A Tale of Shemroon Chevalier Noir
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Chevalier Noir

A Tale of Shemroon Chevalier Noir
„Chevalier Noir“ // Deutschland-Start: 6. Juli 2023 (Kino)

Inhalt / Kritik

Iman (Iman Sayad Borhani) ist komplett zugedröhnt, als er auf sein Motorrad steigt. Die nächtliche Fahrt durch Shemroon, den reichen Norden Teherans, wird zum Höllentrip: eine irre Raserei durch enge Kurven und dunkle Geraden, aufgenommen von der Helmkamera, ohne Schnitt, als würde man sich auf dem Beifahrersitz festkrallen bis zum befürchteten Crash. Der junge Mann kollidiert mit einem großen Vogel, den er in einer mythisch überhöhten Einstellung mit beiden Händen an dem Straßenrand trägt. Ihm selbst ist nichts passiert, außer einer blutigen Hand und einem schmerzenden Gelenk, das der jüngere Bruder Payar (Payar Allahyari) liebevoll verbindet. Auf diese Weise merkt der opiumabhängige Vater (Behzad Dorani) nichts, als die drei am nächsten Morgen die verstorbene Mutter beerdigen.

Auf dem absteigenden Ast

Junge Leute, die eine Party nach der anderen feiern, immer auf der Suche nach noch besseren Drogen – das ist eigentlich nichts Besonderes. Aber dass das auch im Iran Alltag sein soll, dem Land der Sittenwächter, überrascht dann doch. Zwar konnte man über die lockeren Sitten in bestimmten Teheraner Kreisen immer mal wieder etwas in der Zeitung lesen, aber so offen wie im Langfilmdebüt von Emad Aleebrahim Dehkordi waren sie noch nie auf der Leinwand zu sehen. Der aus Teheran stammende und überwiegend in Frankreich lebende Filmemacher kleidet seine Milieustudie in die Geschichte zweier Brüder und ihres kranken Vaters, die gerade ihre Mutter beziehungsweise Ehefrau verloren haben. Wie sie mit dem Schmerz umgehen, droht auch die letzten Familienbande zu zerreißen.

Wie im Märchen verheißt der Tod des Vogels nichts Gutes. Den unheilvollen Ritt auf dem Motorrad kann man als die erste Etappe auf einer Reise in den Abgrund lesen. Aber jenseits solcher Anspielungen und auch jenseits der Gefahr verheißenden Film Noir-Ästhetik hält sich Regisseur und Drehbuchautor Emad Aleebrahim Dehkordi an eine realistische Sicht auf die nächtliche Hauptstadt und ihre Oberschicht. Reich sind hier in Shemroon alle, aber die einen sitzen auf dem absteigenden Ast. Sie haben sich dem raschen Wandel nicht anpassen können und leben, wie der Vater des Bruderpaars, vom Verkauf ihres Vermögens. Die anderen sind erst vor kurzem zu Geld gekommen. Zu ihnen zählen die Kunden von Imans Drogenhandel, den er beginnt, um aus den ständigen Geldsorgen herauszukommen. Bruder Payar hingegen sucht einen ehrlichen Weg aus dem Schlamassel. Trotzdem sind beide innig verbunden, die Szenen einer rauen Zärtlichkeit im Umgang miteinander zählen zu den schönsten des Films.

Und dann gibt es noch die Exiliraner wie Payars Kinderfreundin Hanna (Masoumeh Beygi), die nur auf einen Sprung in ihrer alten Heimat vorbeischaut. So ähnlich wie der Regisseur selbst, der die reale Geschichte, auf der der Film basiert, von seiner noch im Iran lebenden Mutter erzählt bekam. Gerade dieser doppelte Blick, von außen und von innen, tut dem Film gut. Denn es ist fraglich, ob die ständig im Iran lebenden Filmemacher eine solch ungeschönte Milieuschilderung überhaupt ohne übergroßes Risiko realisieren könnten.

Nächtliche Sozialstudie

Regisseur Emad Aleebrahim Dehkordi, der am französischen „Fresnoy-Studio national d’arts contemporains“ Kunst studierte, unterlegt seine nächtliche Sozialstudie geschickt mit einem Thrill, der die Spannung hoch hält, auch wenn das eigentliche Drama, auf das alles zuläuft, nur sehr allmählich Fahrt aufnimmt. Und trotz des Verdienstes, den Zuschauer hinter die sonst streng abgeschirmten Kulissen eines westlichen Lebensstils blicken zu lassen, fügen sich die verschiedenen Elemente seines Erstlings nicht wirklich zu einem Ganzen. Dafür sind die Märchen-Elemente zu schwach, die Film Noir-Anleihen nicht konsequent genug und die eigentlich interessanten Nebenfiguren wie die selbstbewusste Hanna zu skizzenhaft. Bemerkenswert und vielversprechend bleiben dennoch der mutige Zugriff auf ein Tabu-Thema und die erfrischende Offenheit für das Ausprobieren ungewöhnlicher Stilmixe.

Credits

OT: „A Tale of Shemroon“
Land: Frankreich, Deutschland, Iran
Jahr: 2022
Regie: Emad Aleebrahim Dehkordi
Drehbuch: Emad Aleebrahim Dehkordi
Musik: Tobias Thomas
Kamera: Amin Jafari
Besetzung: Iman Sayad Borhani, Payar Allahyari, Masoumeh Beygi, Behzad Dorani, Nima Nouri Zadeh, Mehdi Ansari, Aisan Ghanbari

Bilder

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Chevalier Noir
fazit
In seinem energiegeladenen Langfilmdebüt bringt der Franko-Iraner Emad Aleebrahim Dehkordi ein Tabu-Thema auf die Leinwand: das wilde Treiben der jungen Teheraner Oberschicht, die hinter hohen Mauern einem westlichen Lebensstil frönt. Der Genre-Mix aus Film Noir und Bruderdrama mit Märchenanklängen überzeugt durch seine persönliche Handschrift, kann aber die unterschiedlichen Elemente nicht durchweg unter einem Hut halten.
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