The Dust of Modern Life

The Dust of Modern Life

„The Dust of Modern Life“ // Deutschland-Start: 12. Januar 2023 (Kino)

Inhalt / Kritik

In einer globalisierten und zunehmend technisierten sowie automatisierten Welt müssen Konzepte wie Tradition und Fortschritt scheinbar naturgemäß Gegensätze markieren. Innerhalb vieler Kulturen zeigt sich sicher Kontrast in vielen Facetten, beispielsweise dem von Alt und Jung oder von Land und Stadt sowie bisweilen sogar von Arm und Reich. Auch wenn natürlich eine Entwicklung hin zu einem besseren Leben nichts Negatives ist und wir alle danach streben, ist das Auflösen von Brauchtum durchaus problematisch, besonders, wenn es um althergebrachte Initiationsrituale geht. Dabei müssen es keinesfalls barbarische Rituale sein, von denen hier die Rede ist, wenn man beispielsweise die unzähligen Traditionen rund um den Urwald oder das Pflanzen- und Tierreich denkt, mit denen Kulturen die Entwicklung eines Menschen begleiten. Die Verbindung, die durch deren Wegfall, aufgrund von Vergessen oder als Folge der Ausbeutung natürlicher Ressourcen, entstehen, hat einen Schaden zur Konsequenz, der letztlich eine ganze Kultur auslöschen kann. Um so mehr sehen es viele Künstler als ihre Aufgabe an, ihre kreative Kraft zu nutzen, um festzuhalten, was in diesem Auslöschungsprozess begriffen zu sein scheint.

Innerhalb der vielseitigen Kulturen Vietnams gehören die Sedang zu einer ethnischen Minderheit. Meist leben sie von Landwirtschaft und die meisten Familien kommen gerade so über die Runden, während sie sich mit jeder weiteren Generation immer weiter von ihren Ursprüngen entfernen, welche vor allem mit dem Urwald als Lebensspender und spirituelles Zentrum verbunden ist. Liem, ein junger Familienvater und Bauer, ist ein Sedang, spricht deren Dialekt und ist einer von nur noch wenigen, der sein Bestes tut, um eben jene kulturelle Verbindung am Leben zu erhalten. Bereits 2017 verfolgte das Team rund um Regisseurin Franziska von Stenglin eine solche Tour Liems in den Dschungel, zur Jagd, aber auch aus spirituellen Gründen, und drehte The Dust of Modern Life, der unter anderem 2021 im Rahmen der DOK Leipzig gezeigt wurde und der im Januar 2023 mit etwas Verspätung in einigen deutschen Kinos zu sehen sein wird.

Das Licht des Dschungels

Während Liem noch mit der schweißtreibenden Feldarbeit beschäftigt ist, spricht ihn seine Frau, das jüngste Kind der Familie auf ihrem Arm, ihren Mann auf dessen bevorstehenden Trip in den Dschungel an. Seit seiner Kindheit, als ihn sein Vater das erste Mal auf einen mehrtägigen Trip dorthin mitgenommen hat, steht für Liem fest, dass die zu einer festen Größe in seinem Jahr gehört und er hofft, dies auch an seine Kinder weiterzugeben. Seine Frau jedoch ist skeptisch, ob man die Kinder davon überzeugen könne, unter freiem Himmel zu übernachten, Fallen zu stellen und Tiere, vor allem Ratten, Frösche und Krebse, zu jagen. Es sind solche scheinbar banalen Beobachtungen, die auf den Kern von The Dust of Modern Life hindeuten, auf jenen Prozess des  Vergessens, denen sich nur noch wenige wie Liem entgegenstellen, doch zugleich erkennen, dass sie machtlos gegenüber einer Entwicklung sind, die sie nicht mehr aufhalten können.

Zudem sind es die indirekten Kontraste, die einen Film wie The Dust of Modern Life ausmachen. Plärrt gegen Anfang noch ein Lautsprecher dahin und teilt Nachrichten um die Brexit-Verhandlungen oder die Expansion von Firmen wie Zara und H&M nach Vietnam mit, ist es in der zweiten Hälfte in erster Linie sie Symphonie des Dschungels und lange Einstellungen, die einen Eindruck vermitteln sollen, was es eigentlich ist, auf was Liem und seine Begleiter eigentlich ausmachen. Das Gesicht des jungen Mannes zeigt jenen Frieden, den er hier findet, eine Kameradschaft und ein Wachsen, wenn man so will, welches er in der modernen Welt nicht zu finden scheint, deren Einfluss er zudem fürchtet, wie er an einer Stelle erklärt. Von Stenglin scheint zu fragen, was wir aufgeben, wenn wir uns ganz den Prozessen der Moderne hingeben und was wir hinter uns lassen, wenn sich Traditionen auflösen und mit ihnen ein Raum, der nicht nur Lebensbringer ist, sondern auch ein spirituelles Dach.

Credits

OT: „Pa Va Hêng, Dust of Modern Life“
Land: Deutschland, Vietnam, Frankreich
Jahr: 2021
Regie: Franziska von Stenglin
Drehbuch: Franziska von Stenglin
Musik: Thomas Höhl
Kamera: Lucie Baudinaud

Bilder

Trailer

Filmfeste

DOK Leipzig 2021

Kaufen / Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.




(Anzeige)

The Dust of Modern Life
fazit
„The Dust of Modern Life“ ist eine Dokumentation über das Auflösen von Traditionen innerhalb der modernen Welt. Am Beispiel eines Initiationsritus einer vietnamesischen Minderheit verweist Regisseurin Franziska von Stenglin auf die Frage, was wir hinter uns lassen, wenn wir Traditionen aufheben und vergessen.
Leserwertung0 Bewertungen
0