Der Wunderweltenbaum The Magic Faraway Tree
© Leonine

Der Wunderweltenbaum

Der Wunderweltenbaum The Magic Faraway Tree
„Der Wunderweltenbaum“ // Deutschland-Start: 30. April 2026 (Kino)

Review / Kritik

Polly Thompson (Claire Foy) arbeitet als Erfinderin und Ingenieurin in einem Technikkonzern, während sich ihr Mann Tim (Andrew Garfield) daheim um die Erziehung von Beth (Delilah Benett-Cardy), Joe (Phoenix Laroche) und Fran (Billie Gadsdon) kümmert. In der Konkurrenz mit Smartphones, Social Media und Computerspielen verliert er allerdings zunehmend den Zugang zu seinen Kindern. Als Polly aus moralischen Gründen kurzfristig ihren Job kündigt und die Thompsons folglich aus der Firmenwohnung ausziehen müssen, sieht er eine Chance, durch einen Tapetenwechsel als Familie wieder zusammenzufinden. Er überredet seine Frau zu einem Umzug aufs Land, wo er Tomaten anbauen und als Soße verkaufen will. Die Kinder jedoch finden ohne Strom und Internet nichts mit sich anzufangen, bis Fran einen Ausflug in den „verbotenen Wald“ macht und den Wunderweltenbaum entdeckt…

Märchenstoff für Generation Smartphon

Als Kinderfilm-Veteran adaptiert Simon Farnaby, zuletzt als Drehbuchautor von Wonka und Paddington 2 in Erscheinung getreten, 87 Jahre nach Veröffentlichung durch Enid Blyton das Buch Der Wunderweltenbaum für die große Leinwand. Gemeinsam mit Regisseur Ben Gregor, der hier sein Spielfilmdebüt feiert, überführt er den Stoff in die Gegenwart. Dabei akzentuieren sie die Bedeutung von Natur und Fantasie im digitalen Zeitalter.

Digitale Demenz statt kindlicher Neugier

Gleich zweifach unterläuft Der Wunderweltenbaum vermeintlich traditionelle Konventionen. Einerseits durch die Umkehr klassischer Geschlechterrollen bei Erwerbstätigkeit und Erziehung, andererseits durch eine Umverteilung vermeintlich kindlicher Attribute. Beide Erwachsene erhalten sich eine Naivität und Fantasie, die ihre Kinder verloren zu haben scheinen. Stattdessen erfolgt Inspiration für Beth, Joe und Fran ausschließlich digital. Ihr Tagesablauf wird bestimmt durch Computerspiele, Texting, Videos, Serien und Social Media. Das Abdriften der Jugend in eine digitale Metaebene als reales Problem ist plausibel, im Film allerdings stark überspitzt dargestellt.

Durch den Tapetenwechsel erfolgt gleichzeitig ein erzwungener digitaler Detox, unter den genannten Umständen gleichzusetzen mit einer vorpubertären Existenzkrise. Lediglich Fran, als das jüngste Kind, geht mit offeneren Augen durch ihre neue Heimat und glaubt sogar, eine Fee gesehen zu haben. Schließlich fasst sie sich ein Herz und erforscht den nahegelegenen „verbotenen Wald“. Was sie erwartet, ist weniger Harry Potter als Narnia. Der Wunderweltenbaum fungiert als Portal in eine neue Welt voller Magie und Fantasie.

Strukturelle Schwäche gegen visuelle Stärke 

Hier offenbaren sich zugleich die Stärken des Films. Der Baum besticht nicht nur durch seine exzentrischen wie sympathischen Bewohner, sondern bietet weit mehr. Mondgesicht, die Fee Seidenhaar, der Pfannenmann, Frau Wasch – sie alle zeigen Fran nicht nur ihre, sondern auch die wechselnden anderen Welten des Wunderweltenbaums. Die Stärke des Films liegt besonders in der liebevollen Ausgestaltung der wechselnden Länder, etwa des Geburtstagslands und des Süßigkeitenlands. Fast alles sind Manifestationen kindlicher Wünsche und Sehnsüchte, mit Ausnahme des Schulgefängnisses von Madam Snap (Rebecca Ferguson).

Gleichzeitig ist das narrative Tempo ungleichmäßig. Für das Worldbuilding nimmt sich Ben Gregor zu viel Zeit, wodurch der Erzählstrang rund um die Familie und ihre Tomaten zu kurz gerät. Der Versuch, einen Bogen zwischen beiden Handlungssträngen zu schlagen, wirkt durch einen plötzlichen Zeitsprung ungeschickt. Besonders das Finale ist stark überhastet erzählt und lässt Rebecca Fergusons Madam Snap keinerlei Möglichkeiten zur Entfaltung ihrer Figur. Trotz allem funktioniert die märchenhafte Moral von Der Wunderweltenbaum, sich zumindest einen Teil kindlicher Fantasie zu bewahren, grundlegend gut. Lediglich einzelne missionarische Dialoge, etwa die Erklärung, dass sich Femininität und Feminismus nicht ausschließen, wirken trotz wichtiger Botschaft deplatziert.

Trotz Schwächen bei Drehbuch und Erzähltempo lässt Der Wunderweltenbaum spätestens durch die Inszenierung Kinderherzen höher schlagen. Baum und Länder sind liebevoll konzipiert und ausgestaltet, doch das Herzstück des Films bleiben die Kostüme. Mondgesicht und der Pfannenmann, der ganz seinem Namen entsprechend mit Pfannen und Töpfen behängt ist, sind nur zwei Beispiele für fantastisch märchenhafte Kostümierung. Aber auch in nuancierteren Details wie der Kleidung von Fran spiegelt sich diese Durchdachtheit wider. Beim Gang durch den Wald erinnern die Motive ihres Oberteils an ein Auge, das durch Vorhänge blickt, eine Metapher dafür, dass sie als Einzige mit offenen Augen durch die Natur geht.

Ähnlich verhält es sich später mit einem selbst gebastelten Rucksack aus Ofenhandschuhen, der an Feenflügel erinnert. Schauspielerisch funktioniert die Chemie zwischen Andrew Garfield und Claire Foy sehr gut, Gleiches lässt sich von der generellen Familiendynamik nicht immer behaupten, was auch dem Drehbuch geschuldet ist. Für sich genommen liefern jedoch besonders Delilah Benett-Cardy und Billie Gadsdon eine exzellente Performance. Rebecca Fergusons Figur der Madam Snap bleibt hingegen unterentwickelt und erhält zu wenig Raum, wodurch sie ihr Potenzial nicht entfalten kann und als Antagonistin blass bleibt.

Credits

OT: „The Magic Faraway Tree“
Land: UK, USA
Jahr: 2026
Regie: Ben Gregor
Drehbuch: Simon Farnaby
Vorlage: Enid Blyton
Musik: Isabella Summers
Kamera: Zac Nicholson
Besetzung: Andrew Garfield, Claire Foy, Nicola Coughlan, Jessica Gunning, Rebecca Ferguson, Hiran Abeysekera, Phoenix Laroche, Delilah Bennett-Cardy

Bilder

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Der Wunderweltenbaum
fazit
Ben Gregors "Der Wunderweltenbaum" schwankt der zwischen liebevoller Märchenwelt und erzählerischen Schwächen. Während Inszenierung, Ausstattung und Kostüme eine fantasievolle Athmosphäre erschaffen, die besonders für ein jüngeres Publikum ihren Reiz entfaltet, bleibt das Drehbuch in seiner Struktur und Figurenführung hinter seinen Möglichkeiten zurück. Vor allem das unausgewogene Tempo und ein überhastetes Finale verhindern, dass die gelungenen emotionalen und thematischen Ansätze ihre volle Wirkung entfalten.
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