Sympathy for the Devil Eins plus eins
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Eins plus eins

Inhalt / Kritik

Sympathy for the Devil Eins plus eins
„Eins plus eins“ // Deutschland-Start: 19. November 2015 (DVD/Blu-ray)

Wie in kaum einem anderen Jahrzehnt war die Verbindung von Kultur, Politik und Zeitgeschehen so deutlich, wie in den späten 1960ern und den frühen 1970er Jahren. Während in Vietnam ein Krieg tobte, der weltweit auf immer weniger Unterstützung stieß und das moralische Bankrott einer ganzen Nation durch Ereignisse wie das Massaker bei My Lai mehr als deutlich wurde, nahm eine Protestbewegung ihren Lauf, die einen radikalen Wechsel forderte, welcher sich bereits mehrere Jahre vorher in vielen anderen Bereichen der Kultur angedeutet hatte. Was später als Nouvelle Vague bekannt wurde, war eine Verbindung von Regisseuren und ehemaligen Filmkritikern wie Francois Truffaut, Alain Resnais und Jacques Demy, die mit den alten Erzählmustern und der rigiden Ästhetik der 50er endgültig abschließen wollten. Einige von ihnen sollten sich später in eben diese Traditionen verirren und es sollte auch intern zu Streitereien kommen, jedoch ist wohl niemand unter den jungen Filmschaffenden so radikal gewesen wie Jean-Luc Godard, der seinen Willen zum filmischen Experiment und dem Sprengen der Grenzen des Mediums sich bis ins hohe Alter bewahrt hat. Spätestens in der Mitte der 1960er verabschiedete sich der Regisseur vom klassischen Film und beging jenen radikalen Wandel in der Kunst, der wenig später sich auch in der Gesellschaft abzeichnen sollte.

Um am Plus der Zeit zu bleiben, zog Godard 1968 nach London, weil er dort eine Dokumentation über das Thema Abtreibung drehen wollte. Doch so aktuell war das Thema auf einmal dann doch nicht mehr, sodass sich der Filmemacher nach einem neuen Projekt umsah und schließlich den Vorschlag machte, eine Dokumentation über die Beatles oder die Rolling Stones zu drehen. Die Band um Mick Jagger, Charlie Watts, Brian Jones, Ron Wood und Keith Richards war, im Gegensatz zu den „Pilzköpfen“, sehr angetan von der Idee, mit dem französischen Filmemacher zusammenzuarbeiten und luden ihn und sein Team zu den Aufnahmen ihres Albums Beggars Banquet ein. Neben den Aufnahmen aus dem Studio, welche sich hauptsächlich um die Entstehung des Songs Sympathy for the Devil drehen, gibt es in der Dokumentation noch einige andere Szenen zu sehen, in denen es um die politische Botschaft geht und in welchen beispielsweise Angehörige der Black Panther zu sehen sind oder die sich in einem Buchladen abspielen, welcher sich unter anderem auf pornografische Groschenhefte spezialisiert hat.

Ein intellektueller Revolutionär

1968 war für Godard ein wichtiges Jahr, denn in dieser Zeit sollte sich eben jene Entwicklung in seinem Schaffen andeuten, hin zum filmischen Experiment und einem radikalen Bruch mit den erzählerischen Formen. Ähnlich wie spätere Werke, beispielsweise Alles in Butter oder Wladimir und Rosa, ist auch Eins plus eins, der auch unter dem Original-Titel Sympathy for the Devil bekannt ist, alles andere als ein reiner Dokumentarfilm. Abgesehen von der Dynamik der Band während der Aufnahmen wird man als Musikfan wohl eher enttäuscht sein von Godards Film, denn wirkliche Einsichten in die Band an sich, liefert er kaum, aber darum ging es dem Regisseur wohl auch nicht. Zudem wirken die Aufnahmen abseits des Studios, unter anderem mit namhaften Schauspielerinnen wie Anne Wiazemsky (Zum Beispiel Balthasar) oder die Straßenszenen, in denen die Darsteller politisch-ironische Slogans auf Autos oder Häuserfassaden sprühen, eher verwirrend und ohne jeden Bezug zu dem, was die Band probt. Jedoch tut man Godard Unrecht, wenn man diesem „Chaos“ keinerlei Methode unterstellt, denn vielmehr handelt es sich bei Eins plus eins weniger um eine Musikdokumentation, sondern um einen politischen Film, der die Verbindung von Kultur und Politik aufzeigt.

Als intellektueller Revolutionär, heißt es an einer Stelle im Film, muss man das Intellektuelle ablegen und sich neue Formen suchen. In diesen, wie auch anderen Momenten in Eins plus eins formuliert Godard eine Art Poetik des Widerstandes innerhalb der Kultur, der sich gegen die Tradition richtet und sich formal in der Machart des Filmes niederschlägt. Wie bei den Proben zum Song wird alles hinterfragt, man wundert sich, wie sich der Song verändert, schwankt zwischen Ernst und Albernheiten hin und her, wie es auch der Filmemacher tut. Nicht immer hat dies Erfolg, manches wirkt recht bemüht und polemisch überladen, doch wenn es glückt, stellt Godard äußerst eloquent das Bemühen um neue Ausdrucksformen dar und wie intellektuell-kultureller Protest aussehen kann, wenn man es damit ernst meint.

Credits

OT: „Sympathy for the Devil“
Land: UK
Jahr: 1968
Regie: Jean-Luc Godard
Drehbuch: Jean-Luc Godard
Musik: The Rolling Stones
Kamera: Anthony B. Richmond

Trailer

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„Eins plus eins“ ist ein eigenwilliges filmisches Experiment, angelegt zwischen Spielfilm und Dokumentation. Jean-Luc Godard dreht einen Film, der seinen Zuschauer vor den Kopf stößt und verwirrt, aber auch fasziniert und in vielen Momenten ungemein bereichert, und ironischerweise mehr über die gesellschaftliche Bedeutung des Künstlers und der Kunst zu sagen weiß als so manche konventionelle Musikdokumentation.
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