Kritik

Alles in Butter tout va bien

„Alles in Butter“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Anlässlich eines Streiks in einer Wurstfabrik am Stadtrand von Paris erscheint die US-amerikanische Reporterin Susan (Jane Fonda) mit ihrem französischen Mann Jacques (Yves Montand) am Ort des Geschehens, um sich für einen Radiobeitrag selbst ein Bild von der Lage zu machen. Bei ihrer Ankunft müssen sie feststellen, dass die Situation schon weit über einen bloßen Streik hinaus ist, denn der Manager (Vittorio Caprioli), der nicht daran denkt, den Forderungen der Arbeiter beizukommen, wird von diesen in seinem Büro festgehalten. Da Jacques und Susan für Abgesandte der Betriebsleitung gehalten werden, welche die Absichten der Arbeiter verunglimpfen sollen, sperrt man sie ebenfalls im Büro ein. Während draußen Vertreter der Gewerkschaften versuchen zu vermitteln, kommt Susan ins Gespräch mit dem Manager und schließlich auch mit den Arbeitern, die nun erkennen, dass sie mit ihrer Reportage keinesfalls die Lage der Direktion herausstellen will. Jedoch hat diese Erfahrung eine enorme Konsequenz auf das Zusammenleben von Susan und Jacques sowie ihr Verhältnis zu ihrer eigenen Tätigkeit. Als Vertreter der intellektuellen Klasse sowie der Kultur steht die Frage im Raum, inwiefern es nicht gar in ihrer Verantwortung steht, selbst Position zu den gesellschaftlichen Ereignissen zu beziehen.

Engagement und Neutralität
Mit ihrer vorletzten Zusammenarbeit als Dziga-Vertov-Gruppe, benannt nach einem bekannten sowjetischen Filmemacher der 1920er und 1930er Jahre, legen Regisseur Jean-Luc Godard und Filmkritiker Jean-Pierre Gorin ihren vielleicht kommerziellsten Film vor. Ähnlich wie bei ihrem vorherigen Film Wladimir und Rosa wird aber auch in Alles in Butter eben jene Konstruktion des Films sowie der Aspekt der Kommerzialisierung unter die Lupe genommen, der sich in der Besetzung zweier Stars sowie den Eckpfeilern einer Geschichte äußert, welche neben einer politischen Ebene auch eine zwischenmenschliche aufweisen muss, in diesem Fall in der Beziehung der „Er“ und „Sie“ benannten Charaktere. Dabei ist ein für den Zuschauer weitaus zugänglicherer Film entstanden, der vier Jahre nach den Ereignissen im Mai 1968 sich fragt, welche Rolle der Intellektuelle hat bei der Kritik wie auch der Umwälzung gesellschaftlicher Verhältnisse.

Nach außen hin wirkt zumindest die von Jane Fonda gespielte „Sie“ oder Susan interessiert und engagiert, auch wenn ihr, wie sie an einer Stelle sagt, noch die richtige Sprache fehlt, um zu artikulieren, was sie über Ereignisse wie den Streik in der Fabrik denkt. Dagegen scheint „Er“ oder Jacques, ein ehemaliger Regisseur der französischen Neuen Welle, mit dem Protest abgeschlossen zu haben und seine Kreativität in den Dienst der Werbeindustrie, einem Ableger des Kapitalismus und der Konsumgesellschaft, gestellt zu haben. Mit fast schon resignativem Gestus beschreibt er dies als eine Notwendigkeit und im Wissen um die Chancenlosigkeit des Idealismus im Kampf gegen die Ideologie des Kapitalismus. Darüber hinaus verbindet ihn ein Erschrecken über die Radikalität, die der Protest von 1968 im Jahre 1972 angenommen hat, eine offene Umarmung der Wut und der Frustration, die sich in Zerstörung und Anarchie äußert. Am Ende jedoch ist, wie der Titel etwas spitzbübisch behauptet, „alles in Butter“ und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die herrschende Ideologie gewinnt.

Vom Wesen der Wurst
Im Kern des Films stehen jene Episoden in der Wurstfabrik oder genauer gesagt dessen Geschäftssitz, der von den Arbeitern gestürmt wurde. Mit Rückgriff auf den schon bei Wladimir und Rosa eingesetzten Brechtschen Verfremdungseffekt inszenieren Godard und Gorin dies wie eine große Bühne, was dem Zuschauer die Möglichkeit gibt, Distanz zum Geschehen zu nehmen. Indem sich Figuren direkt an den Zuschauer wenden, direkt in die Kamera reden, wird die ideologische Absicht des Films mehr als transparent und man erkennt die Metapher, welche die Regisseure hier kreieren. Das mag nicht besonders subtil sein, verfehlt aber nicht den gewünschten Effekt, wenn man die dargestellte Situation auf heutige Zusammenhänge überträgt.

Credits

OT: „Tout va bien“
Land: Frankreich, Italien
Jahr: 1972
Regie: Jean-Luc Godard, Jean-Pierre Gorin
Drehbuch: Jean-Luc Godard, Jean-Pierre Gorin
Musik: Paul Beuscher
Kamera: Armand Marco
Besetzung: Yves Montand, Jane Fonda, Vittorio Caprioli

Trailer

Filmfeste

Berlinale 1973
Locarno 2004

kaufen/Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.




(Anzeige)

Alles in Butter (1972)
"Alles in Butter" ist ein politisches Drama darüber, was es heißt, sich politisch zu engagieren. Der Film ist auch eine bittere Analyse der Folgejahre nach den Aufständen der 68er und fragt, was geblieben ist oder sich geändert hat, aber dem Zuschauer auch darlegt, welche Mächte tatsächlich unsere Welt und unser Leben regieren.
7von 10

Über den Autor

Freier Autor

Hinterlasse eine Antwort