
Ein bisschen nervös ist Isabelle (Romane Denis) ja schon, als sie nach längerer Zeit wieder in die alte Heimat fährt. Schließlich hat sie kaum noch Kontakt zu ihren Eltern, nachdem diese ihr Coming-out nicht ganz so gut aufgenommen haben. Als sie mit ihrer Partnerin Catherine (Marie-Madeleine Sarr) ankommt, ist ihre Mutter Therese (Marie-Thérèse Fortin), die sich gerade mit ihrem Nachbarn Dr. Toupin (Sylvain Marcel) unterhält, irgendwie seltsam. Nicht nur, dass sie überaus zuvorkommend ist, was Isabelle nicht erwartet hat. Sie scheint zudem geistig verwirrt zu sein, kann sich gar nicht daran erinnern, dass ihre Tochter vorbeikommen wollte. Doch noch deutlich schockierender ist, dass Isabelles Vater einige Tage zuvor gestorben ist, recht plötzlich, niemand ihr aber Bescheid gegeben hat. Dennoch beschließt sie zu bleiben und nach ihrer Mutter zu sehen …
Die schwierige alte Heimat
Es gehört zu den in Filmen immer wieder beliebten Szenarien: Die Hauptfigur kehrt in die alte Heimat zurück und muss sich dort mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Das kennt man aus zahlreichen Dramen. Aber auch im Horrorgenre findet man zahlreiche Beispiele. Kürzlich erschien etwa Other – Beautiful Monster über eine Frau, die nach dem Tod ihrer Mutter heimkehrt und dort ihren Traumata begegnet. Diabolic – Gefäß des Teufels wiederum erzählte, wie die Protagonistin wieder zu einer religiösen Gemeinschaft zurückkehrt, der sie früher angehörte, um ihre seltsamen Aussetzer aufzuklären. Nun ist der kanadische Genrebeitrag Veins an der Reihe, dieses Szenario aufzugreifen und daraus eine Geschichte zu machen, die dem Publikum Angst und Schrecken bereiten soll.
Wobei der Film in eine etwas andere Richtung geht, als man es gewohnt ist. Zwar gibt es auch hier vergangene Vorkommnisse, die noch irgendwie aufgearbeitet werden müssen. So endete das Coming-out in einem Desaster, dem eine lange Entfremdung folgte. Doch dieses Thema wird nur vereinzelt angesprochen, spielt ansonsten keine Rolle. Tatsächlich hätte man diesen Aspekt auch völlig rauslassen können, ohne dass es einen nennenswerten Unterschied gemacht hätte. Es wird in Veins ein wenig genutzt, um die Veränderung des Vaters zu verdeutlichen, der auf seine alten Tage offener wurde. Außerdem brauchte man einen Grund für die Entfremdung. Das war es aber auch schon. Prinzipiell ist es natürlich legitim, dass die Homosexualität nur ein Nebenthema ist. Diese aber anfangs so zu problematisieren und danach fallenzulassen, ist irgendwie seltsam. Es geht um die Sorge der Tochter der Mutter gegenüber, nicht um das eigentliche Verhältnis.
Das Warten auf das Ende
Die eigentlichen Probleme des Films liegen aber woanders. Eines davon ist das sehr niedrige Tempo. Anfangs ist man zwar noch neugierig, worum es bei dieser ganzen Sache eigentlich geht. Schließlich ist die Atmosphäre betont mysteriös, man merkt sofort, dass etwas nicht stimmt. Üblicherweise werden diese Rätsel dann am Ende aufgelöst. Veins tut das aber sehr viel früher, zumindest für das Publikum, das ständig einen Wissensvorsprung hat. Wenn man schon weiß, was Sache ist, braucht es etwas anderes, um die Spannung hochzuhalten. Regisseur und Co-Autor Raymond St-Jean scheint daran aber nur wenig Interesse zu haben. Immer wieder gibt es Szenen, bei denen der Kanadier mit Body Horror arbeitet. Diese bestehen aber überwiegend aus Wiederholungen, viel Variation ist da nicht – und eben wenig Entwicklung. Erst zum Schluss wird doch mal aufs Gaspedal gedrückt und mit einer tatsächlichen Gefahr gearbeitet, selbst wenn das alles nicht sonderlich viel Sinn ergibt.
Das hört sich alles nicht besonders gut an. Und doch hat der Film seine Vorzüge. So ist das Grundthema ganz interessant und würde sich anbieten, sich in längeren Diskussionen damit auseinanderzusetzen. Atmosphärisch und visuell überzeugt das Werk ebenfalls. Dem Ensemble kann man ohnehin keinen Vorwurf machen, dieses überzeugt sowohl in den emotionalen wie auch unheimlichen Momenten. Insgesamt ist Veins daher schon ganz solide geworden, und sei es nur für die schöne letzte Einstellung, die noch einmal alles in ein einziges Bild packt. Dennoch ist es schade, dass nicht mehr draus wurde.
OT: „Nervures“
Land: Kanada
Jahr: 2025
Regie: Raymond St-Jean
Drehbuch: Martin Girard, Raymond St-Jean
Musik: Serge Nakauchi Pelletier
Kamera: Jean-François Lord
Besetzung: Romane Denis, Marie-Thérèse Fortin, Richard Fréchette, Sylvain Marcel, Anana Rydvald
Tallinn Black Nights Film Festival 2025
Fantasy Filmfest Nights 2026
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