
Als das Britische Empire zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu zerfallen begann, waren die ersten Schritte in die politische, kulturelle und gesellschaftliche Unabhängigkeit nicht einfach. Der Aufbau einer neuen nationalen Identität war schwierig, nicht zuletzt, weil unter den Kolonialherren die eigenen Traditionen, Bräuche und nicht selten auch die Sprache verboten oder zumindest als minderwertig betrachtet worden waren. Die Folgen des kolonialen Traumas sind bis heute spürbar, wenn man beispielsweise nach Australien oder Neuseeland blickt, wo ganze Generationen der Ureinwohner ausgelöscht oder umerzogen wurden. Dennoch gibt es Bestrebungen, die Zeit des Kolonialismus aufzuarbeiten und zugleich jene Teile der nationalen Identität wieder aufzubauen, die verboten waren und scheinbar in Vergessenheit geraten sind. Das Wiederaufleben der irischen Kultur, insbesondere der gälischen Sprache, ist ein faszinierender Fall, der Aspekte wie Literatur, Bildungswesen, Infrastruktur und nicht zuletzt die Musik beeinflusst hat. Die irische Folk-Musik ist ein Spiegel der Erfahrung des Kolonialismus, zugleich aber auch Ausdruck der Bestrebung, nach vorne zu blicken. Themen wie Vertreibung und Exil, der Verlust der Heimat sowie Hungersnot und Armut spielen in Songs wie „The Fields of Athenry“ oder „Come Out, Ye Black and Tans“ eine wichtige Rolle. Zu bekannten Vertretern dieser Musik gehören Sinéad O’Connor, The Dubliners oder Clannad, doch in den letzten Jahren haben vor allem Bands wie The Mary Wallopers, Poor Creature oder Branwen die irische Musikszene mitgestaltet. Erzählerisch und ästhetisch sind sie nahe an ihren Wurzeln, blicken zugleich aber nach vorne und fragen, wie die Zukunft Irlands aussehen könnte. In ihrer Dokumentation Celtic Utopia, die auf dem DOK.fest München 2026 zu sehen ist, geben die Regisseure Dennis Harvey und Lars Lovén ihrem Publikum einen Überblick über die verschiedenen Facetten der modernen irischen Musikszene, ihre Künstler und vor allem ihre Sichtweise auf die postkoloniale Geschichte ihrer Heimat, wie diese ihre Musik beeinflusst und inwiefern eine neue, selbstbewusste irische Kultur im Entstehen begriffen ist. „Die Gewinner schreiben Geschichte, die Verlierer schreiben Songs.“ Während eines Pressetermins von The Mary Wallopers kam es zu einem Moment, in dem sich persönliche Biografien und kollektive Erinnerung verbinden. Als die Bandmitglieder vom Schicksal ihrer Schwester berichten, die von den Behörden in eine Magdalena Laundry gebracht wurde und bis heute als vermisst gilt, vergisst ein Kameramann für einen Moment seine Arbeit und berichtet von einem ähnlichen Schicksal in seiner eigenen Familie. Diese Einrichtungen, in die Frauen und Mädchen gebracht wurden, die als „moralisch auffällig“ galten, markieren eines von vielen dunklen Kapiteln Irlands, das bis heute tiefe Spuren in zahlreichen Familien hinterlassen hat. Die Biografie und das kollektive Gedächtnis sind die Grundlage vieler irischer Songs, doch geht es dabei keineswegs allein um eine Rekapitulation von Fakten, sondern auch um den Versuch, mit diesen Ereignissen umzugehen. Die Laundries sind nur ein Beispiel für die unterschiedlichen Aspekte, die Celtic Utopia thematisiert, und stehen exemplarisch für die Verarbeitung individueller und kollektiver Geschichte. Harvey und Lovén feiern die irische Musik nicht einfach – sie zeigen sie als Ausdruck eines Umgangs mit der Vergangenheit, aus dem sich eine selbstbewusste Identität formen kann, die nach vorne blickt. „Die Gewinner schreiben die Geschichte und die Verlierer schreiben die Songs“, heißt es an einer Stelle in Celtic Utopia. Auch wenn das Statement auf den ersten Blick defätistisch anmutet, verweist es auf einen anderen Aspekt – nämlich den von Musik als Rebellion. Young Spencer, ein Rapper und Songschreiber aus Belfast, erzählt in seinen Songs von einer Heimat, die sich nicht länger über die Konflikte der Vergangenheit definiert. Dem Narrativ des von Sektarismus geprägten Nordirlands begegnet er mit der Attitüde eines Hip-Hoppers, der seine eigene Geschichte schreibt und sich diese nicht vorschreiben lässt. OT: Celtic Utopia Locarno Film Festival 2025 Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.
Land: Irland, Schweden
Jahr: 2025
Regie: Dennis Harvey, Lars Lovén
Drehbuch: Dennis Harvey, Lars Lovén
Kamera: Tuva Björk
DOK.fest München 2026
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