American Sweatshop
© Guido Marx

American Sweatshop

American Sweatshop
„American Sweatshop“ // Deutschland-Start: 30. April 2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

Junge Menschen sitzen reihenweise mit Kopfhörern vor Computerbildschirmen und sehen sich ein Video nach dem anderen an. Für eine amerikanische Tech-Firma müssen sie gemeldete Bildinhalte auf Social Media überprüfen, ob diese gegen die Richtlinien verstoßen, und gegebenenfalls löschen. Meistens handelt es sich dabei um Videos mit viel Sex, Gewalt oder mit beiden. Daisy Moriarty (Lili Reinhart) fängt diesen Job als Content-Moderatorin an, damit sie sich später eine Ausbildung als Krankenpflegerin leisten kann. Doch die Videos sind belastender, als sie zunächst denkt. Auf eine Enthauptung folgt ein Fetisch-Porno, folgt eine Suizid…

Ein Video verstört Daisy besonders und verfolgt sie tage- und nächtelang. Darin quält ein Mann eine auf einer Matratze festgebundene Frau mit Hammer und Nagel. Daisy meldet das Video ihrer Chefin (Christiane Paul), doch diese hält es für gefaked und fürchtet sich vor Rechtsstreitigkeiten. Also stellt Daisy eigene Nachforschungen im Internet an und versucht die Polizei einzuschalten. Vergeblich. Nicht der Zuständigkeitsbereich der lokalen Behörde. Das Video könnte überall gedreht worden sein. Der Konsum davon ist nicht strafbar. Daisy ist halb entsetzt, halb wütend und geht deswegen sogar noch einen Schritt weiter. Sie meldet sich bei der Website als Model an, um bei dem Dreh des nächsten Torture Porn dabei zu sein.

Das Putzen von Plattformen

Die Ausgangslage von American Sweatshop könnte man dystopisch nennen, wenn sie nicht so real wäre. Schon 2018 konnte man in dem beeindruckenden Dokumentarfilm The Cleaners von Hans Block und Moritz Riesewieck sehen, wie westliche Konzerne Arbeitnehmer:innen in Asien finanziell und psychisch ausbeuten, um ihre Plattformen vor gewalttätigen Medieninhalten „clean“ zu halten. Regisseurin Uta Briesewitz und Drehbuchautor Matthew Nemeth verlegen die absurde Arbeit in die USA und konstruieren daraus einen spannenden und zeitgemäßen Psychothriller, der aber leider die Thematik nur oberflächlich streift.

Dabei sind die Voraussetzungen vielversprechend. Visuell gibt der Film einiges her. Der Kontrast zwischen der kühlen Tech-Welt innen und der sumpfigen Natur vor dem Firmengelände außen, wo Daisy und das Team ihre Pausen einlegen, symbolisiert den alltäglichen Widerspruch ihrer Arbeit. Auch Daisy, die Lili Reinhart wunderbar stoisch verkörpert, ist eine interessante Hauptfigur. Einerseits will sie der moralische Kompass in dem zynischen Medienunternehmen sein, aber andererseits ist sie selbst ein Teil davon. Abends liegt Daisy mit Joint auf dem Sofa, shoppt online und wischt lustlos durch Tinder-Profile. Ihre Dates mit Typen laufen eher schlecht als recht und bald stumpft sie in der Arbeit bei all der Monotonie des Grauens genauso ab wie ihre Arbeitskolleg:innen.

Böse Gegenspieler und traumatisierende Bilderflut

Ihr gegenüber stehen Christiane Paul als eiskalte Chefin und der namenlose Täter aus dem Video. Leider werden diese beiden Antagonisten mit Klischees überfrachtet. Natürlich macht die Chefin ständig Zeitdruck und schert sich null um die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeitenden. Der Täter wiederum wird am Ende mit einem dramaturgisch sehr unwahrscheinlichen Twist entlarvt und nicht näher beleuchtet. Über die Frau aus dem Video wird auch kein Wort verloren. Die komplexe Medienrealität von heute wird hier auf die „böse“ Tech-Firma und den „bösen” Psychopathen als Einzelfall reduziert.

Dabei dringt der Film nicht zu den systematischen Kernproblemen vor, wie z.B. die süchtig machenden Algorithmen der Plattformen oder die diffusen Grenzen zwischen Simulation und Realität. Dabei würde das Thema genug Potential für aktuelle Fragen hergeben angesichts des Deepfake-Porno-Falls von Fernandes und Ulmen. Außerdem fragt man sich, ob heutzutage nicht einfach künstliche Intelligenz den traumatisierenden Job einer Content-Moderatorin erledigen könnte. Die Prämisse des Films scheint von der Technologie überholt worden zu sein.

Immerhin vermeidet der Film allzu explizit gewalttätige Szenen optisch auszuschlachten. Oft sieht man nur die erschreckten Gesichter von Daisy oder ihren Kolleg:innen vor den Computerbildschirmen. Die traumatisierenden Bilder spiegeln sich höchstens in den Augen der jungen Menschen. Was passiert, wenn solche Videos einmal in der Welt sind? Der Film bietet darauf keine Antworten, sondern zeigt stattdessen eine beunruhigende Bestandsaufnahme vom gegenwärtigen Bilderüberfluss.

Credits

OT: „American Sweatshop“
Land: Deutschland, USA
Jahr: 2025
Regie: Uta Briesewitz
Drehbuch: Matthew Nemeth
Musik: Michael Andrews
Kamera: Jörg Widmer
Besetzung: Lili Reinhart, Daniela Melchior, Joel Fry, Christiane Paul

Bilder

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fazit
Eine junge Frau beginnt bei einer Tech-Firma als Content-Moderatorin zu arbeiten. Dort muss sie Videos mit expliziten Inhalten genehmigen oder löschen. Als sie ein Fetisch-Folter-Video sieht, in dem eine Frau misshandelt wird, stellt sie Nachforschungen an, um den Täter ausfindig zu machen. Der Psychothriller erzählt effektvoll von den verstörenden Folgen von Gewalt im Netz. Leider bleibt die Kritik an Big Tech und an einem Psychopathen recht oberflächlich und sehr konstruiert. Besonders die Hauptdarstellerin Lili Reinhart und interessante visuelle Entscheidungen tragen den Film über weite Strecken.
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