühlte, konnte er ganz normal sprechen. Was ganz interessant ist: Wenn Menschen mit Tourette Schlagzeug spielen oder sich irgendwie künstlerisch betätigen, können sie ihr Gehirn austricksen, weil es sich auf etwas anderes konzentriert.
Kommen wir zum Casting. Wonach hast du bei der Besetzung von John gesucht?
Ich hatte bei dem Projekt das Glück, dass da niemand über mir war: keine Finanziers, kein Studio, keine ausführenden Produzenten, die mir gesagt haben, was ich tun musste. Ich hatte also komplette Freiheit über diesen Film. Deswegen konnte ich besetzen, wen immer ich wollte. Es war Lauren Evans, meine Casting-Direktorin, die einen BAFTA für das beste Casting bekommen hat, die mich auf Robert Aramayo aufmerksam machte. Ich kannte ihn damals nicht und hatte keinen seiner Filme gesehen. Als ich mir daraufhin die Serie Sie weiß von dir anschaute, war sein Auftritt magnetisch, ich konnte gar nicht aufhören, ihn anzuschauen. Robert hatte auch eine ganz andere Vorstellung von seiner Rolle. Er wollte John nicht einfach imitieren. Er wollte stattdessen viel Zeit mit ihm verbringen, um ihn zu verstehen und Tourette zu verstehen. Er wollte so viel lesen wie möglich und mit Leuten sprechen. Mein Instinkt sagte mir, dass er der Richtige ist. Und das war er.
Ganz grundsätzlich: Ist es leichter oder schwieriger, eine Geschichte zu erzählen, die auf einer realen Person basiert?
Das war mein erster biografischer Film, aber ich habe es sehr genossen. Es ist so harte Arbeit, wenn du alles erfinden musst: die Geschichte, die Figuren, die Dialoge. Das habe ich bislang immer so getan. Sich aber mit einem realen Menschen zusammenzusetzen und mit ihm sein Leben zu besprechen, das war eine ganz neue Aufgabe für mich. Ich habe alles, was er mir gesagt hat, aufgeschrieben. Am Ende hatte ich ein Dokument mit 190 Seiten. Mir war da schon bewusst, dass das viel zu viel ist. Aber ich wollte alles aufschreiben und habe es danach dann gekürzt.
Vielen Dank für das Interview!
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